40 Tage Alaska


40 Tage verbrachten Heiko Gantenberg und seine über 20 Jahre alte Africa Twin in Alaska. Erst als der kurze arktische Sommer einem ungemütlichen Herbst wich, zog er weiter Richtung Süden. Hier schildert er seine Erlebnisse.

Die „letzte Grenze“, steht auf dem Nummernschild des nördlichsten Bundesstaates der USA. Mit 1,7 Millionen Quadratkilometern rund fünf Mal größer als die Bundesrepublik, ist dieses 1867 für sieben Millionen Dollar vom russischen Kaiserreich durch die Amerikaner erworbene „Stückchen“ Land ein weiteres riesiges Gebiet auf meiner Reise, auf dessen Erforschung ich mich besonders gefreut habe.

Nachdem ich in den nördlichen Teilen Westkanadas bereits einen Vorgeschmack erhalten habe, bin ich gespannt, was Alaska nun wohl für Eindrücke bringen wird, als ich gegen Mittag an die kleine Grenzstation auf dem „Top of the World Highway“ zufahre. Die Ausreise aus Kanada mit dem „Carnet des Passages“ des ADAC in Deutschland, das ich auf dieser inzwischen ins dritte Jahr gehenden Reise immer noch für die Ein- und Ausreise meines in Deutschland registrierten Motorrads benutze, funktioniert reibungslos.

Bei der Einreise in die USA an der kleinen Grenzstation auf einem Kamm der Ogilvie Berge wirft dieses dort unbekannte und in den USA eigentlich nicht gültige Dokument zunächst Fragen auf. Als dann aber erkannt wird, dass mein Motorrad vier Monate zuvor mit genau demselben Carnet in San Francisco die USA erreicht hat, stempelt man mich bereitwillig ein für einen weiteren Aufenthalt im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“

Bei meinem Studium der Landkarten Alaskas in den vergangenen Tagen war mir aufgefallen, dass es nicht wirklich viele Straßenverbindungen gibt. Vor allem der westliche Teil Alaskas ist quasi nicht auf dem Landweg zugänglich, es sei denn per Schlitten auf zugefrorenen Flüssen in den Wintermonaten.

Nichtsdestotrotz sind die Punkte, die in Alaska in den Sommermonaten über Land erreichbar sind, auch nicht gerade um die Ecke. Ständiges Nachtanken ist angesagt, wobei das Benzin im Vergleich zum Rest der USA doppelt so teuer ist. Die Distanzen sind gewaltig. Da die Sonne kaum untergeht, gerät mein Zeitgefühl völlig aus den Fugen, meine Reisegewohnheiten und Tagesabläufe sind völlig außer Kraft gesetzt.

Kurz nachdem ich die Grenze überquert habe, verschwindet die Asphaltdecke und ein kräftiger Regen setzt ein. So kräftig, dass ich bereits nach wenigen Kilometern in Chicken meinen ersten Halt in Alaska einlege, um Unterschlupf zu suchen. Die Bedienung in dem kleinen Café stammt aus New York und mag nicht darüber reden, was sie an diesen Ort verschlagen hat. Ihr Küchengehilfe aus Kentucky sieht nicht gerade danach aus, dass er einen größeren Teil seines Lebens in Freiheit verbracht hätte…

Das klapprige Café ist in den Wintermonaten geschlossen, die wenigen Bewohner der kleinen Ortschaft Chicken verbringen die kalte Zeit woanders. Der Grenzübergang in der Nähe ist von September bis weit in den Mai geschlossen, die Straße und Piste vom Ufer des Yukon in Dawson in Kanada bis zum Anschluss an den Highway 2, kurz vor Tok in Richtung Fairbanks, wird im Winter nicht geräumt und ist somit unbefahrbar. Nach einer Stunde wird der Regen etwas weniger. Kurz nachdem ich das Asphaltband des Alaska Highways erreicht habe, reißt der Himmel wieder auf und ich rolle an diesem Abend noch einige Stunden in Richtung Fairbanks.

Um 22 Uhr baue ich mein Zelt am Moon Lake auf, und bereits um sieben Uhr am Morgen sitze ich wieder im Sattel und folge dem Lauf des Tanana Flusses in Richtung Nord-West. Es gibt so gut wie keinen Verkehr, nur gelegentlich begegnen mir andere Fahrzeuge.

Eine Elchkuh mit Kalb quert den Highway. Die Schulterhöhe des gewaltigen Tieres, das nur wenige Meter vor meinem Vorderrad sichtlich unbekümmert mit seinem Jungen vorbei zieht, ist beeindruckend. Begegnungen dieser Art werde ich in den kommenden Wochen - vor allem auf unbefestigten Nebenstrecken - immer wieder haben.

Die Weite der Landschaft wirkt wie ein nicht enden wollendes Panorama, das vorüberzieht. Wolken türmen sich an den am Horizont liegenden Gebirgszügen auf, das Land wirkt wilder als in den eher sanften Hügeln im Yukon in Kanada. Eine Stunde, bevor ich Fairbanks erreiche, setzt der Regen wieder ein und es wird kühl. Als ich wenig später durch die Straßen der nördlichsten Großstadt Alaskas rolle, schüttet es wie aus Kübeln. Ein herabhängendes, halb überwachsenes Schild „Motel“,  lädt mich ein abzubiegen. So abgeritten, wie die Reklame für diesen Laden ist, kann das nicht die Welt kosten, denke ich… Nicht fahrbereite Fahrzeuge stehen im Hof, Fahrräder und Blumentöpfe vor den Türen. Der geschotterte, von tiefen Pfützen überzogene Parkplatz ist von Unkraut überwuchert. Nirgends ein Büro … das war einmal ein Motel.

Im Eingang eines Zimmers steht ein Mann in Pyjama-Hose, freiem Oberkörper und einer Dose Bier in der Hand. Durch die Regentropfen auf dem halb geöffnetem Visier erkenne ich, wie er mich zu sich unter das Vordach des vergammelten Gebäudes winkt. „Komm aus dem Regen heraus,“ ruft er mir strahlend zu, als ich tropfend neben ihm steh. Richard stellt sich vor: Vietnam-Veteran, drei Einsätze; danach viele Jahre als Koch in Fairbanks tätig; vom Volk der Athabascan Indianer, die den inneren Teil Alaskas ursprünglich bevölkerten. Seine Brüder seien zu Besuch und sie würden das Wiedersehen feiern, sie hätten leckeres Essen im Haus. Ich solle doch bleiben bei diesem Mistwetter, das ändere sich heute eh nicht mehr. Pudelnass und durchgefroren wie ich bin, denke ich nicht zweimal über diese spontane Einladung nach.

Die drei Brüder trinken Unmengen an Dosenbier an diesem Nachmittag, und Richard serviert eine ausgezeichnete Lasagne.  Sie erzählen viele Geschichten aus Alaskas Alltag. Richard ist der erste in Alaska, der mir berichtet, dass die Winter immer milder werden und die Schneemenge nicht annähernd mehr dieselbe ist, wie er es aus seiner Kindheit in Erinnerung hat.

Nach einer Nacht, in der es nicht wirklich dunkel wurde, mit drei schnarchenden Brüdern im verqualmten Wohnzimmer, breche ich früh unter dem immer noch wolkenverhangenen Himmel auf, um mir eine andere Unterkunft zu suchen. Nur wenige Kilometer entfernt finde ich „Sven’s Basecamp Hostel“ und treffe hier einige andere Reisende auf Motorrädern wieder, die ich bereits in Kanada einige Wochen zuvor gesehen habe.

„Sven’s Hostel“ ist ein Ort, an dem sich viele auf eine Reise über den Polarkreis hinaus zum nördlichsten Punkt, der über Pisten zu erreichen ist, vorbereiten. Die Strecke über den Dalton Highway, die kurz oberhalb von Fairbanks beginnt und ziemlich gerade nach Norden führt, um in Prudohe Bay in einem Ölfeld zu enden, wurde nur gebaut, um die Öllindustrie im Norden Alaskas mit Material zu versorgen und die Alaska-Pipeline, die die Piste auf der gesamten Länge begleitet, zu warten.

Zwei Drittel der Strecke von Fairbanks in den hohen Norden sind unbefestigt und bei starken Regenfällen durch den Lkw-Verkehr oft von tiefen, schlammigen Furchen durchzogen.
Die meisten der Abenteurer, die in „Sven’s Hostel“ abgestiegen sind, bereiten ihre Fahrzeuge, Motorräder, Fahrräder und Geländewagen auf die bevorstehenden Strapazen vor. Fast alle beobachten die Wettervorhersagen und lauschen den Berichten der Zurückkehrenden von dieser - vor allem unter nordamerikanischen Motorradfahrern – sagenumwobenen Fahrt.

Die mitunter schlimmsten Geschichten höre ich… Unbefahrbar, der helle Wahnsinn, die Lkw-Fahrer seien total rücksichtslos. Einige entschließen sich sogar, am Polarkreis umzukehren und auf die restlichen Kilometer, die man von dort noch nach Norden fahren kann, zu verzichten.

Ich treffe Tom und Tina wieder, die beiden Deutschen, die vor vielen Jahren nach Neuseeland ausgewandert sind und für zwei Jahre den nord- und südamerikanischen Kontinent unter die Räder ihrer alten Zweiventil-BMWs genommen haben. Diese beiden gestandenen Motorradfahrer relativieren die Gefahren, und somit bin ich recht unbekümmert, als ich mich am Mittag auf den Weg mache, um den nördlichsten Punkt meiner Reise zu erreichen.

Wenige Kilometer außerhalb von Fairbanks stirbt der Verkehr völlig ab und ich bin wieder in fantastischer Landschaft unterwegs. Ich genieße die Fahrt durch unberührte Natur unter weißen Wolken, die hier und da über den strahlend blauen Himmel ziehen. Ich überquere abermals den Yukon, diesen gewaltigen Fluss, der mir in den vergangenen Wochen immer wieder mal begegnete, auf meinem Weg durch den Norden Kanadas.

 Ich bin flott unterwegs, ein großer Teil der Piste ist gerade und weit überschaubar. Alle Lkw, die mir entgegenkommen machen fair Platz und man grüßt sich kurz und freundlich per Handzeichen.

Ich übernachte etwas nördlich des Polarkreises in Marion Creek und erkunde die Umgebung meines Zeltplatzes spät in der Nacht zu Fuß. Es ist taghell. Ich folge einem Flusslauf, und nach einigen lauten, undefinierbaren Knackgeräuschen hinter mir,  wird mir mulmig. Trotz der Dose mit dem Bärabwehrspray in meiner Tasche ziehe ich mich zurück in der Hoffnung, mich in meinem Zelt etwas sicherer zu fühlen. Als Großstadtmensch der Natur Alaskas ausgesetzt zu sein, klingt zwar sehr romantisch, ist in der Realität aber oft auch einschüchternd.

Am kommenden Tag führt meine Route durch die Brooks Berge. Diese nördlich des Polarkreises gelegene Gebirgskette unterscheidet diese Strecke deutlich von der Tundra-Landschaft im Norden Kanadas. Ich überquere den Atigun-Pass und versuche, bei einem Halt die Aussicht ins Tal in Richtung Süden zu genießen und einige Aufnahmen zu machen. Fehlanzeige. Nur Sekunden, nachdem ich meinen Helm abgesetzt habe, fallen Milliarden von Mücken über mich her. Sie krabbeln in meine Ohren und Nase. Bei dem Versuch, Luft zu schnappen, landen einige in meinem Mund. Schnell versuche ich, einige Fotos zu machen. Wie sich später herausstellt, sind auf allen Fotografien von diesem Pass irgendwo Mücken im Bild.

Am Nachmittag erreiche ich Deadhorse, den südlichen Teil der Prudohe Bay, ein Ölfeld in der Tundra kurz vor der Küste des Nordpolarmeers. Eine Stunde irre ich durch den öffentlich zugänglichen Teil mit Fördertürmen und Containersiedlungen. Ich versuche, auf einem großen Platz, auf dem mehrere Schneeraupen und andere Spezialfahrzeuge abgestellt sind, mein Zelt aufzuschlagen.

Nach wenigen Minuten bekomme ich Besuch von einem Polizisten, der mir erklärt, dass es nicht möglich sei, in Prudhoe Bay zu campen, zu viele Bären! Ich müsse mir ein Zimmer nehmen. Da ich für den kommenden Morgen zu einer Bustour ans Polarmeer angemeldet bin, bleibt mir wohl keine andere Wahl. Für 209,- Dollar lande ich schlussendlich in einer der Containerunterkünfte. Noch nicht mal ein eigenes Bad bekomme ich für die bisher teuerste Übernachtung meiner Reise.

Die Fahrt an die Küste der Beaufortsee am nächsten wolkenverhangenen Morgen ist nicht wirklich, was ich erwartet hatte. Leider ist es nicht möglich, mit dem eigenen Fahrzeug an die Küste zu gelangen. Alles ist abgesperrt, und durch mehrere Kontrollposten erreicht unser klappriger Tour-Bus eine kleine Bucht mit deutlichen Spuren der Öllindustrie. Es liegen rostige Fässer und Bauteile von Fördertürmen in der Landschaft. Kein Krümel Eis ist zu sehen. Das muss vor 20 Jahren hier selbst im Sommer noch anders ausgesehen haben.

Die globale Erwärmung ist hier in der Arktis deutlicher sichtbar als an vielen anderen Orten der Welt. Das Packeis, das nur stellenweise für einige Monate im Sommer aufbricht, hat sich weit nach Norden zurückgezogen. Der Lebensraum des Polarbären schwindet so sehr, dass in diesem Sommer die Gemeinde Fort Yukon, immerhin etwa 500 km im Landesinneren, Besuch von einem Eisbären hatte, der auf der Suche nach Nahrung war.

Den Eisbären fehlt schlichtweg das Eis, das sie für ihre Jagd benötigen. Ihr Lebensraum schwindet dramatisch.

Mittags verlasse ich die triste Industriekulisse bereits wieder und fahre entlang des Sag Flusses wieder in Richtung Süden. Der Himmel, zunächst grau an diesem Tag, reißt stellenweise wieder auf,  und im faszinierendem Licht des arktischen Sommers ziehen große Eisschollen den Fluss hinab, der erst seit wenigen Wochen seinen Aggregatszustand von fest nach flüssig verändert hat.
Eine Caribou-Herde zieht durch die Tundra, gefolgt von dunklen Schwaden von Mücken, die die Tiere umschwärmen.

Es regnet in teils kräftigen Schauern, als ich die Brooks Berge wieder erreiche und die Piste ist an einigen Stellen recht tief. Mit anständig verschlammtem Motorrad und Anzug rolle ich etwas nördlich von Coldfoot am Abend auf einen Zeltplatz. Kaum Mücken an diesem Ort, was das Kochen und Entspannen am Abend zur Wohltat machen. Ich treffe Jesse aus Nebraska, unterwegs auf einer F 800 GS in Richtung Norden. Jesse, wie ich alleine unterwegs, ist verwundert darüber, dass ich als Deutscher nicht auf einer BMW unterwegs bin. Am kommenden Morgen trennen sich unsere Wege und wir verabreden uns irgendwann für die kommenden Tage in Sven’s Hostel in Fairbanks,
Mein Kettensatz samt Ritzel und die hinteren Bremsbeläge für mein Motorrad sind inzwischen arg verschlissen und ich habe mir Ersatzteile nach Fairbanks bestellt, um nach meiner Rückkehr aus Prudohe Bay einige Reparaturen und Wartungen vorzunehmen.

Noch sind einige Tage Zeit, bis meine Teile dort eintreffen werden, so dass ich mich am Abzweig nach Manley Hotsprings dazu entschließe, auch noch die 200 km zum westlichsten Punkt Alaskas, der über Pisten im Sommer zu erreichen ist, zu fahren. Die Piste nach Manley, auch Elliot Highway genannt, entpuppt sich als technisch wesentlich anspruchsvoller als der berühmte, nach Norden führende Dalton Highway. Durch brachiale Löcher und tiefe Rillen führt der Weg hinaus in diese von nur 65 Menschen bewohnte Ortschaft mit ihren heißen Quellen. Für nur fünf Dollar die Nacht kann ich mein Zelt gegenüber vom Manley Roadhouse aufstellen. Eine Seltenheit in Alaska, so günstig unterzukommen!

Mit dem gesparten Geld kann ich das gute Essen im Roadhouse genießen und dabei am Tresen mit den Bewohnern dieses Orts, der fernab von allem liegt, ins Gespräch kommen. Bereits am zweiten Tag meines Aufenthalts in Manley werde ich von Ken eingeladen, auf dem Tanana Fluss, an dessen Ufer Manley liegt, Lachse zu fangen.

In nur zwei Touren auf Kens kleinem Boot fangen wir 16 Lachse. Wenige Stunden später sind diese Fische zu 36 Kilogramm Lachsfilet verarbeitet. Die Filets der gefangenen Fische werden mit anderen Dorfbewohnern geteilt und wir behalten nur, was wir selbst essen können. Ich habe eine großartige Zeit und Manley und genieße es, jeden Morgen in den heißen Quellen zu baden.

Als ich einige Tage später in Fairbanks ankomme, gleicht das Hostel einem Motorradtreffen. Etwa 15 Maschinen - überwiegend aus Nordamerika - stehen auf dem Parkplatz. Man löchert mich mit Fragen über den Zustand der Strecke nach Prudohe Bay. Viele Amerikaner, die ich hier treffe, vermitteln den Eindruck, als ob sie den Polarkreis querfeldein erreichen müssten. Gemeinsam mit Jesse, den ich in Fairbanks wiedertreffe, amüsiere ich mich über das Legenden.Geschwätze und die Sorgen, die sich manche Fahrer über dieser Piste machen.

Der Dalton Highway ist zwar eine zum größten Teil unbefestigte Strecke, die bei Regen auch durchaus ihre Schwierigkeiten hat. Sie wird aber auch von großen Lkw befahren und ist somit mit schweren Reisemotorrädern durchauszu bewältigen. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit liegt - wenn es nicht zu nass ist - bei erfahrenen Reitern meist um die 100km/h. Die Piste ist somit nur ein Bruchteil so abenteuerlich wie ihr Ruf.

In Fairbanks findet während meines Aufenthalts die Eskimo-Olympiade statt. Ich werde Zeuge vieler spannender Wettkämpfe in Disziplinen wie „Robbenlauf“ oder artistischen Versionen von Ballspielen. Die Stimmung ist großartig. Ich treffe eine Frau mit traditionellen Tätowierungen ihres Volkes. Die Vielfalt der Sprachen und Kultur, verschiedenste Trachten, Tänze, Trommeln: Die Welt der indigenen Völker des Nordens ist vielältiger, als ich mir vorzustellen vermochte.

Nachdem ich den Weißen Elefanten mit den aus Deutschland erhaltenen Ersatzteilen wieder runderneuert, einige Schilder für das äußerst gastfreundliche und gemütliche Hostel in Fairbanks gemalt und ein paar Tätowierungen angefertigt habe, breche ich gemeinsam mit Jesse auf. Wir haben einen ähnlichen Humor und mögen es auch mal, unvernünftige Entscheidungen zu treffen.

Wir freuen uns, zusammen schwierigeres Terrain unter die Reifen nehmen zu können. Als Alleinreisender immer ein sehr riskantes Unterfangen. Auf unserem Weg nach Süden versuchen wir den Denali, den höchsten Berg Nordamerikas, zu sehen. Er versteckt sich in dicken Wolken, so dass wir in östliche Richtung ziehen und unser erstes gemeinsames Lager in einem weiten Tal in der Mitte des East Denali Highway, einer 160 km langen Schotterpiste, aufschlagen.

Heftige öen fegen über die weite Landschaft. Drei Gletscher ziehen von den gegenüberliegenden Bergen ins Tal hinab. Nach einem üppigen Mahl sitzen wir warm eingepackt, wortlos in unseren Campingstühlen bis tief in die ewig helle Nacht und sind überwältigt von der Schönheit der Landschaft.

Unsere Fahrt am kommenden Tag wird immer wieder von krftigem Regen begleitet, so dass wir um 15 Uhr pudelnass am Pistenrand auf dem Weg nach Mc Carthy, eine Plane spannen, unter der wir für ein paar Stunden Zuflucht suchen. Als der Regen etwas nachlässt, schaffen es an diesem Tag noch nach Mc Carthy. Dieses kleine Städtchen am Ende einer deftigen Schotterstrecke liegt am Fuße des gewaltigen Kennecot-Gletschers unweit der ehemals größten Kupfermine der Welt, der Kennecot Mine. Mc Carthy ist nur über eine Fußgängerbrücke zu erreichen.

Nach einigem Suchen finden wir einen Pfad, der uns bis an den Gletschersee führt. Unter gewaltigem Krachen brechen riesige Eisberge vom Gletscher ab und stürzen und in den See. Mutig schlage ich mein Zelt direkt oberhalb des Seeufers auf und ich bereue diesen Entschluss, als ich einige Stunden später aufschrecke: Ein dicker Brocken lässt einige gewaltige Wellen ans Ufer schlagen. Wir finden große Mengen an altem Holz, das der Gletscher am unteren Ende ausspuckt. So haben wir jede Nacht ein prasselndes Lagerfeuer. Ein junger Schwarzbär läuft nur wenige Meter entfernt an uns vorbei und uns wird ziemlich mulmig, weil wir nicht sicher sind, wo seine Mutter wohl sein mag. Mehrere Tage verbringen wir in der beeindruckenden Kulisse am Gletscher und erforschen die ehemalige Mine. Es fällt uns schwer, diesen magischen Ort wieder zu verlassen.
Für einige Tage reisen wir durch die Weite Alaskas in Richtung Anchorage. Das nicht endend wollende Panorama, dass sich hinter jeder Kuppe ausbreitet, wird nie langweilig. Die  Vielfalt der Gebirgsformationen, die verschiedenen Vegetationszonen, permanenter Schnee auf den hohen Bergen, Gletscher…

Noch einmal versuchen Jesse und ich unser Glück, den höchsten Berg Nordamerikas zu Gesicht zu bekommen. Wir versuchen, uns von der Südseite an den Riesen Mount Mc Kinley oder Denali, wie ihn die Einheimischen nennen, heranzupirschen. Bei Trapper Creek biegen wir auf eine Piste in Richtung Peterville. Regen setzt ein, und nachdem der Weg immer schlammiger und tiefer wird und der solide graue Himmel nicht den geringsten Blick auf den Berg freigeben will, beschließen wir umzukehren. Ein paar Tage verbringen wir in Anchorage, wo wir unsere Zelte günstig im Garten des Anchorage Hostels aufstellen können. Ich besuche das Museum für Native Kultur in Anchorage und finde viele Hinweise auf die einst üppige Tätowierkultur vieler Eskimovölker.

Nach diesem Zwischenstopp in Anchorage, bei dem ich auch Chad Yoshitomi wiedertreffe, den ich einen Monat zuvor in Dawson kennengelernt hatte, breche ich auf, um den Süden Alaskas zu erkunden. Chad, ein erfahrener Motorradfahrer, der seit 40 Jahren in Alaska lebt und Teamfahrer der GS Trophy war, gibt noch einige wertvolle Ratschläge zu unbekannten Nebenstrecken und Orten, die ich in diesem Teil Alaskas finde.

Ich besuche Whittier und bin abermals sprachlos angesichts der überwältigenden Schönheit der Natur. Gletscher ragen in die Täler, die Whittier umgeben. Über einen langen Tunnel, der nur in eine Fahrtrichtung geöffnet wird, geht es an den Fjord, der Whittier mit dem Ozean verbindet. Kleine Fischerboote liegen im Hafen, der auch Haltepunkt der Fähre ist, die Alaska mit den USA verbindet.

Auf der Webseite der Fährgesellschaft war es umständlich, die wirklichen Kosten der Fahrt zu ergründen, also nutze ich die Möglichkeit, im Büro der Fährgesellschaft in Whittier Informationen zu bekommen. Nach der Anfrage steht fest, dass ich den gesamten Teil der Passage von Alaska in die USA nicht mit dem Schiff realisieren kann … unverschämt ist noch geschmeichelt

Ich gelange an diesem Tag noch an den Exit Gletscher in der Nähe von Seward. Mein Zeltlager im Flussbett des Ressurection Flusses wird am kommenden Morgen von heftigem Regen beinah weggespült. Ich packe alles nass ein und fahre die wenigen Kilometer bis Seward im strömenden Regen. Unter einer Plane baue ich mein Zelt nass wieder auf und schaffe es trotz des prasselnden Regens, der den ganzen Tag nicht nachlässt, meine Unterkunft wieder so trocken zu bekommen, dass ich die kommende Nacht darin schlafen kann. Der Himmel über Seward ist von schweren Wolken verhangen und der Regen stoppt kaum in den kommenden Tagen. Durch mieses Wetter arbeite ich mich in den kommenden Tagen bis in die Nähe von Homer.

Am Anchor Point, etwa dreißig Kilometer vor Homer, sitze ich am Ende fast eine Woche im Dauerregen unter der Plane in meinem Camp. Nur einige kurze Ausflüge in die Umgebung sind möglich. Das Wetter ist umgeschlagen. Der arktische Sommer scheint sich in den Herbst verwandelt zu haben. Nur kurz und schemenhaft gibt die graue Suppe die Sicht auf die gegenüberliegende Küste frei. Für Sekunden sind die Ausläufer des pazifischen Feuerrings dort zu sehen, Vulkane bis über 3000 Meter hoch.

Das Wetter schafft mich allmählich. Ich laufe den Strand, der nur einen Steinwurf von meinem Zelt entfernt liegt, auf und ab und beobachte, wie die Möwen um tote Fische ringen. Immer wieder landen Weißkopfseeadler dazwischen, von denen ein halbes Dutzend in verschiedenen Nestern in einem Wald direkt neben meinem Zeltplatz wohnen. Die Möwen überlassen diesen majestätischen Vögeln alles kampflos. Sie werden wissen warum.

Nur einmal gibt das seit Tagen ergiebige Tiefdruckgebiet den Blick auf die Kulisse um den Fischerort Homer frei. Minutenlang wird ein atemberaubendes Panorama aus schroffen Bergen und Gletschern sichtbar.

Bei kräftigem Regen packe ich mein Lager schließlich zusammen und fahre frustriert in einem Rutsch von Homer nach Anchorage. Auf der gesamten Strecke regnet es ohne Unterlass. Nirgends auf der Welt bin ich über 400 km im Dauerregen unterwegs gewesen. Nicht ein einziges Mal lässt die Intensität nach und ich bin froh über den großen Touratech-Tank an meinem Motorrad. Wenigstens muss ich bei dieser Wasserschlacht keinen Tankstopp einlegen.  Die Temperaturen sind in den vergangenen Tagen deutlich gefallen und immer wieder habe ich Zugvögel gesehen, die in Scharen in Richtung Süden unterwegs waren.

Ich bin froh, in dieser Nacht bei Chad in Anchorage im Trockenen unterzukommen und nutze die Gelegenheit, bei ihm zu Hause meine nassen Sachen zum Trocknen aufhängen zu können.
Am kommenden Tag kann ich in Chads Werkstatt einen überfälligen Ölwechsel machen und mein Motorrad auf die anstehenden Kilometer in Richtung Süden vorbereiten. Noch einmal kann ich frisch gegrillten Lachs genießen und weiteren Geschichten aus Alaska lauschen. Chad berichtet mir von Gletschern, die weit bis ins Meer reichten, als er ein junger Mann war, und die inzwischen viele Meilen ins Land zurückgewichen seien. Von Wintern die immer milder werden, vor allem in Anchorage. Hier im Süden Alaskas liege manchmal sogar zu wenig Schnee, um ordentlich Snowmobil  fahren zu können.

Nach 40 Tagen in Alaska, in denen ich in 37 Nächten in meinem Zelt geschlafen habe, bin ich auf dem Weg zurück zur kanadischen Grenze, als ich am Abzweig des Tok Highways eine Dieselspur erwische. Der Weiße Elefant schlittert laut knirschend über den rauen Asphalt, ich selbst rutsche in eine andere Richtung, rolle einmal über die Schulter und stehe wieder auf den Füßen. Aus einem kleinen Kaffeeladen an der Abzweigung kommen Gäste angelaufen, eine Familie aus einem Auto, das in die andere Richtung unterwegs war, umringt mich. Alle wollen mir helfen. Ich beruhige sie, dass es mir gut gehe und mir nichts passiert seihe. Zwei Männer helfen mir, das Motorrad aufzurichten. Die Windschutzscheibe ist an einer Seite fast bis auf den Tankrucksack heruntergebogen. Ein Verkleidungsteil  hängt schlaff herab, ein Koffer hat deutliche Schleifspuren und so weiter.

Ich biege alles notdürftig gerade und setze meine Fahrt noch bis Tok fort an diesem Tag.
Das war der erste heftige Sturz dieser Fahrt, aber alles ist glimpflich ausgegangen – zum Glück!

Tausend Dinge gehen mir durch den Kopf, als ich am kommenden Morgen auf die Grenzstation zurolle. Dies war sicher ein weiterer besonderer Abschnitt dieser Reise. In dem Zeitfenster, das mir im kurzen, aber intensiven Sommer des Nordens zur Verfügung stand, konnte ich nur einen Teil der überwältigenden Naturschönheiten ich erfahren. Gern hätte ich mehr erlebt, musste mich aber den Elementen geschlagen geben. Die Landschaft und die Menschen, die ich in Alaska kennenlernen durfte, waren rau und natürlich, geprägt vom Leben in den Extremen zwischen totaler Dunkelheit im Winter und den immer hellen Sommern, den gewaltigen Temperaturunterschieden, der unfassbaren Größe und der Üppigkeit der Natur. Sehr gerne werde ich hierhin nochmals zurückkehren.

Die Ausreise mit dem Carnet klappt an der Hauptgrenzstation des Alcan Highways reibungslos. Ich plaudere noch ein wenig mit dem freundlichen Grenzbeamten und schwärme davon, wie gut es mir in seiner Heimat gefallen hat. „Kommen Sie bald wieder“,  strahlt er mich an…

Kategorie: Adventure | Travel