Über den Pazifik nach Amerika…


Von Neuseeland über den Pazifik nach Nordamerika und bis in die Weiten der arktischen Tundra führte Heiko Gantenbergs Weltreise auf den Spuren der uralten Tätowierkunst von März bis Juni 2016. Sein „Weißer Elefant“, eine über 20 Jahre alte Africa Twin, hält tapfer durch.

Es war mein Traum vor dem Start zu dieser Reise, die beiden großen Ozeane mit dem Schiff und nicht im Flugzeug zu überqueren. Jahre über Land die Welt zu bereisen, und dann die großen Strecken über Wasser im Flug hinter mir zu lassen, passten einfach nicht in mein Bild einer Weltumrundung mit dem Motorrad. Ich bin froh, dass dieser Traum zumindest für die Überquerung des größten Ozeans der Erde für mich in Erfüllung gegangen ist.

Am 13. März bin ich im Hafen von Tauranga in Neuseeland, an Bord des Containerschiffes ANL Bindaree gegangen und 18 Tage später, nach einem kurzen Halt in Tahiti, unter der Golden Gate Brücke hindurch in die Bucht von San Francisco eingefahren. Bei meiner Ankunft in den USA wurde ich von strahlend blauem und wolkenlosem Himmel empfangen.

Die Überquerung des Pazifiks auf einem Handelsschiff war eine Erfahrung, die ich auf dieser Reise nicht missen möchte, die unendliche Weite des Ozeans war sehr eindrücklich. 18 Tage ohne Internet, einfach Ruhe genießen die bisherige Reise ein wenig Revue passieren lassen.

Es war interessant, das Leben und die Arbeit der 22-köpfigen Crew an Bord mitzuerleben und hautnah dabei sein zu dürfen. Es war mir eine besondere Freude, auf Bitten der Mannschaft einen Vortrag über meine Reise an Bord zu halten, der von allen - inklusive Kapitän - interessiert verfolgt wurde. Bis weit nach Mitternacht verbrachte ich mit den Seeleuten und Offizieren im Aufenthaltsraum und beantwortete ihre Fragen.

Mir wurde Zugang zu allen Bereichen des riesigen Schiffes gewährt, und für mich gab es eine besondere Herausforderung, als ich die Möglichkeit bekam, während der Überfahrt bei recht rauem Seegang eine Tätowierung für einen der Seeleute anzufertigen. Der Abschied im Hafen von Oakland, gegenüber von San Francisco, fiel schwer. Gern wäre ich weitergefahren mit der Crew. Die Seeleute waren in kurzer Zeit zu guten Freunden geworden.

Zwölf Jahre war es her, dass ich den nordamerikanischen Kontinent besucht hatte. Auf vielen Reisen zuvor - allerdings nie mit einem Motorrad - war ich durch die USA gezogen, in teils abenteuerlichen Wohnwagengespannen oder mit dem Greyhound Bus. Vor über dreißig Jahren hatte ich im Bundesstaat Idaho bei Electric Dragon und Russel Myers meine Karriere als Tätowierer. Vor allem reiste ich durch die westlichen Staaten und konnte mit guten Tätowierern Kontakte knüpfen, mit ihnen arbeiten und von Ihnen lernen.

Freunde aus San Francisco sammelten mich am staubigen Parkplatz an den Kai-Anlagen des riesigen Hafens von Oakland ein und staunten über meinen enormen Gepäckberg, den ich um mich gestapelt hatte. Mein treues Motorrad, der „Weiße Elefant“, war mir vorausgeflogen und wartete bereits im Lagerhaus einer Frachtfirma auf mich. Abermals war die Luftfracht die einfachere Variante gegenüber der Verschiffung meines Motorrads gewesen, die Kosten eines Frachtflugs nur unerheblich höher.

Bereits am Tag nach meiner Ankunft konnte ich bei herrlichem Frühlingswetter die Kiste auf dem Parkplatz der Frachtfirma zerlegen, fix das Vorderrad montieren, die Batterie anklemmen und den „Weißen Elefanten“ mit dem mitgebrachten Reservekanister wieder zum Leben erwecken. Nur eine Stunde später rollte ich mit breitem Grinsen durch die Straßen von San Francisco. Noch nicht einmal beim amerikanischen Zoll musste ich vorstellig werden.  Dank meines „Carnet des Passages“ waren weitere Zollpapiere hinfällig.

Einige Tage hielt ich mich in San Francisco und Umgebung auf, bevor ich begann, mich langsam in Richtung Norden zu bewegen. Ich besuchte einige Tätowierkollegen in Nordkalifornien und erhielt eine Einladung nach Ukiah, wo ich eine Legende des modernen Tätowierens in Amerika kennenlernen durfte. Lyle Tuttle, der bereits 1957 sein Tätowierstudio in San Francisco eröffnet hatte und inzwischen im Ruhestand ist, lud mich zu sich nach Hause ein. Es war mir eine besondere Ehre, einige Tage mit dem Mann, der auf allen Kontinenten tätig war, Geschichten über unsere Kunst zu teilen.

Anfang Mai brach ich in Richtung Idaho auf und spürte auf dieser Reise zum ersten Mal, wie sich Winter anfühlen konnte. Nach einer Nacht am Straßenrand in Oregon fand ich meine Wasserflasche hart gefroren neben meinem Zelt. Der Frost in den Höhenlagen der nördlich gelegenen Bundesstaaten der USA war noch knackig, und in den kommenden Wochen fuhr ich immer wieder einmal durch kräftige Schneegestöber. Auch mein Besuch im Yellowstone Nationalpark in Wyoming und Montana Mitte Mai war eine sehr kalte Angelegenheit, bei der ich schnell lernte, dass bei einer Höhe ab 1500 Meter zu dieser Jahreszeit noch lange kein Frühling garantiert ist.

Als ich später im Mai wieder in etwas niedrigeren Lagen in Idaho unterwegs bin, verwöhnen mich Sonnenschein und Wärme auf meinem Weg. Idaho überrascht mit Traumstrecken. Ich finde herrlich kurvige, technisch anspruchsvolle Schotterpisten in den Sawtooth Mountains und weite, offene Landschaften in den südlichen Teilen dieses Bundesstaates, in denen ich manchmal stundenlang ohne jeden Weg oder Pfad querfeldein unterwegs bin unter dem weiten Himmel der Prairie. Am Horizont steigen Berge auf, die bereits in Nevada liegen.

In einer Flussbiegung am Salmon River schlage ich ein einsames Lager auf. Nach einem erfrischenden Bad im eiskalten Fluss und näherer Betrachtung meiner Lagerstätte wird mir klar, dass ich in dieser Nacht nicht allein sein werde. Etwas mulmig wird mir, als ich an einem Baum nur wenige Meter von meinem Zelt entfernt deutliche Kratzspuren eines Bären entdeckte. Ich fotografiere Tierkot, den ich nicht zuordnen kann, und erfahre wenige Tage später von einem befreundeten Lakota-Indianer, dass der Haufen von einem stattlichen Berglöwen stammte.

In dieser Nacht zieht ein Wolfsrudel durch mein Camp und ich bin froh, nach kurzem nervösen Schlaf ungegessen aufzuwachen. Mir wird bewusst, dass ich mich von nun an bedingungslos an alle Vorsichtsmaßnahmen halten muss, die nötig sind, um einen ungewollten Besuch der großen Wildnisbewohner zu verhindern, die in der Lage sind, einen einsamen Motorradreisenden zu verspeisen. Fortan herrscht eiserne Disziplin im Umgang mit Essensresten und allem, was Bären aus weiter Entfernung anlocken könnte - lebenswichtig in den kommenden Monaten!

In Idaho besuche ich Weggefährten meiner Ausbildungszeit und treffe meinen ehemaligen Lehrherrn, der mir anerkennend auf die Schulter klopft und zufrieden ist mit meiner Entwicklung als Tätowierer.

Am 20. Mai 2016 halte ich einen weiteren Vortrag über meine Reise in Boise, Idaho. Mein Aufbruch aus dem Ruhrgebiet jährt sich an diesem Tag bereits zum zweiten Mal. Für mich schließt sich ein Kreis. Vor über dreißig Jahren habe ich an diesem Ort mein Leben als Tätowierer begonnen und nach über drei Jahrzehnten mache ich hier Halt auf meinem Weg um die Welt … Alles, was ich erreicht habe, verdanke ich meinem Beruf und dieser alten Kunst. Ich bin Russel sehr dankbar, dass er mir einst Zugang zu dieser damals noch verruchten und schwer zugänglichen Welt des Tätowierens gewährte.

Viele Mitglieder meiner „Tätowierfamilie“ aus Idaho, aber auch mir bis dahin völlig fremde Menschen folgen meinem Vortrag, und abermals beantworte ich viele Fragen bis tief in die Nacht. Als sich der Mai dem Ende nähert, beschließe ich, nun endgültig in Richtung Norden zu ziehen.

Ein weiteres Mal bleibe ich in Oregon auf einer Nebenstrecke in großer Höhe im Schnee stecken, bevor ich wenige Tage später Seattle erreiche. Hier erfahre ich abermals die große Hilfsbereitschaft der internationalen Touratech-Familie, und man bietet mir bereitwillig einen Raum an, in dem ich einige Wartungsarbeiten an meinem Motorrad erledigen kann.

Iian von Touratech USA in Seattle nimmt sich meines Touratech-Suspension-Federbeins an und lässt dem guten Stück eine längst überfällige Überholung angedeihen. Zu unser beider Überraschung stellen wir bei der kompletten Zerlegung des Stoßdämpfers, der meine überladene Africa Twin inzwischen 80.000 km weit über die Knüppelpisten dieser Welt getragen hat, keinerlei Verschleiß fest. Keine Komponente des Federbeins weist irgendwelche Gebrauchsspuren auf, die Anlass zur Sorge hätten geben können. Ich hätte meine Weltumrundung sicher auch ohne eine Wartung dieses wichtigen Bauteils einer schweren Reiseenduro beenden können.

Aufgrund meiner hohen Beladung schlägt Iian vor, eine kräftigere Feder zu verbauen, um so weitere Reserven bei intensiver Nutzung gewährleisten zu können. Seine Einschätzung verhilft zu einem nochmals besseren Fahrverhalten meiner schweren Maschine. An nur einem Tag erledigte ich alle erforderlichen Wartungsarbeiten am „Weißen Elefanten“ bei Touratech in Seattle, und bereits am Folgetag rollte ich generalüberholt der kanadischen Grenze entgegen.

Nach einer etwas holprigen Einreise, verursacht durch einen ziemlich überengagiertem Grenzbeamten, erreiche ich spät am Abend Vancouver, wo ich sehr zentral für ein paar Tage bei Jeremy, einem passioniertem Motorradfahrer, unterkomme. Jeremy verfolgte meine Reise bereits seit einigen Monaten im sozialen Netzwerk und hatte mich kurzerhand eingeladen. Gemeinsam unternahmen wir einige Touren im Umland von Vancouver und abermals war es etwas Besonderes, die Stadt von einem Einheimischen gezeigt zu bekommen und die schönsten Orte unter seiner Anleitung zu finden.

Nur wenige Kilometer außerhalb der Millionenstadt Vancouver beginnt herrlich unberührte Landschaft in Kanada. Der Frühling, der nun auch hier im Norden überall deutlich sicht- und spürbar ist, verwöhnt mich mit mildem Wetter. Das Motorradfahren auf wenig befahrenen Strecken in Kanada ist ein Genuss, immer wieder halte ich an und lasse die schier unglaubliche Schönheit der Wildnis auf mich wirken. Die Tage werden immer länger, je weiter nördlich ich reise. So kann ich erst am Abend nach einem Zeltplatz Ausschau halten, ohne das Camp in der Dunkelheit aufschlagen zu müssen.

Anfang Juni beginne ich, durch die Kanadischen Rocky Mountains zu reisen. Mein Tagespensum schrumpft ständig. Weil ich nicht genug bekommen kann von der unglaublichen Szenerie, die mich umgibt, werden gesetzte Tagesziele zweitrangig. In Salmon Arm treffe ich den Kanadischen Indianer Dion Kaszas der aktiv an einer Wiederbelebung der einst reichen Tätowierkultur seines Volkes arbeitet. Er betrachtet diese Arbeit als einen Teil der Dekolonialisierung.

Gemeinsam erklimmen wir Berge, in denen er mich zu abgelegenen Höhlen führt, auf deren Wänden Jahrtausende alte Felszeichnungen seiner Vorfahren zu finden sind. Diese Symbole und die Geschichten der Alten seines Volkes, sind ihm heute Inspiration bei der Wiederentdeckung der alten Symbolik der Stämme seiner Region.

Nach einem Aufenthalt in Edmonton, wo ich Anne und Patricius aus der Schweiz wiedertreffe, die ich im Januar 2015 in Bangkok kennengelernt habe, schnalle ich frische Reifen an die Sturzbügel des Weißen Elefanten und breche weiter nach Norden auf. Die noch aufgezogenen Pneus möchte ich soweit wie möglich abfahren, um mit möglichst frischem Material die Material fressenden Strecken nördlich des Polarkreises meistern zu können.

Einige Kilometer nordwestlich von Edmonton treffe ich beim Auftanken den Aktivisten Caribou Legs, der durch Kanada rennt, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Unsere Zusammenkunft ist kurz, aber intensiv. Caribou Legs legt nur eine kurze Pause ein, um zwei Bananen zu essen und etwas zu trinken… 48 km ist er an diesem Tag bereits gerannt, 35 weitere liegen vor ihm, er muss weiter, bevor seine Muskeln kalt sind. Dieser Mann hat in den vergangenen Jahren in Kanada Tausende von Kilometern in seinen Laufschuhen absolvier. Unter anderem ist er über den mehr als  700  Kilometer langen und zum Teil nördlich des Polarkreises gelegenen „Dempster Highway“ im Winter gelaufen!

Caribou Legs stammt aus Inuvik, der nördlichsten Siedlung, die im Sommer auf Schotterpisten zu erreichen ist. Er motiviert mich, seine Heimat zu besuchen, und nach unserer Zusammenkunft steht für mich fest, dass ich Inuvik unbedingt auf dieser Reise erreichen möchte.

Später an diesem Tag werde ich in Grande Prairie im Norden der Provinz Alberta von einem Unwetter eingeholt, das mich zum ersten Mal auf meiner Reise zu einem wetterbedingten Stopp zwingt. Der Wind bläst dermaßen kräftig, dass mein Motorrad nur schwer zu steuern ist. Unmengen an Hagel und Regen zwingen mich in ein Motel Zimmer. Durch das Fenster meins Zimmers beobachte ich den wütenden Sturm. Der „Weiße Elefant“, der zur Windrichtung geneigt auf dem Seitenständer steht, wird einige Male fast umgeworfen! Ich drehe ihn um und stelle ihn gegen den Wind…unglaublich! Ich sehe Werbeschilder und Teile von Hausfassaden vorbei fliegen.

Nach eingehendem Studium des Regenradars wird am nächsten Morgen deutlich, dass nur 400 km weiter nördlich klarer Himmel das Wetter bestimmt. Trotz der Bedenken vieler in Grande Prairie beschließe ich, meine Fahrt fortzusetzen. Der Wind hat nachgelassen, es regnet nur noch kräftig. In Dawson Creek weiter nördlich herrscht totales Chaos. Der gesamte Ort ist abgeriegelt, der örtliche Fluss ist dermaßen angeschwollen, dass bereits einige Brücken fortgespült wurden. Riesige Seen umgeben die Ortschaft. Erst nach einigen gewagten Wasserdurchfahrten finde ich einen Weg, der mich weiter nach Norden bringt.

Ich schaffe es an diesem Tag noch bis Fort Nelson am berühmten „Alaska Canada Highway“. 100 Kilometer vor Fort Nelson ist der Himmel fast wolkenfrei. Ich treffe auf Bisons und sehe in nur einer Stunde acht teils kapitale Schwarzbären am Straßenrand, die unbekümmert die wärmende Frühlingssonne genießen. Vorsichtig versuche ich, mich mit dem Motorrad so nah wie möglich an sie heranzupirschen, um mit halb geöffnetem Tankrucksack und laufendem Motor, fest im Sattel sitzend, ein Bild von ihnen zu erhaschen. Jedes Mal, wenn sie mich bemerken, flüchten sie Hals über Kopf in den Wald. Ich bin froh, dass die Bären, auf die ich treffe, offensichtlich unverdorben und wild ihrem Bärenleben in der immer riesiger erscheinenden Wildnis nachgehen. Die Weite der Landschaft und die nicht vorhandene Zivilisation für Hunderte von Kilometern werden immer beeindruckender, je weiter ich nach Norden gelange.

Am kommenden Tag erreiche ich die Provinz Yukon, die etwa ein Drittel gößer ist als die Bundesrepublik. Ganze 35.000 Menschen leben hier, von denen 25.000 in der „Provinzhauptstadt“ Whitehorse leben. Wie zuvor im Outback Australiens erlebe ich die für einen Mitteleuropäer unfassbare Weite und Einsamkeit. In der zweiten Junihälfte erreiche ich das berühmt-berüchtigte Goldgräberstädtchen Dawson City, gelegen am Yukon und Klondike River. Dawson ist Ausgangsort zum „Top of the World Highway“ in Richtung Alaska. 40 Kilometer vor Dawson liegt der Abzweig zum „Dempster Highway“, einer über 700 km langen Piste, die über den Permafrostboden der Tundra über den Polarkreis hinaus in die „North West Territories“ nach Inuvik, gelegen im riesigen Delta des McKenzie Rivers, führt.

Ich ziehe meine frischen Reifen auf, bevor ich mich aufmache, den Polarkreis zu überqueren. Der Belag des Dempsters soll an manchen Stellen sehr Material mordend sein. Ich komme nur wenige Tage nach der jährlich stattfindenden Pilgerfahrt der Adventurebiker Nordamerikas an, dem „Dust till Dawson“, einer lockeren Zusammenkunft von Motorradfahrern, die aus allen Teilen der Welt zur Sommersonnenwende in den hohen Norden Kanadas reisen.

Ich treffe noch einige Hartgesottene, die nach einer Anreise von teils Tausenden von Kilometern noch einen „Ausflug“ nach Inuvik und zurück angehängt hatten. Manche kamen mit deutlichen Kampfspuren zurück und berichteten von teils fürchterlichen Schlammschlachten auf Teilabschnitten der rund 1500 km langen Rundreise. Manche Stürze und Ausrutscher wurden beklagt, einige kleinere Schäden provisorisch gerichtet, um die lange Heimreise wieder antreten zu können. Ich treffe viele Interessante Reisende in Dawson. Ein Paar aus Deutschland, das vor vielen Jahren nach Neuseeland ausgewandert und seit zwei Jahren auf alten BMW GS-Bikes auf dem süd- und nordamerikanischen Kontinent unterwegs ist. Ein Paar aus Montana mit Hund, das von Whitehorse nach Dawson Hunderte von Kilometern den Yukon im Kanu hinabgepaddelt ist. Motorradfahrer aus den Südstaaten der USA, die in einer Woche bis Dawson gefahren sind und nun in einer Woche wieder zurückfahren; sie legen dabei meist über 1000 km pro Tag zurück. Radfahrer, die bis hier hinauf gefahren sind…

Ich kann mich bei Steve aus Minnesota mit auf die Parzelle auf dem völlig überfüllten Campingplatz in Dawson quetschen. Er hat sich drei Tage zuvor bei einer Ausfahrt zu einer der vielen ehemaligen Goldminen in der Umgebung das Knie verdreht und hängt nun fest, weil er sich kaum bewegen kann. Er ist froh, dass ich ihm in den kommenden Tagen morgens aus seinem Zelt helfen kann.

Die um diese Jahreszeit vollkommen fehlende Nacht löst einen enormen Energieschub aus. Bis in die Morgenstunden sitzen Gruppen verschiedener Weltenbummler beisammen und berichten von ihren Abenteuern. An einem Donnerstagmorgen sieht die Wetterprognose für eine Fahrt über den Polarkreis hinaus recht stabil aus, und ich breche auf, um den Dempster unter die Räder zu nehmen.

Nach der Hälfte der Strecke in Richtung Inuvik schlage ich an der Raststätte Eagle Plains mein Zelt auf. Einige kräftige Regengüsse auf den letzten Kilometern dorthin sind ein kleiner Vorgeschmack auf die sich schnell verändernden Bedingungen in der unendlichen Weite der arktischen Tundra. Während ich meinen riesigen Tank, der gerade Mal zur Hälfte geleert ist, wieder auffülle, bittet mich der Tankwart, im Rasthaus mit dem Chef zu sprechen. Er hätte Funksprüche von Lkw-Fahrern bekommen, die 70 km nördlich von tiefem Schlamm und Starkregen berichteten. Da es auf den folgenden 200 km keinerlei Siedlung oder einen Unterstand gibt, ziehe ich es vor, faul zu sein und – geschützt vor Trilliarden von Mücken - bereits am frühen Abend ein üppiges, aber teures Abendessen im Rasthaus zu genießen.

Die restlichen Kilometer, auf denen der Peel River und der mächtige Mc Kenzie River mit kostenlosen Fähren überquert werden, fliegen am nächsten Vormittag geradezu vorbei. Als ich kurz nach Mittag in der Hitze des arktischen Sommers in Inuvik mein Zelt aufschlage, wundere ich mich ein wenig über den allgemeinen Respekt vor dieser Piste. Die Tatsache, dass die Sonne hier oben um diese Jahreszeit 24 Stunden scheint, lässt selbst aufgeweichte Passagen erstaunlich schnell wieder befahrbar werden. Auch auf dem Rückweg einige Tage später, der von einigen kräftigen Schauern begleitet wird, empfinde ich den Dempster selbst bei hohen Geschwindigkeiten auf einem schwer beladenen Motorrad als beherrschbar. Ich habe schwierigere Strecken kennengelernt auf meinem Weg.

Die Reise über den Dempster wird mit einem unfassbaren Naturerlebnis belohnt. Die Landschaft verwandelt sich von zunächst hohen Gebirgszügen in weite Tundra-Ebenen, die Vegetation wird nördlich des Polarkreises in manchen Bereichen immer karger. Blumen blühen im kurzen, aber intensiven Sommer. In Inuvik hindert mich die Sonne tagelang davor, zur Ruhe zu kommen. Um drei Uhr morgens wache ich schweißgebadet auf, da die Sonne, die rund um die Uhr hoch am Himmel steht, mein Zelt in eine Sauna verwandelt hat.

Die Mücken, die in Scharen über einen herfallen, sobald man sich nicht zügig bewegt, sind nur mit adäquaten Kopfnetzen und dicker Kleidung, die nicht durchstochen werden kann, zu ertragen. Tagelang ist es in Inuvik über 26 Grad warm…Tag und Nacht. Eines Morgens ziehen plötzlich Wolken auf, und nur eine Stunde später sind es nur noch 5 Grad. Ich esse rohes, gefrorenes Karibu und Trockenfisch, traditionelle Kost in diesem Teil der Welt.

Nach einigen Tagen trifft mein Kumpel Lyndon Poskitt, der schnelle Brite, in Inuvik ein und wir freuen uns riesig über das dritte Mal, dass sich unsere Wege zufällig kreuzen. Gemeinsam fahren wir den Dempster zurück nach Dawson; unterwegs genießen wir eine weitere taghelle Nacht in der unberührten Wildnis am knisternden Lagerfeuer. Zurück in Dawson gönnen wir uns den Luxus eines Zimmers, das wir für ein paar Tage teilen. Wir müssen beide „Büroarbeit“ erledigen und brauchen dazu einen Internetzugang. Am Samstag trennen sich unsere Wege wieder, Lyndon beginnt seinen langen Weg zur Dakar 2017 in Südamerika, an der er teilnehmen will. Ich breche auf nach Alaska. Noch lange habe ich nicht genug vom arktischen Sommer, der einem jedes Zeitgefühl raubt…

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Kategorie: Adventure | Travel