Die letzten Kilometer einer Weltreise…


legte Heiko Gantenberg in Europa zurück. Eine direkte Rückkehr nach Deutschland kam für ihn nicht in Frage, denn er wollte sich noch „ein wenig fremd fühlen“, bevor er wieder in gewohnter Umgebung sesshaft werden würde. Hier berichtet er über den letzten Teil seiner Weltreise.

„Ein Wechsel von Wehmut über das vorläufige Ende des Sich-Treiben-Lassens und Freude auf Zuhause überkommt mich, als ich in ein Taxi steige, dass mich vom letzten Motelzimmer auf amerikanischem Boden zum riesigen Flughafen von Atlanta fährt.Tagelang war ich in diesem Industriegebiet unweit des Flughafens, um den Rücktransport meines Motorrads nach Europa auf den Weg zu bringen. Das einzig Gute an den letzten Tagen war das mexikanische Restaurant auf der anderen Seite der vierspurigen Hauptstraße, auch wenn ich jedes Mal beim Überqueren als Fußgänger mein Leben riskierte… das gute Essen war es wert.

Einige Stunden später sitze ich in der Enge eines Passagierflugzeugs über dem atlantischen Ozean und nähere mich meinem nächsten Etappenziel in Windeseile. Zu gern hätte ich auch diesen Ozean mit dem Schiff überquert. Was mir acht Monate zuvor mit der Pazifiküberquerung von Neuseeland in die USA mit dem Containerschiff gelungen war, sollte diesmal an der massiv aufgepumpten amerikanischen Bürokratie scheitern. Nach den Odysseen durch die Zollstuben in Atlanta reichte es mir auch, eigentlich wollte ich inzwischen ganz gernNACH HAUSE! Nur acht Stunden später habe ich den Ozean überquert. Für dieselbe Strecke hätte ein Frachtschiff zehn Tage gebraucht. der vierspurigen Hauptstraße, auch wenn ich jedes Mal beim Überqueren als Fußgänger mein Leben riskierte… das gute Essen war es wert.

Seit Wochen bin ich in London mit meinem ehemaligen Reisekumpan Dan Skeates, mit dem ich im Juni und Juli 2014 durch Pakistan zusammen mit bewaffneten Eskorten unterwegs war, in Kontakt. Dan war bereits vor über einem Jahr von seiner Reise zurückgekehrt und freut sich riesig, mich in Groß Britannien in Empfang zu nehmen.

Nur zwei Stunden nach meiner Ankunft haben wir die Kiste, in die mein Motorrad gepackt war, zerlegt in seinem Auto verstaut und mein Motorrad auf dem Hof der Frachtfirma wieder zusammengesetzt. Wenig später folge ich Dan durch den herzhaften Feierabendverkehr der Vororte von London. Dan lebt nordöstlich von dieser riesigen Metropole im beschaulichen Chelmsford. In einem  typisch englischen Arbeiter-Reihenhaus komme ich bei Dan unter. Die Siedlung, in der er lebt, erinnert mich stark ans Ruhrgebiet.

Wir haben uns viel zu erzählen von gemeinsamen Erlebnissen und von den Abenteuern, die wir unabhängig voneinander bestritten haben, seit wir uns im April 2015 das letzte Mal in Bangkok über den Weg gelaufen sind. Die Abende in den Pubs und kleinen Restaurants in Chelmsford sind urgemütlich, die Sonne strahlt an frostigen klaren Tagen vom Himmel.

Am Morgen des 26. November ist es soweit, an einem eisig kalten Morgen breche ich auf. Raureif macht den Asphalt zu einer rutschigen Angelegenheit, vor allem mit dem Vorderreifen, der inzwischen 34.000 km gelaufen ist und sich selbst bei guten Straßenverhältnissen schon grenzwertig verhält. Der Linksverkehr macht mir zusätzlich zu schaffen. Auf halbem Weg nach Dover ist der Himmel dann auch bedeckt und eine lückenlose graue Wolkendecke hüllt die südenglische Landschaft wenig später in das gewohnt trübe mitteleuropäische Winterlicht.

Am Vormittag erreiche ich den Hafen von Dover. Der englische Zoll bittet mich in eine Halle zur Durchsuchung. Kurz bevor der Beamte loslegt, fragt er, woher ich komme. Die Durchsuchung  fällt plötzlich aus, viel lieber möchte man hören, wo ich war und wo es mir am besten gefallen habe.  
Ohne ein Gepäckstück zu öffnen, verlasse ich die Halle wieder und reihe mich ein zur letzten Fährfahrt dieser Reise. Der Ärmelkanal ist ruhig und grau, nur eine Spur von Sonnenlicht erhellt die weißen Kreidefelsen von Dover noch ein paar Mal, bevor sie am Horizont verschwinden und Calais in Frankreich vor dem Bug der riesigen Fähre immer deutlicher zu erkennen ist.

Das europäische Festland liegt nun direkt vor meinen Augen. Ich kenne die vor mir liegende Strecke von Nordfrankreich zurück ins Ruhrgebiet in- und auswendig. Als ich von der letzten Stahlrampe des Schiffs wieder auf Beton und Asphalt rolle, staune ich über die Befestigung des Fähranlegers und später an den Einfahrten des Eurotunnels. Meterhohe Metallzäune mit unüberwindbaren Stacheldrahtrollen als Krone obendrauf, teils kilometerlang. Die Befestigung Europas scheint begonnen zu haben, ich hatte in den vergangenen Jahren unterwegs davon gehört…

Das Wetter ist wechselhaft und reicht von sonnigen Abschnitten bis Nieselregen, alles knapp über dem Gefrierpunkt. Ostende und Brügge in Belgien liegen an meinem Weg. Hier, gegen Ende dieser Weltumrundung, kann ich nochmal richtig punkten, bei der Zahl der „besuchten“ Länder.  Als ich Eindhoven in den Niederlanden passiere, werde ich nervös. Venlo ist nicht mehr weit, und wer wie ich im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, weiß das Venlo direkt hinter Duisburg liegt, also sehr nah an der Grenze.

Ich habe seit Oktober 2014 keine TÜV-Plakette mehr an meinem Nummernschild. Ein Souvenierjäger in Mumbai hatte sie dort abgeknibbelt. Niemanden auf der Welt hatte das bisher gekümmert. Nun liegt aber die deutsche - meine „eigene“ - Grenze vor mir. Ich habe bereits herausgefunden, dass das Zollbüro am Wochenende geschlossen ist. Ich rechnete allerdings mit  irgendjemanden von der Bundespolizei an dem recht großen Gebäudekomplex an der E35, immerhin einer der Hauptverkehrsachsen Europas in Ost West Richtung.

Fehlanzeige. In der nahe gelegenen Raststätte erklärt mir Frau Hoffmann mit herrlich rheinischem Akzent, dass niemand am Wochenende die Grenze beobachtet, die Bundespolizei allerdings ihr „Headquarter“ in Alpen, ganz in der Nähe, habe. Ich solle doch dort vorbeifahren, die könnten mir sicher den benötigten Stempel in mein Dokument machen.     
 
Ich finde den Hauptsitz der Bundespolizei in dem niederrheinischen Städtchen schnell und wundere mich über die Pracht und Größe des historischen Gebäudes der Behörde. Die Tür ist verschlossen, und erst nach mehrmaligem Klingeln öffnet sich eine Klappe am Eingang und ein sichtlich genervter Beamter möchte wissen, was ich wolle. Noch während ich erkläre, was mein Anliegen ist, nämlich einen Eingangsstempel in mein „Carnet“ zu bekommen, um somit meine Rückkehr nach über 30 Monaten zu komplettieren, fällt er mir ins Wort: Das könne er am Sonntag nicht auch noch leisten, ich solle Morgen wiederkommen. Ich erkläre ihm, dass ich seit vier Stunden in der Kälte auf dem Motorrad sitze und in einer Stunde zu Hause wäre. Das interessiere ihn nicht, blafft er mich an, und knallt die Klappe zu. Daraufhin schmettere ich ein „Herzlich willkommen zurück in Deutschland!“ durch die geschlossene Tür.

Die die Klappe öffnet sich wieder und der eifrige Beamte möchte wissen,  ob ich ein Problem habe. Diesmal blaffe ich ihn an und komme der Klappe dabei sehr nahe: “ Ja, einen fehlenden Stempel!“ Ich winke wütend ab und gehe zurück zu meinem Motorrad.

Bis Duisburg fluche ich herzhaft in meinen Helm über diesen hilfsbereiten Herrn. Ich hoffe, am nächsten Morgen in Gelsenkirchen beim Hauptzollamt den fehlenden Stempel bekommen zu können und nicht ein weiteres Mal bei Frost und Raureif zurück zur holländischen Grenze zu müssen.

Meine Ankunft zu Hause in Marl im nördlichen Ruhrgebiet habe ich nicht bekannt gemacht, und somit erwartet mich nur ein sehr kleiner Kreis von eingeweihten engsten Freunden und Familienmitgliedern, als ich unter den letzten Sonnenstrahlen des Tages wieder den Ort erreiche, von dem ich am 20. Mai 2014 losgefahren war. Meine Mission ist erfüllt. Ich war in den vergangenen Jahren das ein oder andere Mal besessen davon zu erleben, was nun gerade passiert ist. Durch dasselbe Tor zu fahren, durch das ich losgefahren war. Die Welt auf dem Motorrad zu umrunden. Nun, da es geschehen ist, fühle ich mich ein wenig erlöst. Einige Male auf dieser Reise hatte ich Zweifel, ob mir dies gelingen würde.

Es wäre für mich nicht denkbar gewesen, diese Reise in Etappen zu machen. Ich wollte diese Aufgabe so und nicht anders bewältigen, die Erde umrunden ohne zwischendurch die persönlichen Batterien in der gewohnten Umgebung wieder aufzuladen. Ich wollte durchhalten auf Biegen und Brechen, auch wenn es unmöglich erschien und manchmal über die Grenzen des Ertragbaren hinausging. Diese selbst auferlegte Aufgabe nun erfüllt zu haben, gibt mir einen gewissen Frieden. Ein Kreis hat sich geschlossen.

Ein weiteres Mal lege ich am nächsten Morgen die Motorradkleidung an, um bei knackigem Frost beim Zollamt in Gelsenkirchen mein Glück mit dem Wiedereinreisestempel zu versuchen. Gut, dass ich mit dem Motorrad gekommen bin, denn was wäre Deutschland ohne seine Gründlichkeit! Zum ersten Mal auf dieser Weltumrundung möchte nun ein Zöllner tatsächlich die im Carnet verzeichneten Fahrzeugdaten wie Rahmen- und Motornummer abgleichen."

Epilog:
Seit einigen Wochen bin ich inzwischen zurück in Deutschland. Manche Dinge haben sich verändert, andere sind, wie sie immer waren. Probleme, mit denen ich nicht gerechnet habe, sind zu lösen. Manche Freundschaften, die bombenfest erschienen, sind durch die lange Abwesenheit teilweise zerbrochen. Es fällt mir ein wenig schwer, mich wieder auf die Sesshaftigkeit einzulassen. An vieles muss ich mich neu gewöhnen. Das Reisen allein hat manche Eigenarten geschaffen. Ich lerne wieder, normales Besteck beim Essen zu nutzen; die Kleidung, die ich anlegen kann, ist leicht und luftig; Schuhe werden wieder geschnürt und nicht mit Schnallen verschlossen; Essen finde ich wieder im Kühlschrank und ich kann mehr als einen Topf zum Kochen benutzen.

Ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, die in den vergangenen Jahren meine Reise hier im Netz mitverfolgt haben. Eure Kommentare, Fragen, Anregungen und Hilfsangebote haben oft mehr geholfen, als Ihr euch vorstellen könnt. Ganz besonders möchte ich mich bei der Touratech-Familie, die mich weltweit auf meiner Reise unterstützt hat, bedanken. Nicht nur, dass Ihr meinem Motorrad und mir mit vielen Eurer Produkte die Reise um einiges angenehmer gestaltet habt… Egal wo ich war auf der Welt, habt Ihr mir Eure Werkstätten und Euer Know-how zur Verfügung gestellt und mir oft geholfen.

Ohne die bedingungslose Hilfe von Peera Lao und dem Team von Touratech Thailand wäre meine Reise im Januar 2015 mit großer Wahrscheinlichkeit wegen gesundheitlicher Komplikationen zu einem jähen Ende gekommen. Nur durch das hingebungsvolle Aufpäppeln durch Peera und seine Mitarbeiter konnte ich wieder den notwendigen Mut und die Kraft finden, die ich auf meiner zehntägigen Odyssee mit Nierenkoliken durch Myanmar komplett verloren hatte. Bei Robin von Touratech Australien lernte ich in wenigen Tagen mehr über die komplizierte Geschichte dieses gewaltigen Landes als während meines gesamten Aufenthalts dort. Iian und Kimmo von Touratech Seattle waren zur Stelle, als ich technische Hilfe brauchte und versorgten mich in den letzten Monaten blitzschnell mit Ersatzteilen, als das anspruchsvolle Geläuf, durch den ich meinen „Weißen Elefanten“ in Nordamerika trieb, immer wieder für Überraschungen sorgte. Onur von Touratech Türkei in Istanbul bereitete mich perfekt auf das Fahren in großer Hitze vor.  Egal wo ich war auf der Welt, die Leute von Touratech waren immer eine Riesenhilfe!

Hier ein paar Zahlen zu meiner Reise:
Start 20.5.2014. Besuchte Länder: Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Myanmar, Thailand, Laos, Malaysia, Indonesien, Brunei, Australien, Neuseeland, Whangamomona, Tahiti, USA, Kanada, Mexico, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Niederlande. Manche diese Länder habe ich in wenigen Stunden durchquert, in anderen habe ich Tausende von Kilometern zurückgelegt. Gesamte zurück gelegte Strecke: 104.000 km. Dabei habe ich sechs Sätze Metzeler Reifen, drei Sätze Heidenau und einen Satz Shinko-Reifen verschließen. 

Ich konnte erleben, was ich mir von dieser Reise erträumt hatte. Ich habe unendlich viele neue Menschen und Kulturen kennengelernt. Die ursprünglichen Tätowierungen, die ich auf dieser Weltumrundung gefunden habe, sind reichhaltiger und bei weitem vielfältiger, als ich mir erhofft hatte. Mein Motorrad ist inzwischen zerlegt und wird mit einer kompletten technischen Revision samt Motorüberholung belohnt. Ich freue mich auf meine Aufgaben hier und träume selbstverständlich davon, irgendwann wieder im Sattel zu sitzen und mehr von diesem schönen Planeten kennenlernen zu dürfen.

Bis zum nächsten Abenteuer…
Dr. Notch aka Heiko Gantenberg   
       

Kategorie: Adventure | Travel