Im Rausch der Sinne


Das italienische Friaul und Slowenien bieten alles, was das Enduro-Herz begehrt.

Von Prof. Michael Hoyer

Was gibt es Schöneres, als Enduro zu fahren in dieser gigantischen Kulisse? Bergauf und bergab schlängeln sich die Pisten und Pfade durch das atemberaubende Friaul. Im Rausch der Sinne erleben wir Anfang Oktober die Ostalpen in ihrer gesamten Pracht. Eine Woche sind wir unterwegs und lassen uns an die schönsten Punkte dieser gewaltigen Bergregion treiben.

Die Anfahrt über das Stilfser Joch ist allein schon eine Reise wert. Das Stilfser Joch steht bei vielen Motorradfahrern groß auf dem Tourenplan – doch wenn man oben angekommen ist, dann ist man noch lange nicht ganz oben… Nur wenige wissen, dass vom Pass aus eine kleine, befahrbare Schotterpiste mit teilweise kernigen Steigungen bis zu Ortler-Hütte abzweigt.

Leider meint es der Wettergott heute nicht so ganz gut mit uns und vernebelt die Aussicht auf die einzigartige Berg- und Gletscherwelt. Nach diesem ersten fahrerischen Höhepunkt geht die Reise weiter in Richtung zum Gavia-Pass, wo wir uns erneut auf griffigem Schotter bis auf über 3000 Höhenmeter ins Gebirge schrauben. Im Oktober sind bereits alle Almen verlassen. Wir sind mutterseelenallein und genießen die Ruhe und die grandiose Aussicht auf die gewaltigen Berge.

Dann das Fiasko am nächsten Tag: Schon beim ersten Augenöffnen höre ich den prasselnden Regen auf das Dach der Pension in Vermiglia, wo wir gestern einen tollen Abend mit den für Südtirol typischen kulinarischen Leckereien verbracht haben. Der alte Spruch „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ hilft nicht wirklich weiter. Der Compañero-Anzug von Touratech hält zwar, was er verspricht, aber als Brillenträger leide ich darunter, dass mir die Brille unter dem Helm ständig anläuft. Die Fahrt im Val di Sole, das seinem Namen heute absolut nicht gerecht wird, entlang des Kalterer Sees nach Cortina D’Ampezzo gleicht einem Blindflug.

Am Ende des Tages habe ich tatsächlich NULL Fotos gemacht. Bei einem normalen täglichen Output von ca. 3000 bis 3500 Bildern (neben der Spiegelreflexkamera lauft eine Action-Cam mit einer Auslösezeit von 5 Sekunden während der Fahrt kontinuierlich mit) senkt das den Durchschnitt deutlich.

Der nächste Tag ist dann nahezu perfekt: Die Dolomiten präsentieren sich bei Kaiserwetter. Besser geht es nicht. Vorbei an Tre Groci fahren wir nach Misurina, wo man wohl einen der schönsten Blicke auf die weltberühmten „Drei Zinnen“ hat. Der landschaftliche Genuss wird ergänzt durch ungeheuren Fahrspaß. Hier können wir mit unseren Enduros das tun, wofür sie gebaut sind: Naturerlebnis und sportliches Fahren auf einzigartige Weise verbinden und erleben.

Auf abgelegenen Wegen nähern wir uns nun dem wunderschöne Friaul: Die oberitalienische Landschaft Friaul, die bei Kennern als Geheimtipp gilt, liegt im Strombereich des Tagliamento und des unteren Isonzo; sie erstreckt sich von den karnischen- und den julischen-Alpen bis zur Adria und findet dann Anschluss an die slowenischen Alpen.

Aber der Reihe nach. Unsere erste Offroad-Tour beginnt zwischen dem Kreuzbergsattel / Passo di Monte und dem Plöckenpass / Monte Croce Carnicio. In diesem Gebiet gibt es Stichstraße mit Querverbindungen – und wir sind in unserem Element. Im Anschluss geht es dann zum Razzo-Sattel. Diese 47 Kilometer lange und extrem kurvenreiche Straße ist manchmal nur unwesentlich breiter als ein Fiat 500– und selbst der muss markante Stellen genau anfahren, um nicht in die tiefen, ungesicherten Abgründe links und rechts der „Straße“ abzustürzen. Bei der Abfahrt über die Ostrampe genießt man die Tiefblicke auf den türkisfarbenen Lago di Sauris.

Es ist nur allzu verständlich, warum das italienische Friaul bei Motorradfahrern so beliebt ist. Auf einem 19 Kilometer langen Almfahrweg ist es möglich, vom Lago di Sauris durch eine wirklich einsame Bergregion direkt in das Canale di Gorto zu gelangen. Seine extrem steile Ostrampe ist allerdings nur für sichere Enduro-Fahrer geeignet. Der Fahrweg gestaltet sich ruppig und abwechslungsreich.

Am Passo della Forcella wird es noch einmal richtig knifflig, denn hier liegt sehr grober, loser Schotter. Bei Erreichen der Anhöhe öffnet sich eine herrliche Aussicht auf Villa Santina, Monte Zoncolan und die Gipfel der Julischen Alpen. Die darauf folgende, knapp zehn Kilometer lange Abfahrt ist nur berggewohnten Fahrern zu empfehlen, dann aber ein echter fahrerischer Leckerbissen. 28% Gefälle warten in geduckter Haltung und springen plötzlich und unvermittelt hinter verschiedenen Serpentinen mit voller Gewalt auf die Piste. Zur Beruhigung oder zur Frustration – diese schwierig zu fahrende Route ist durchgängig betoniert…

Wir fahren auf wunderschönen Routen durch diesen Teil der Alpen. Schotterpisten, einsame Pfade, Flussdurchfahrten und fast vergessene Pässe sind das Terrain, in dem wir uns mit den Enduros bewegen. Nun liegen zwei Friaul-Klassiker vor uns: Die Malga Claupa sowie der Monte Zoncolan. Die Hochalm Malga Claupa lässt sich in eine abwechslungsreiche Rundfahrt einbinden. Ihr Steckbrief könnte lauten: schier endlose Serpentinen im Norden und heftige Schotterpartien im Süden.

Der Monte Zoncolan wurde im Zuge einer Radetappe beim Giro d’Italia im unteren Teil gebändigt und die Straße ist gut ausgebaut. Im oberen Teil hat der 1730 Meter hohe Berg dann seine Rauheit behalten dürfen. Auf durchschnittlich 14% Steigung schlängelt sich der einspurige Fahrweg durch drei Tunnels bis auf den Gipfel. Dieses ehemalige Militärsträßchen ist die vielleicht abwechslungsreichste Strecke im gesamten Friaul.

Der Wettergott meint es nun mit uns konstant gut. Bei herrlichem Herbstwetter machen wir uns am nächsten Tag auf zur Malga Chiadinis – dem wunderbaren Panoramica delle Vette. Auf der Stelle Valcalda nimmt die Panoramica delle Vette, eine landschaftlich und auch fahrtechnische interessante Höhenstraße, ihren Ausgang. Prächtige Aussicht auf die Gebirgskette der Carnia gewährend, beschreibt sie bis auf knapp 2000 Meter Höhe ansteigend eine große Schleife unter dem Bergkamm des Monte Crostis.

Unser heutiges Tagesziel heißt Pontebba, und so fahren wir über den Passo del Cason di Lanza weiter in Richtung Slowenien. Und schon sind wir da – ganz plötzlich und unvermittelt sehen wir die Grenze und haben auch sogleich ein Sprachproblem. Die Einheimischen sprechen wenig Deutsch und/oder Englisch – wir kein Slowenisch. Aus diesem Grunde merken wir auch viel zu spät, dass der steilaufragende Stol mit seinen knapp 1500 Metern Höhe eigentlich für Motorradfahrer gesperrt ist.

Dieser Lapsus wird uns erst bei den großen Verbotsschildern auf dem abenteuerlichen Fahrweg im steil abfallenden Südhang mit vielen, tiefen und sehr grobschottrigen Kehren bewusst. Dieses alte Militärsträßchen hat es wirklich in sich. Jetzt hilft aber nichts mehr: Wir müssen den Berg irgendwie wieder hinunter. Erklärbar ist dieses Fahrverbot für Motorräder nicht – Offroad-SUVs dürfen hier nämlich sehr wohl fahren…

In Kobarid (Karfreit) angekommen, fragen wir einen Polizisten, was es mit dem Fahrverbot für Enduros am Stol auf sich hat. Er lacht und erklärt in gebrochenem Englisch, dass er das auch nicht verstehe, wir dort ruhig fahren sollten und keiner etwas dagegen habe. Nach dieser nachträglichen Absolution fühlen wir uns zwar ein bisschen besser, dennoch bleibt die Frage, warum das Verbotsschild da überhaupt steht.  Hätte ein anderer Polizist genau dieselbe Antwort gegeben…?

Nach einer stärkenden Mittagsmahlzeit nehmen wir den Gipfel des Monte Matajur in Angriff. Dieser knapp 1700 Meter hohe Grenzberg zwischen Italien und Slowenien ist nur von der slowenischen Seite aus offroad anfahrbar. 

Um es gleich vorweg zu sagen : Circa 200 Höhenmeter unter dem Gipfel war dann auch für uns Schluss. Der sehr glitschige und schmierige Single-Trail sowie eine große Kuhherde mit einigen Jungbullen (!!!) ließen es uns sehr ratsam erscheinen, mit unseren Kühen (BWM GS1200) nicht in diese Herde einzufahren…

Irgendwie ist Slowenien ganz anders, als das italienische Friaul. Die Menschen sind noch freundlicher und offener, die Preise für Unterkunft und Logis moderat günstig und die Qualität der Speisen eine Offenbarung für jeden Gourmet. Hirschbraten mit Apfelrotkraut und Knödel stehen heute mit einem hervorragenden Rotwein auf unserer Speisekarte – das ist eine echte Alternative zu Pizza und Spaghetti…

Am nächsten Tag bekommen wir dann unseren ersten Kontakt zu Schnee in diesem Jahr: Von der Mangart-Stichstraße, die wir über das Soßa-Tal und die Südrampe des Predil-Passes erreichen, kann man aus 2055 Metern über die Gipfel beider Grenzgebirge schauen: schroffe Felsspitzen, von Wölkchen umspielt, im Dunst des Gegenlichts mehrfach geschichtet bis zum Horizont. Über die kühn gewundene Mangartstraße fahren wir die letzten Meter in leichtem Schneegestöber. Es ist Anfang Oktober und da geht es im Gebirge schnell mit dem Wetterumschwung. Ein kleiner Temperatursturz – und schon hat man die weiße Pracht vor sich.

Weiter geht es dann über den slowenischen Kult-Skiort Kranjska Gora dem Vrsic-Pass entgegen, der in engen, gepflasterten Kehren bis auf 1611 Meter führt. Die Julischen Alpen rücken näher, bauen ihre wuchtigen Flanken vor mir auf, recken ihre zackigen Gipfel in den Himmel, als wollten sie demonstrieren, dass sie die benachbarten Karnischen Alpen um ein Vielfaches überragen. Was nicht ganz der Realität entspricht: Der Triglav, mit 2864 Metern Sloweniens höchster Berg, ist gerade mal 84 Meter höher als der höchste Berg der Karnischen Alpen, die Hohe Warte.

Am Fuße des Triglav endet dann unsere Tour in dichtem Nebel. Wir haben das Ziel unseres Herbsttrips erreicht. Leider bleibt uns ein Blick auf den Gipfel aufgrund der dichten Nebelschwaden verwehrt. Dafür verändert der Blick auf meinen Hinterreifen die gute Laune. Irgendwie scheine ich mir ein kleines Loch in das Profil gefahren zu haben – und ein großes Stück Gummi „lömmelt“ noch so am Reifen herum. Wir sind über 800 Kilometer von der Heimat entfernt – mit diesem Reifen möchte ich mir diese lange Strecke nicht wirklich antun.

So entschließen wir uns rasch über den Wurzenpass in das österreichische Villach zu fahren und begeben uns dort auf die Suche nach einem neuen Pneu für mich. Der Reifenspezialist signalisiert, dass er den richtigen Reifen hat und während er den neuen Pneu auf meine Felge zieht, hört er sich voller Bewunderung an, wo wir die letzten Tage mit unseren Mopeds so überall waren. „Du bisch‘n wildar Huand“ – sagt er zum Schluss – reicht mir seine große Mechanikerhand und wünscht mir alles Gute.

Das Video zur Tour:

Kategorie: Adventure | Travel