Coming Home


Was für die meisten schon eine halbe Weltreise an sich ist, ist für den Welschensteinacher Martin Brucker nur ein etwas längerer Heimweg. Nach sechseinhalb Jahren hat er sich entschlossen, mal wieder im Schwarzwald vorbeizuschauen, wo er voraussichtlich Mitte Oktober eintreffen wird. Hier berichtet er über den langen Weg von Vancouver zurück nach Europa.

„Letzten Winter, bei meiner Überwinterung in Gibsons, Kanada (nähe Vancouver), stand ich vor einer Entscheidung. Weiterfahren - wenn ja, dann müsste ich mich mal wirklich um mein Moped kümmern, um sicher zu gehen, dass es noch ein bis zwei Jahre durchhält. Oder die Heimat besuchen und nach dann 6 1/2 Jahren mal wieder meine Familie, Freunde und Bekannte zu sehen.

Ich habe mich dann für die Heimat entschieden. Dadurch stand ich vor der nächsten Entscheidung - auf welchem Weg soll es nach Hause in den Schwarzwald gehen? Gen Osten durch Kanada oder die USA an die Ostküste und von dort nach Portugal, Spanien, Frankreich oder Marokko verschiffen, oder aber gen Westen: Von Vancouver nach Wladiwostok verschiffen, durch Sibirien, die Mongolei und die "-stan's" zurück nach Europa. Süd-Korea und Japan standen auch kurz auf dem Zettel, aber nachdem ich die Info hatte, dass ein Fahrzeug mit deutschem Nummernschild schwer legal ins Land zu bringen sei und dies auch teuer werde, war dieses Ziel auch wieder schnell vom Tisch.

Gen Westen als nach Hause. Der Weg hat sich dann schnell herauskristallisiert. Auch weil die Mongolei schon seit Jahren auf meiner „To-do-Liste“ stand. Im Dezember ging es dann los mit den Vorbereitungen. Da ich mehrmals in Russland einreisen wollte, musste ich ein Businessvisum beantragen, was eigentlich nur etwas mehr Papierkram und Geld für die Gebühren bedeutet. Für die Beantragungen mussten ein paar Zeiten eingehalten und mein zweiter Reisepass nach Deutschland zur Beantragung geschickt werden. Währenddessen hatte sich Besuch aus Deutschland angemeldet und Japan als Reiseziel auserkoren, auch um mir die Zeit der Verschiffung nach WladiWostok etwas zu verkürzen.

Am 18. März lief mein Visum für Kanada aus. Ab dem 12. März konnte ich meine Kiste mit dem Moped beim Verschiffungsagenten abgeben ohne extra Lagergebühren bezahlen zu müssen. Ende März ging es dann für mein Moped auf die Reise nach WladiWostok in Russland. Am 16. März flog ich nach Chiang Mai in Thailand, um die Zeit zu überbrücken und andere Reisende und Bekannte zu treffen. Mein Reisepass war in der Zeit auf dem Weg von Deutschland nach Tokio, Japan.
Am 7. April landete ich dann in Tokio, um meine Freunde zu begrüßen und mit ihnen drei Wochen lang Japan im Campervan zu bereisen. Dann war es endlich soweit, am 1. Mai kam ich in Wladiwostok, Russland, an. Am nächsten Tag war dann auch wieder zusammen, was zusammen gehört: Mein Moped wurde mit Hilfe von Juri aus dem Zoll befreit. Alles lief ohne Probleme und war am Vormittag erledigt.

Meine Batterie hatte die Belastungen der Reise leider nicht überstanden, doch nachdem ich diese getauscht hatte, stand einer Fahrt durch Sibirien nichts mehr im Weg. Magadan und die BAM standen auch kurz auf dem Zettel. Doch ein kurzer Austausch mit anderen Reisenden, die beides schon gemacht hatten, ließ die Vernunft siegen. Für beide Strecken ist der Mai eine viel zu frühe Reisezeit. Regen, Schnee, hoher Wasserstand, Matsch. Juli, August, September sollen die Monate sein, in denen man ein solches Abenteuer wagen kann.

Auch so waren die Temperaturen in Sibirien noch ein wenig frostig. Schnee neben der Straße und Regen waren die Regel. Hinzu kam noch ein verheerender Grasbrand, der sich über Tage entlang der Straße hinzog. Dadurch war es nicht immer einfach, einen rauchfreien Platz für mein Zelt zu finden. Die Nebenstrecken waren hingegen alle noch richtig nass, und sobald man sich von der einzigen Straße wegbewegte, stand man im Matsch.

In der Mongolei wurde das Wetter nur unwesentlich besser. Immer wieder fuhren sich Busse und Autos fest. Ein paar Flüsse waren für mich aufgrund des hohen Wasserstands etwas mehr als eine kleine Herausforderung, um mein Moped sicher und trocken ans andere Ufer zu bringen. Nichtsdestotrotz war die Mongolei eines der Highlights auf meiner Tour. Die Mongolei habe ich einfach nur genossen, auch mit meist feuchten Stiefeln. Sie ist eine der letzten Bastionen, wo man wirklich noch Hunderte von Kilometern am Stück auf unbefestigten Wegen unterwegs sein kann und auch muss, wenn man das Land durchqueren will.

Die "-stans" waren als nächstes zu durchfahren. Kasachstan durchfuhr ich im Osten ziemlich schnell, um nach Kirgistan zu kommen. In Bishkek war es dann Zeit für mich, meine letzten Visa zu beantragen - Tadschikistan und Usbekistan. Für beide wurde ein genaues Einreisedatum verlangt.

Ich hasse es, wenn so was benötigt wird, die Unabhängigkeit geht dabei den Bach runter. In Kirgistan ging es dann auf dem Pamir Highway und kurz vor der Weiterreise nach Tadschikistan auf ein Yak- und Pferdefestival.

In Tadschikistan auf dem Pamir Highway wurde mir und meinem Moped dann wieder einiges abverlangt. Die eine oder andere Situation überstand ich nur mit Glück und weniger mit Können. Als ich am Ende einer Nebenstrecke auf eine Straßenkontrolle traf, sollte ich eine Genehmigung vorzeigen, die ich leider nicht hatte, weil mir am Einstieg der Strecke versichert worden war, ich bräuchte diese nicht.

Nachdem ich Hasan die Umstände erklärt hatte, verschwand mein Reisepass in einem etwas weiter entfernten Gebäude. Hasan kam zurück und wir unterhielten uns. Irgendwann fragte er mich, ob ich gerne einen Tee haben möchte. Ich sagte ja, und Hasan verschwand erstmal für ein paar Minuten, um wieder mit einer vollen Plastikflasche Tee, einer Fleischkonserve und zwei Fladenbroten zurückzukommen. Für mich und meine Weiterreise, wie er mir versicherte. Ich nahm dankend an, und kurze Zeit später hielt ich auch wieder meinen Reisepass in den Händen. Weiter ging es durchs Pamir-Gebirge.

Bei der Einreise nach Usbekistan musste ich alle meine Sachen auspacken und auf einen Teppich legen. Alles wurde inspiziert und begutachtet; die Bilder auf meiner Kamera durchgesehen, der Laptop hochgefahren und die Festplatten kurz eingesehen. Auch im Land selbst war Zelten offiziell nicht wirklich gern gesehen und für jede Übernachtung im Hostel eine Registrierung eingefordert, was bei der Ausreise letztendlich aber keine Rolle gespielt hat. Kurzum, ich fühlte mich nie allein auf meiner Fahrt durch Usbekistan.

Durch Kasachstan ging es dann wieder zurück nach Russland. Moskau und den Roten Platz wollte ich unbedingt sehen. Kurz vor Moskau hat mein Moped (G 650 Xchallenge) dann die 250 000 km auf den Tacho gedreht - davon sind 247 750 Reisekilometer. Für mich schon ein besonderes Ereignis. Ich entschied mich dafür, meine Tour bis nach St. Pertersburg und in die Baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen zu verlängern.

In Moskau kam ich dann wieder in den Genuss der russischen Gastfreundschaft. Auf der Suche nach einem Kettensatz stieß ich auf eine kleine, aber feine Motorradwerkstatt,  die mir die Teile umsonst montierte und mich dann an Bekannte in St. Petersburg weiterreichte. Unter anderem auch an Pavel von Touratech Russland. Pavel lud mich zum Abendessen ein und gab mir ein paar Tipps für den weiteren Weg nach Europa.

Seit einigen Tagen bin ich nun wieder in Europa unterwegs und vermisse jetzt schon den Rest der Welt - ist das normal? Am Sonntag in Riga, Lettland, durfte ich dann auch meinen ersten Strafzettel im Empfang nehmen. Warum und wieso konnten mir auch die Leute an der Rezeption des Hostels nicht sagen - war nicht ersichtlich für sie auf dem Zettel. Nur, dass ich innerhalb von 24 Stunden den Betrag von 53 Euro auf das angegebene Konto überweisen sollte. Naja, wenn ich demnächst mal Post aus Lettland bekommen sollte, weiß ich ja dann warum.

Mein weiterer Weg zurück in den Schwarzwald führt durch Polen, um bei Berlin wieder in Deutschland einzureisen. Dort werde ich ein paar Freunde besuchen und anschließend auf der INTERMOT in Köln vorbeischauen, bevor sich dann mein Kreis, etwa Mitte Oktober, offiziell im Schwarzwald schließt. Abgefahren an der Haustür und am Ende auch wieder vorfahren mit dem gleichen Moped - das war eine meiner Vorgaben, nachdem ich mich in Australien zur Weiterfahrt entschlossen hatte. Die Umsetzung dazu war nicht immer leicht, am Ende jedoch auf jeden Fall alle Entbehrungen und jeden Schweißtropfen wert.“

Mehr über Martins Weltreise gibt's hier.

Kategorie: Adventure | Travel