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Touratech Travel Time 02_2012

PROJEKT JOHN BRYDEN 34 2 2012 von Touratech schenkten, zum unersetzlichsten Ausrüstungsge- genstand von allen. Als sie bei mir ankam, war ich erst mal etwas perplex – eine simple Tasche ohne Fächer, die noch nicht mal einen Reißverschluss hatte. Aber es war das einzige Gepäck- stück, dessen Inhalt von Anfang bis zum Ende der Reise 100 % trocken blieb. Dass Dinge wie Schlafsack und Kleidung nicht nass werden, ist essentiell, und genau dafür hat diese Packta- sche gesorgt, obwohl sie nicht immer gut behandelt wurde.« Mehr als acht Kilometer in der Stunde waren mit dem kleinen Motorrad an den steilsten Anstiegen nicht drin – da braucht es schon einen eisernen Willen und Geduld, um durch- zuhalten. Nachts hielt John nicht deshalb, weil er ein gemütliches Gasthaus entdeckt hatte, sondern weil er einfach nicht mehr weiterfahren konnte. Er stellte dann sein kleines Ein-Mann- Zelt am Straßenrand auf. Manchmal rollte er auch nur seinen wasserdichten Schlafsack aus und schlief unter einer Hecke. Morgens stand er früh auf, erwärmte seine Halb-Liter-Wasser- flasche auf dem Gaskocher und tat Kaffee- und Milchpulver hi- nein. Frühstück gab’s erst später. Wir reden hier aber nicht von einem richtigen »englischen Frühstück«, noch nicht mal von Tee und Toast, sondern von ein, zwei Müsliriegeln, die er bei seinem ersten Tankstopp kauf- te. Auf der Weiterfahrt klapp- te er das Visier hoch und aß den Riegel. Solange John die Augen offenhalten konn- te, war er in Bewegung. EINE zusätzliche Pause erlaubte er sich. Egal wo er gerade war, hielt er je- den Morgen um 9.30 Uhr an, um mit Highland Ra- dio zu telefonieren, sei- ne aktuelle Position per Handy durchzugeben, zu beschreiben, was er gerade sah und welche Fortschritte er so machte. Mit 3,5 Millionen Hö- rern war dies eine entscheidende Verbindung zwischen der Öffentlichkeit und Johns Spendenaktion für sein Hilfsprojekt »Kirsty’s Kids«. John nahm das Fundraising sehr ernst. Denn ursprünglich war es Kirsty, die sich diese Reise ausgedacht hatte und ma- chen wollte und nicht ihr Vater. John hatte argumentiert, dass es eine zu große Herausforderung für sie werden würde. Zum Bei- spiel habe sie nur eine Learner’s License, einen Führerschein für Fahranfänger. Was aber laut Kirsty überhaupt kein Problem sei, da sie sowieso nicht auf Schnellstraßen, sondern nur auf klei- nen Nebenstraßen unterwegs sein und somit auch keinen »rich- tigen« Führerschein benötigen würde. John warf ein, dass sie keine Mechaniker-Kenntnisse habe. Auch das sei kein Hinde- rungsgrund, sie sei Motorradfahrerin und falls sie irgendein Pro- blem haben sollte, kämen ihr andere Motorradfahrer zu Hilfe – so sei es üblich. John konnte den Tatendrang der Jugend nicht wegdiskutieren und er wusste, dass Kirsty den Biss hatte, es zu schaffen. Kirsty war damit aufgewachsen, anderen zu helfen, spezi- ell kranken und unterprivilegierten Kindern, sowohl Zuhause als auch im Ausland. So hatte sie bereits 5.000 Pfund aus ihrer ei- genen Tasche verwendet, um in einem Waisenhaus in Afrika zu leben und zu helfen. Sie wusste, dass sie noch mehr Geld be- nötigen würde und wollte, dass dieses Geld den Kindern direkt zugute kommt, anstatt von den Verwaltungs- oder Logistikkos- ten einer großen Hilfsorganisation aufgefressen zu werden. Die Küsten-Umfahrung Großbritanniens sollte helfen, die finanziel- len Mittel aufzutreiben. Sie sollte diese Reise jedoch nie antreten. An besagtem Abend, an dem sie ihren Plan und die nötigen Vorbereitungen mit John diskutiert hatte, kam sie bei einem Verkehrsunfall ums Le- ben. Sie war auf dem Weg, ihren Bruder von einem Jugendclub abzuholen, als ihr Auto an einem bekannten Unfallschwerpunkt ins Schleudern kam und in den angrenzenden See stürzte. Die Umstände sind unsagbar traurig. Als Johns Sohn anrief und sagte, dass Kirsty nicht am Jugendclub angekommen sei, fuhr John hinterher, in der Hoffnung, dass sie eine Panne hät- te und am Straßenrand stünde. Seine Vergangenheit als Poli- zist ließ ihn an bestimmten Stellen instinktiv langsamer werden, dort, wo er wusste, dass Unfälle geschehen. Im Dunkeln sah er am Fahrbahnrand nach einer besonders gefährlichen Kur- John

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