Toskana: Alles ist anders. Und zwar komplett...


Bei einer Motorradreise mit der Tiger 800 XC lernte Prof. Michael Hoyer die Toskana von einer ihm bis dato völlig unbekannten Seite kennen.

Eigentlich wollten wir im Mai 2016 nach Andorra, um dort auf alten Schmugglerpfaden unser Offroad-Abenteuer zu suchen. Da es aber in den Pyrenäen noch sehr viel Schnee zu diesem Zeitpunkt gab, haben wir uns entschieden, in die Toskana zu reisen, und dort von Küste zu Küste den nördlichen Teil dieser wunderschönen Region möglichst ohne Teer unter den Rädern zu durchqueren.

Beim Überqueren der Alpen bewährte sich nicht zum ersten und sicher auch nicht zum letzten Mal der Motorradanzug von Touratech, der Compañero. Auf dem St. Bernardino, der noch komplett mit Schnee bedeckt war, schneite es bei 0 Grad Celsius. Im Anzug - da ist es wohlig warm - und vor allem TROCKEN.

Zu den Ferienzeiten im Sommer sind in der Toskana jede Menge Touristen unterwegs. Auf den Hauptstraßen und an den Küstenstraßen ist dann viel Verkehr. Bei uns ist das anders. Wir fahren im nördlichsten Teil der Toskana, da kennt man den Begriff Tourismus nur direkt an der Küste. Nur wenige Kilometer ins Landesinnere, und schon wird man von den Einwohnern als Endurist bestaunt und sofort in freundliche Gespräche verwickelt. Einige unserer Touren sind reine Offroadstrecken, andere ein Mix aus Teer - und Schotterstraßen. Manche Routen sind über 100 Kilometer lang. Die Strecken befinden sich alle im Norden, da es hier die Berge gibt. Auch kann so manche schöne Stadt besichtigt werden.

Kommt man unter der Woche in die Berge, dann wird es einsam auf den Strecken. Ausgangspunkt unsere Toskana-Tour ist das wunderschöne Städtchen Pontremoli, das auch die „Tür zum Apenin“ genannt wird. Von hier aus geht es durch hügeliges und durchaus bergiges Gebiet, in dem man uneingeschränkt fahren kann. Wir touren durch unbewohnte Regionen, in denen die Zeit mehr als 100 Jahre still zu stehen scheint. Vorbei an Schlössern, schönen Borgos und verlassenen Dörfern. Wer es abenteuerlich mag, ist hier genau richtig. Auf unserer Fahrt erleben wir ungefiltertes Abenteuer und stramme Herausforderungen (Schlamm, loses Geröll, Schnee etc.), die das Offroad-Herz höher schlagen lassen.

Nachdem wir die baumlose Hochebene Prati di Logarghena hinter uns gelassen haben, zieht es uns magisch an die Küste - und zwar in ein Gebiet, das wohl weltweit bestens bekannt ist: Carrara. Der Marmor aus diesem Gebiet ist auf der ganzen Welt bekannt. Carrara-Marmor ist der Oberbegriff für mehr als 50 unterschiedliche Handelsnamen, die je nach Steinbruch, Tradition, Güte und Konvention benannt werden. Carrara-Marmor wird bereits seit Ende der römischen Republik abgebaut. Erst der Renaissance-Bildhauer Michelangelo verschaffte ihm Berühmtheit. Durch ungünstige wirtschaftliche und politische Verhältnisse sowie durch Kriegseinflüsse blieb die Marmorproduktion in Carrara jahrhundertelang hinter ihren Möglichkeiten zurück. Heute wird dieser weltweit sehr geschätzte Stein hochprofessionell in verschiedenen Steinbrüchen abgebaut.

Carrara ist sicher nicht eine der schönsten italienischen Städte, aber die Abbaugebiete sind einen Besuch wert. Mit unseren Enduros sind wir auch bestens ausgestattet, um die zunächst asphaltierten, einspurigen Sträßchen zu befahren. Doch Vorsicht - die riesigen Gesteinsblöcke müssen aus den Steinbrüchen transportiert werden Die großen LKWs donnern mit ihren tonnenschweren Ladungen ohne Pardon auf den schmalen Straßen bergab. Wen man da als Mopedfahrer eine Kurve zu schnell und möglichweise auch noch ein bisschen angeschnitten nimmt, dann wird das den Llw nicht wirklich daran hindern, seine rasante Fahrt talwärts fortzuführen. Das Resultat für den Mopedfahrer hingegen dürfte verhängnisvoll sein. Auf der Fahrt in die Steinbrüche hat man fast immer freie Ausblicke auf das Tal, die Städte und das Meer. Weiter oben bekommen wir einen gigantischen Ausblick auf das Marmor-Abbaugebiet, aber es sollte später noch besser kommen.

Nach ein paar Fotos geht es weiter. An einer Kuppe angekommen, kann man eine ca. 200 Meter lange Stichstraße zu einem Tunnel fahren. Danach geht es über die nächste Kuppe, und wir sehen ein großes Marmor-Abbaugebiet. Ab jetzt führt eine geschotterte, aber breite und gut zu fahrende Strecke in einen Kessel, wo der Marmor abgebaut wird. Direkt zwischen den Baufahrzeugen kann man hier bis ganz ans Ende des Steinbruchs fahren. Es ist schon gigantisch, wie groß die Lkw oder Bagger in diesem Steinbruch sind, und wir sind mittendrin.

Nach einer ausgiebigen Offroad-Runde in den Bergen von Carrara zieht es uns noch einmal in den Abendstunden in die Steinbrüche. Winzig klein kommen wir uns im Vergleich zu den riesigen Felsmassen vor. Stumm frage ich mich, wie es hier wohl vor 500 Jahren ausgesehen hat. Und noch viel mehr beschäftigt mich die Frage, wie es wohl in 500 Jahren hier aussehen wird. Hat der Mensch dann diese Berge vollends abgetragen und das weiße Gold dieser Region hat dann nur noch in Geschichtsbüchern bestand...? Zugegeben, ein Treppe, ein Badezimmer, ein Boden, ein Tisch aus Marmor - das ist schon edel. Aber diese Steine wachsen einfach nicht nach...

Den Abend verbringen wir in Marina di Massa, direkt am Meer. Bei einem wunderbaren Sonnenuntergang schmecken die typische Pizza con Cozze - Pizza mit Miesmuscheln, Knoblauch, Olivenöl und Petersilie - und ein guter Rotwein besonders lecker.

Am nächsten Tag wird dann wieder alles anders. Dieses Motto zieht sich durch unsere Reise wie ein roter Faden. Das Wetter hat sich geändert - es regnet wieder einmal, und die Berge verhüllen sich in dichten Nebel- und Gewitterschwaden. Die Fahrt geht zum Monte Tondo. Dieser 1600 Meter hohe und durchaus anspruchsvoll zu befahrene Berg begeistert mit mehreren kleinen Wasserdurchfahrten, die bei diesem starken Regen auch schon einmal für nasses Schuhwerk sorgen.

Nahe dem Gipfel befindet sich ein Refugio. Als wir dort ankommen, da öffnet Petrus seine Pforten und ein starkes Gewitter prasselt hernieder. Carla, so heißt die freundliche Hüttenbetreiberin, bittet uns in ihre Wohn-Ess-Küche und bereitet uns einen vorzüglichen Cappuccino. Das Leben hier oben sei karg, sagt sie. Gelegentlich kommen ein paar Wanderer vorbei, Motorradfahrer haben sich schon lange nicht mehr hierher verirrt. Vor dem großen Holzofen liegt eine drei Tage alte Ziege - die Mutter hat das junge Tier verstoßen und jetzt zieht Carla es mit der Milchflasche auf. Ob es überleben wird, weiß sie nicht. Aber ihr Hund, der auf den Namen Tondo hört, kümmert sich rührend um das kleine Zicklein und kuschelt neben ihm auf der großen, wärmenden Decke...

Die Begegnung mit Carla ist so typisch für Italien und vor allem für diese Region. Ungezwungen, einfach und herzlich. Nachdem sich die großen Regenwolken verzogen haben, starten wir unsere Enduros und rutschen auf dem nun sehr glitschigen und steilen Waldboden wieder hinunter ins Tal.

Alles ist in Nord-Toskana anders - zumindest nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Wenn ich Bilder von der Toskana sehe, dann denke ich stets an ein sanftes und leicht hügeliges Terrain mit vielen Zypressen und unendlichen Weinanbaugebieten. Zumindest mit den Weinanbaugebieten hatte ich Recht - die gibt es allerdings eher in der Süd-Toskana, dort, wo der weltbekannte Chianti gekeltert wird. Die Nord-Toskana stößt unmittelbar an den Apenin und dort gibt es durchaus Berggipfel, die bis zu 2500 Meter hoch sind. Genau hierhin führt uns unsere heutige Tour: hoch hinaus! Am Ende des Tages sollten wir auch noch Schneereste auf den Nordhängen sehen. Wohl gemerkt - es ist Ende Mai,und wir sind in der Toskana...

Aber der Reihe nach. Unsere heutige Fahrt ist alpin, und wir travesieren den Orrido di Botri, den größten und tiefsten Canyon der Toskana. Der Pian d’Alberto ist der letzte kleine Weiler, in dem wir noch einmal ausgiebig die Espresso-Bar besuchen, bevor wir über die „Strada del Duca“, die Herzogstraße, die offiziell am 31.07.1823 eröffnet wurde, auf den Foce al Giovo mit seinen 1664 Höhenmetern fahren. Dieses Offroadsträßchen mit teilweise richtig giftigen Anstiegen und viel grobem Schotter zieht sich über knapp 30 Kilometer durch eine wunderschöne und atemberaubende Landschaft. Nach jeder Kurve öffnet sich der Blick auf ein neues Panorama, eines fantastischer als das andere.

Wirklich - in der Toskana ist alles anders... Der nächste Tag präsentiert sich uns wieder im tiefsten Grau, verbunden mit regenschweren Gewitterwolken. Es regnet wie aus Eimern. Eines habe ich auf den vielen Offroad-Touren gelernt: Man kann durchaus kurze Zeit auf Wetterbesserung warten, aber wenn die Wartezeit mehr als eine Stunde beträgt, dann muss man vor dem Wetter wegfahren. Diese These bewahrheitet sich heute einmal mehr. Die Minuten verrinnen nur langsam, und die Wartezeit in der Albergo kann nur durch Espresso überbrückt werden. Aber was soll man machen, wenn der fünfte Espresso das Blut in den Adern mächtig in Wallung gebracht hat, aber man die Füße immer noch ruhig halten muss...? Man sattelt das Moped und fährt los.

Wir entscheiden uns, einen kleinen Abstecher nach Florenz zu machen. Diese toskanische Großstadt mit knapp 400.000 Einwohnern stand so gar nicht auf unserem Programm, aber aufgrund des starken Regens erscheint ein kleiner kultureller Exkurs allemal besser, als im strömenden Regen durch das toskanische Gelände zu fahren. Je mehr wir uns dem Stadtzentrum nähern, desto höher wird der Anteil der motorisierten Zweiräder. Aus allen Himmelsrichtungen sausen die großen Motorroller heran. Da heißt es zunächst einmal, kühlen Kopf bewahren, schnell das Moped am Hotel zu parken und die letzten Meter zu Fuß zurückzulegen.

Als Zentrum des mittelalterlichen europäischen Handels- und Finanzwesens war Florenz eine der reichsten Städte des 15. und 16. Jahrhunderts. Florenz gilt als die Wiege der Renaissance. Aufgrund seiner kulturellen Bedeutung – insbesondere für die bildende Kunst – wird es schon seit dem 19. Jahrhundert auch als das „italienische Athen“ bezeichnet. Das historische Zentrum von Florenz zieht Jahr für Jahr Millionen von Touristen an. Der Dom, der Palazzo Vecchio sowie die Ponte Vecchio sind faszinierenden Bauwerke, dennoch sind wir ganz glücklich, dass wir am nächsten Tag wieder bei gutem Wetter zu unserer letzten Tour in der Toskana starten können.

Diese kurvenreiche Strecke führt über viele kleine Pässe in den Parco delle Foreste Casentinesi. Hier gibt es reichlich Schotterpisten – und eine ist schöner und anspruchsvoller als die andere. Besonders eindrucksvoll ist die Strecke zum Stausee Diga Ridracoli hinauf auf den Passo della Calla. Hier endet unsere Offroad-Tour durch die Toskana. Wir sind zwar nicht ganz von Küste zu Küste gekommen, aber die Tour war fahrerisch, kulinarisch und landschaftlich ein echter Hochgenuss.

Die Toskana ist, und dass kann man durchaus als Fazit sehen, unwahrscheinlich abwechslungsreich. Hinter jeder Kurve und hinter jeder Bergkuppe wartet eine neue Überraschung. Es ist klasse, diese Gegend zu bereisen. Klasse ist es auch, das richtige Equipment dabei zu haben. Neu für mich war auf dieser Reise der Klapphelm Aventuro Mod von Touratech. Der Helmhersteller Schuberth und der Adventure-Spezialist Touratech haben gemeinsam einen Universalhelm für Enduristen entwickelt. Er verbindet die gute Durchlüftung eines Offroad-Helms mit der stabilen Aerodynamik eines Integralhelms und dem Komfort eines Klapphelms. Da ich bei meinen Motorradreisen stets sehr viel fotografiere, ist so ein Klapphelm eine feine Sache. Man muss beim Fotografieren nicht den Helm absetzen, sondern klappt einfach und lässig den unteren Teil des Helms nach oben und kann dann bestens die Motive in aller Ruhe ablichten. Optisch und funktional ein waschechter Adventure-Helm, in puncto Komfort ein Klapphelm.

Neben den vielen sicherheitstechnischen Features, die man heute von einem renommierten Helmhersteller wie Schuberth einfach erwarten darf, muss an dieser Stelle einmal deutlich gesagt sein, dass der Clou dieses Helms wirklich in der großartigen Belüftung liegt. Wer schon einmal sein Moped durch schwieriges Gelände jongliert hat, weiß, dass dies eine schweißtreibende Angelegenheit sein kann. Die Belüftung im Helm ist so sagenhaft, dass man das Gefühl hat, eine federleichte Sicherheitsschale mit einem Eigengewicht von 1700 Gramm auf dem Kopf zu tragen.

Und noch etwas - ich war mit der "Dreizylinder-BMW", der Triumph Tiger 800 XC, unterwegs. Dieses Motorrad, ausgestattet mit einer perfekten Sitzbank von Touratech und einem modifizierten Fahrwerk, sieht mit ihrem charakteristischen Entenschnabel über dem Doppelscheinwerfer und der Silhouette bis hin zum Farbschema der BMW F 800 GS sehr ähnlich. Der seidenweiche Dreizylinder nimmt die Onroad- wie die Offroad-Kilometer sehr gelassen unter die Räder und ist ein ideales Fahrzeug für dieses Offroad-Abenteuer. Besonders gefallen hat mit der sehr gute Sitzkomfort der Touratech-Sitzbank. Die langen Anfahrts- und Abfahrtskilometer von Deutschland in die Toskana und zurück nimmt die englische Offroad-Lady sehr gelassen. Im Gelände entfaltet sie dann echte Offroad-Eigenschaften.

Alles ist anders auf dieser Tour. Unser erster, komplett regenfreier und sonnenüberfluteter Tag steht an. Leider ist für heute die Heimfahrt angesagt. Wir fressen die vielen Autobahnkilometer von dem italienischen Forli bis zur Schweizer Grenze. Dann geht es weiter in Richtung St. Gotthardo. Hier wollen wir die historische, kopfsteingepflasterte Auffahrt mit den vielen Serpentinen und Spitzkehren wählen. Auf halben Weg wird jedoch auch diese Fahrt brutal unterbrochen. Eine Schranke versperrt die Weiterfahrt...

Nachdem wir den Gipfel über die normale Passstraße erreicht haben, fällt der Blick zurück ins Tal. Auch der Gotthard ist noch komplett unter Schnee - und die alte Passstraße verschwindet nur wenige Meter nach der Schranke, die uns die Weiterfahrt verweigerte, gänzlich unter der weißen Pracht. Und das Ende Mai. Alles ist anders. Eines bleibt. Beim Blick vom Gotthard aus gen Süden nehmen wir uns fest vor, die Toskana schon sehr bald wieder zu bereisen - und vielleicht ist dann der Wettergott ein bisschen gnädiger mit uns.

Kategorie: Adventure | Travel