Von Alaska nach San Diego


Von Alaska durch den Westen Kanadas und im Zick-Zack-Kurs durch die westliche USA führte Heiko Gantenbergs weiterer Weg bis nach San Diego. Die Highlights hat er für uns zusammengefasst.

Durch Kanadas Westen…

Nach der Grenzstation der Amerikaner fährt man ca. 30 km durch Niemandsland den Alcan Highway entlang, bevor die Zollstation der Kanadier in der ewig weiten Landschaft auftaucht. Die Straße, immerhin eine Hauptverkehrsverbindung, ist streckenweise in einem erbärmlichen  Zustand. Große Temperaturunterschiede setzen ihr offensichtlich arg zu. Bodenwellen vom harten Frost des Winters verlangen dem robusten Touratech-Fahrwerk meines Motorrads einiges ab, bringen es aber nie an seine Grenzen.

Die Wiedereinreise nach Kanada klappt ohne Probleme. Ein eisiger Wind weht am Ufer des Kluane Lake. An einem Abschnitt -  genannt Destruction Bay - wirbelt der Wind gewaltige Staubwolken in den Himmel. Dicke graue Wolken begleiten mich die vielen Kilometer nach Whitehorse. Diese größte Stadt der nördlichen kanadischen Provinz Yukon, gelegen am gleichnamigen Fluss, ist mein Etappenziel an diesem Tag.

Whitehorse beherbergt drei Viertel der Bevölkerung der riesigen nordwest-kanadischen Provinz, die rund 120.000 qkm größer ist als die Bundesrepublik. Mit einem Verkehrschaos muss ich am Abend, als ich Whitehorse erreiche, dennoch nicht rechnen. Im gesamten Yukon wohnen gerade einmal 35.000 Menschen!        

In Whitehorse treffe ich am Tag darauf meinen Kumpel Jesse aus Nebraska wieder. Wir hatten in Alaska gegen Ende unseres Aufenthalts dort verschiedene Wege eingeschlagen. Das wechselnde Wetter im hohen Norden hat uns nun schlussendlich beide in Richtung Süden getrieben.

Der Himmel über und vor uns sieht bedrohlich aus. Zunächst vermuten wir, dass ein gewaltiges Gewitter im Anmarsch sei, bis wir realisieren, dass das, was zunächst wie schwere graue Wolken mit einem merkwürdig orangem Schimmer aussah, Rauchschwaden sind, die den gesamten Horizont überspannen.

An der Tankstelle informiert man uns, dass der Cassiar Highway nach Süden zwar geöffnet sei, wir aber mit schlechter Luftqualität in den kommenden Stunden rechnen sollten. Ein riesiger Waldbrand, der seit etwa einem Monat tobt und durch einen Blitzschlag ausgelöst wurde, brennt nun unkontrolliert. Feuer im Yukon werden erst ab einer bestimmten Größe bekämpft oder wenn Infrastruktur und Siedlungen in Gefahr sind. Da diese im Yukon rar sind, ist dieses Feuer nach Einschätzung der Verantwortlichen harmlos.

Jesse und ich sind allerdings zutiefst beeindruckt von dem Szenario, das sich um uns aufbaut, als wir uns immer weiter diesem Waldbrand nähern. Wie angekündigt wird die Luft zum Atmen zunehmend schlechter. Wir halten nur kurz in der Nähe des Brandherds, um Fotos zu machen.

Einige Stunden später ist der Spuk weiter südlich vorbei und der Himmel zur Abwechslung mal wieder überwiegend strahlend blau. Die Fahrt über den Cassiar Highway in Richtung Süden empfinde ich als wesentlich schöner als meinen Weg über den Alcan Highway in Richtung Norden. Atemberaubende waldreiche Landschaften säumen diese recht schmale und zu großen Teilen nicht einmal mit Markierungen versehene Straße durch den nordwestlichen Teil der Provinz Britisch Kolumbien.

Nach einem einsamen Lager am Ufer des Dease Lake erreichen wir am kommenden Abend Stewart. Stewart ist der Grenzort, der noch einmal Zugang zu dem hier bis weit in den Süden reichenden Bundesstaat Alaska und der kleinen Enklave Hyder bietet. Von Hyder aus erreicht man wiederrum den dann wieder auf kanadischem Gebiet liegenden Salmon Gletscher. Leider ist das Wetter in Küstennähe sehr wechselhaft und die frei Sicht auf den Gletscher daher eine Seltenheit. Der erste Versuch, den Gletscher am Abend zu besuchen, ertrinkt in kräftigem Regen.

Mein treuer Reisebegleiter, der „Weiße Elefant“, ist auch zickig. Merkwürdige Geräusche und ein seltsames Fahrverhalten lassen vermuten, dass nach rund 90.000 km Strecke der hintere Radlagersatz verschlissen ist. Im strömenden Regen versuche ich unter einer gespannten Plane in Hyder zu ergründen, wie weit ich wohl noch komme mit dem hinkenden Hinterteil. Jesse und ich entscheiden aufgrund des nicht vorhandenen Werkzeugs, die Reparatur hinauszuzögern. Am kommenden Morgen werden wir mit freier Sicht auf den Salmon Gletscher belohnt und sind froh, trotz der negativen Wetterprognose diesen Umweg auf uns genommen zu haben.

Am Abend erreichen wir Prince Rupert in Britisch Kolumbien. Prince Rupert ist einer der wenigen Häfen an Kanadas Westküste. Es gibt eine Fährverbindung, genannt die innere Passage, die eine Verbindung nach Port Hardy auf Vancouver Island hat. Man spart durch diese Fähre 1500 km Asphalt auf dem Weg nach Vancouver, und da Jesse und ich seit Alaska in nur wenigen Tagen einige Tausend Kilometer abgeritten haben, sind wir beide bereit, uns diese „Auszeit“ einer Seereise einfach mal zu gönnen.

Wir werden nicht enttäuscht. Auf der 14 Stunden währenden Überfahrt durch die innere Passage werden wir von strahlendem Sonnenschein verwöhnt. Die Szenerie, die wie in Zeitlupe am Auge des Mitreisenden vorbeizieht, ist unbeschreiblich schön. Mein ursprünglicher Plan, auf der Überfahrt einige Stunden Schlaf nachzuholen, geht überhaupt nicht auf. Nicht eine Minute kann ich meine Augen von dieser unfassbaren Schönheit abwenden.

Ich sehe sicher über drei Dutzend Wale auf dieser Fahrt. Manche von Ihnen sieht man nur, wenn sie riesige Wasserfontänen beim Atmen in den blauen Himmel schicken, oder ihre gewaltige Schwanzflosse vor dem Abtauchen wie zum Abschied winkt. Andere zeigen ihre Größe, in dem sie wie ein Delphin aus dem Wasser springen und mit einem massiven Platscher wieder in den Ozean fallen. Ich lerne an diesem Tag auch, wie schwierig es ist, einen Wal dabei zu fotografieren, wenn er kurz auf- oder abtaucht… Mir gelingt nicht ein Bild von diesen majestätischen Tieren, wenn sie vollkommen in der Luft sind. Die Kamera im entscheidenden Moment nie bereit.

Die Fähre macht zwei Stopps in entlegenen Siedlungen der Insel- und Fjordwelt der kanadischen Westküste, die fast ausschließlich von Ureinwohnern bewohnt wird.Um Mitternacht - inzwischen sind die Nächte auch wieder stockfinster - endet diese Fahrt im Norden von Vancouver Island in Port Hardy.

Einige Tage verbringe ich gemeinsam mit Jesse bei herrlichem Spätsommerwetter auf Vancouver Island. In der Hauptstadt der Insel, Victoria, treffe ich Scott Collins von Adrenalin Motorcycles, der unbürokratisch hilft, die Radlager meines Motorrades in seiner Werkstatt zu wechseln.

Eine weitere kurze Bootsfahrt bringt uns wieder auf das kanadische Festland. Wir setzen unsere Fahrt zunächst in Richtung Osten fort und genießen weiterhin bei schönstem Wetter und heißen Temperaturen den Süden Britisch Kolumbiens. Nach einigen Traum-Zeltplätzen an unberührten Seeufern unter mächtigen Bäumen  stehe ich schließlich an der Grenze von Porthill in Idaho.

Zurück in den Vereinigten Staaten

Ich habe ein besonderes Anliegen bei dieser Wiedereinreise. Mein Visum berechtigt mich, bis zu 180 Tage den USA zu bleiben. Die Beamten, die mich Ende März ins Land gelassen hatten, haben in meinem Pass vermerkt, dass ich die USA bis zum 29. September wieder verlassen müsse. Da ich mich aber seit März auch mehrere Monate in Kanada aufgehalten hatte, war ich ja eigentlich erst seit drei Monaten in den USA unterwegs…

Nun möchte ich forsch nach einer „neuen“ Einreise fragen, um meine Fahrt noch bis zum Ende des Jahres 2016 fortsetzen zu können und dann irgendwann von der Ostküste wieder nach Europa zu gelangen. US-amerikanische Grenzbeamte sind nicht bekannt dafür, besonders diplomatisch zu sein, und meine eigenen Erfahrungen an den Grenzen der USA lassen mich zweifeln, ob dort jemand meinem Anliegen folgen würde.

Zusätzlich hatte ich in den vergangenen Wochen mehrmals von kanadischen Motorradfahrern gehört, dass genau dieser Grenzübergang in Idaho der allerschlimmste der gesamten USA sei. Die übelsten „Rednecks“ seien dort im Einsatz, bei den allerkleinsten Unstimmigkeiten würden sie eine Einreise ablehnen und viele seihen frustriert von dieser Grenze wieder umgekehrt.

Einfach kann jeder… Ich versuche es in der Höhle des Löwen und werde am Ende sogar mit Extra-Zeit belohnt, die man mir in den USA gewährt. Zunächst schauen die Beamten kopfschüttelnd durch meinen Pass und wundern sich über manche Länder, die ich in den vergangenen Jahren besucht habe. Dann aber siegen das Motorrad und der Respekt der Zöllner vor der bisher absolvierten Strecke. Meine aufrichtige Art, mit der Tür ins Haus zu fallen, erledigt den Rest und das Eis bricht. Mit einem frischen Einreisestempel, der nun bis zum 2.Dezember gültig ist, rolle ich breit grinsend zurück über die Grenze ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, nicht ohne mich höflich bei den „harten Hunden“ von Porthill bedankt zu haben.

Jesse hatte die Grenze eine Stunde vor mir überquert;  ich wollte mit meinem Spezialanliegen lieber allein mit den Behörden sein. Nun treffen wir uns an der verabredeten Tankstelle wieder,  und Jesse erkennt bereits bevor ich den Helm geöffnet habe, wie sehr ich strahle.

Diesen Erfolg feiern wir mit einigen Tagen auf der „IBDR“, der Idaho Backcountry Discovery Route, einer meist recht rauen Strecke durch die Wildnis von Idaho. Diese unter Mithilfe von Touratech USA zusammengestellten Routen durch verschiedene Staaten der westlichen USA kann man als GPS-Routen aus dem Internet herunterladen und sich durch atemberaubende Gegenden leiten lassen.

Wir verbringen eine Nacht im „Blauen Haus“, sehr abgelegen in den Bergen im Norden Idahos. In diesem rustikalen Holzhaus kann der Reisende gratis einkehren. Jesse und ich finden schnell heraus, wie die Wasserversorgung aus einem Bach hinter dem Haus funktioniert und freuen uns über das eingelagerte Brennholz, das ebenfalls gratis zur Verfügung steht und den urigen Badeofen in kürzester Zeit glühen lässt. Eine heiße Dusche in der Wildnis nach einem langen Tag auf dem Motorrad ist immer etwas Besonderes!

Tags darauf arbeiten wir uns weiter nach Süden vor. Die Landschaft verändert sich zunehmend und wird trockener. Unsere Reise auf der IBDR wird von Waldbränden gestoppt. Südlich von Warm Lake geht nichts mehr. Ranger haben die Piste gesperrt und stehen Wache, damit niemand versucht, sich weiter dem Brandherd zu nähern, der seit Wochen von Feuerwehrleuten am Boden und aus der Luft bekämpft wird.

Wir verlegen unsere Route nach Stanley, und wie bereits bei meinem Aufenthalt im Mai hier an diesem in großer Höhe gelegenem See wird es bitter kalt in der folgenden Nacht. Am Morgen heißt es dann Abschied nehmen für Jesse und mich. Einige Tausend Kilometer haben wir gemeinsam bestritten und uns dabei öfter gegenseitig geholfen, unsere schweren Motorräder durch teils schwieriges Terrain zu manövrieren. Wir hatten eine gute Zeit zusammen und schlagen darauf ein, dass dies nicht das letzte Mal gewesen ist, dass wir gemeinsam Motorrad fahren.

Jesse bricht in östliche Richtung auf an diesem Morgen; mein Weg führt weiter nach Süden.
Ich verbringe einige Wochen bei einem Freund in Idaho, der seit einiger Zeit schwer erkrankt ist, und ich genieße diese wahrscheinlich letzten Tage, die wir gemeinsam verbringen können. Es macht große Freude, meine Erlebnisse in Alaska und Kanada mit ihm zu teilen, tagelang Fotos und Videos meiner Reise mit ihm zu schauen und ihn so ein wenig mit zu Orten zu nehmen, die er immer gern besucht hätte.

Von Idaho im Zick Zack Kurs in Richtung Süden …

Noch einmal möchte ich die bizarren Lava-Landschaften von „Craters of the Moon“ im Osten Idahos sehen. Bei meinem ersten Versuch im Mai hatte ich großes Pech mit dem Wetter. Diesmal klappt es besser! Bei Kaiserwetter kann ich außerhalb der Saison ohne viele Besucher diese Gegend, die teils wie auf einem anderen Planeten anmutet, genießen. Ich folge einer Einladung zu einer zünftigen Offroad-Tour durch Idahos Osten. Belohnt werden die Mühen mit einem grandiosen Ausblick über die Teton Berge in Wyoming.

Mein Weg führt am kommenden Tag in südlicher Richtung nach Utah. Ich versuche, eine Route über Nebenstrecken zu den berühmten „Bonneville Saltflats“ zu finden, jenem berühmten Salzsee, auf dem Landgeschwindigkeitsrekorde aufgestellt werden. Auf dem Weg dorthin schlage ich mein Lager an den Sonnen-Tunnel in der Wüste auf.

Dieses in absoluter Abgeschiedenheit gelegene Landschaftskunstwerk wird  nur zur Sommer und Wintersonnenwende von vielen Menschen besucht. Dann erscheint der Sonnenauf- und Untergang genau innerhalb dieser gewaltigen Betonröhren. Den Rest des Jahres ist dieser von der Künstlerin Nancy Holt geschaffene Ort quasi ausgestorben.

Ich finde die Verbindung zum berühmten Salzsee auf den staubigen Pisten zwischen schroffen, kargen Bergen. Zu meiner Überraschung ist er mit einer Wasserschicht überzogen, soweit das Auge reicht. Ein Gewitter wenige Tage zuvor hat die gesamte Fläche überflutet und mir ist es daher leider nicht möglich, eine Probefahrt auf diesem geschichtsträchtigen Salzsee zu unternehmen.

Ich mache mich in westliche Richtung auf und durchquere den Bundesstaat Nevada auf Nebenstrecken, die mancherorts nur noch als Fußpfad durch die endlose Weite der kargen Wüstenlandschaft führen. Der Sternenhimmel, der sich nachts über mir auftut, ist aufgrund der vollkommenen fehlenden Zivilisation um einiges prächtiger als an den meisten Orten der Welt.

An einem frühen Nachmittag, nachdem ich bereits 260 km Schotterstrecke im tagsüber immer noch heißen September hinter mir habe, mache ich im Wüstennest Gerlach halt. Ich möchte die Wasservorräte am Motorrad auffüllen, um für weitere zwei Nächte im „Nichts“ der Wüste zu zelten. Im einzigen Laden und Lokal des Ortes spricht mich ein älterer Herr an…Woher ich komme, möchte er wissen, und ob ich für das Treffen nach Gerlach gekommen sei. Ich erkläre, was ich in den vergangenen  Jahren gemacht habe, und weiß nichts von einem Treffen.

„Rick Martin“, stellt sich der 71-Jährige aus Illinois vor. Er sei ein „Iron Butt“ und treffe sich mit seinen Kollegen von den „Eisenärschen“ hier in Gerlach jedes Jahr. Sie seien eine Gruppe von Extrem-Distanz -Motorradfahrern. Ricks Maschine steht neben meiner vor dem Laden. Eine 1300er FJR-Yamaha-Reiserakete ist sein Eigen. Auf dem Rücksitz hat er einen Zusatztank montiert. Ihm gefällt der Riesentank meiner Africa Twin, und wir sind uns auf Anhieb sympathisch. Rick besteht darauf, mein Mittagessen zu bezahlen und meint, ich solle bleiben, um die anderen kennenzulernen…

Immer mehr Motorräder mit Zusatztanks tauchen an diesem Tag auf, die Stimmung ist fantastisch. Mitglieder der Iron Butts aus ganz Nordamerika rollen ein… Ein Mann ist vor drei Tagen in Florida losgefahren. Eine Frau vor drei Tagen in New York.

Die meisten haben unfassbare Distanzen auf ihren Maschinen zurückgelegt. Einer von ihnen ist in diesem Sommer an 15 aufeinander folgenden Tagen jeweils 1000 Meilen gefahren, das macht 24.000 km in 15 Tagen. Der Rekordhalter dieser Truppe, Matt Wattkins, hat über 3200 km in nur 24 Stunden auf abgelegenen Highways in Nevada absolviert und dabei sogar noch einen Plattfuß am Hinterrad repariert.

Man kann sicher über Sinn und Unsinn solcher Aktionen streiten, eins finde ich an dieser Truppe allerdings sofort sehr angenehm: Sie sind alle bescheiden, niemand trägt dick auf, und alle teilen die Passion, auf zwei Rädern unterwegs zu sein. Es wird viel gelacht an diesem Wochenende und wir führen gute Gespräche übers Motorradfahren. Viele Adressen werden ausgetauscht, ein tolles Büfett  ist organisiert und wer mag, trinkt anständig Alkohol.

Wer möchte, kann am Samstagmorgen um fünf an einer Rally teilnehmen. Ich bin neugierig und beschließe, mein Glück zu versuchen. Die meisten der Teilnehmer wählen Asphaltrouten, die aus Gerlach herausführen. Nur einer der „Eisenärsche“, Dusty Bachmann, das "Tier", das 24.000 km in 15 Tagen auf seiner Super Ténéré abgeritten hat, wählt die Route, die nördlich durch die Black Rock Desert von Gerlach führt und 200 km lang aus mehr oder minder gutem Schotter besteht.

Ich fühle mich auf Schotter auch besser aufgehoben, und wenig später presche ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in den Rasten stehend der gerade aufgehenden Wüstensonne entgegen. Ein Teil meines Gepäcks habe ich in Gerlach gelassen, um etwas forscher zu Werk gehen zu können. Die Seitenkoffer und der Tankrucksack sind dabei und das 43-Liter-Fass am WWeißen Elefanten“ ist randvoll.

Bei dieser Rally geht es nicht darum, die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit zu erzielen, sondern verschiedene Stationen zu finden, klug zu kombinieren und so halt möglichst viele Punkte in einigen Stunden zu sammeln. Am Nachmittag treffen sich alle auf dem riesigen Sandfeld östlich von Gerlach. Auf dieser Fläche, auf der jedes Jahr auch das „Burning Man Festival“ stattfindet, treffen sich die Iron Butts, um sich in Wettbewerben wie Schießen vom fahrenden Motorrad zu messen. Typisch amerikanisch! Dieses Spektakel will ich keinesfalls verpassen.

Rusty ist an diesem Morgen zunächst einen Kilometer hinter mir, um meine Staubfahne aus seinem Helm zu halten. Irgendwann halte ich an, um einige Aufnahmen von dem fantastischen Licht des Sonnenaufgangs zu machen. Verwundert hält Rusty neben mir und fragt, ob alles in Ordnung sei… Ich zeige mit dem Daumen nach oben  und er verschwindet im Staub.

Auf den folgenden 50 Kilometern schüttelt mich Rusty nicht ab. Ich staune, wie die alte Africa Twin auf diesem anspruchsvollem Geläuf mit einem modernen Motorrad mit der doppelten Motorleistung mithalten kann. Rusty und ich sammeln fleißig Punkte an diesem Streckenabschnitt, und mich packt der Ehrgeiz. Ich glaube, eine Abkürzung entdeckt zu haben und folge nun stur den Anweisungen meines GPS, das mir verspricht, mich in nur 30 km mit dem Highway etwas nördlich im Bundesstaat Oregon zu verbinden.

Die von mir gewählte, vermeintlich schnellere Strecke wird zunehmend rauer. Als ich mit einem beherzten Dreh am Gasgriff laut krachend über einen blanken Felshang den weiteren Verlauf des inzwischen zum Pfad gewordenen Wegs zu finden versuche, denke ich noch: „Das ist aber ziemlich technisch hier für ein Motorrad von einer Vierteltonne…“

Ich komme noch zwei Kilometer weiter, bis mich eine Kombination von dicken Felsbrocken und losem Geröll in einem Berghang mitten in einem Canyon der Black Rock Desert scheitern lässt.
Ich verlasse den Elefanten, kurz bevor er sich rückwärts und fast überschlagend ein gutes Stück von dem Trampelpfad entfernt niederlegt.

Nach einer halben Stunde habe ich die Fuhre wieder auf dem Pfad liegen, den ich bezwingen wollte. Ich bin fix und fertig. Die Sonne scheint inzwischen ohne jede Wolke am Himmel, und die Temperaturen sind in den letzten zwei Stunden sicher um 30 Grad gestiegen. Bei der Bergung zerre ich meine Wade dermaßen, dass mir die Kraft fehlt, das Motorrad wieder aufzurichten. Nach zwei weiteren Versuchen wird mir klar, dass, wenn ich meine Wade weiter verletze, ich diesen Ort noch nicht einmal mehr humpelnd verlassen werde.

Mit meiner Wasserflasche in der Hand laufe ich an diesem Tag mehr schlecht als recht 18 km durch die glühende Hitze der Wüste Nevadas. Spät am Nachmittag findet mich schließlich ein Pärchen in einem Pick-up, das sich verfahren hat und den Weg nach Gerlach sucht.

Mit rotem Kopf und Sonnenstich - meinen Hut hatte ich natürlich mit einem Teil meines Gepäcks in Gerlach gelassen -, vor allem aber ohne Motorrad kehre ich am frühen Abend nach Gerlach zurück. Alle sind sehr besorgt um mich. Rusty der diese Rally natürlich gewinnt, will umgehend wissen, was los ist. Auf das Lagerfeuer am Abend muss ichverzichten, da ich zitternd im Bett liege. Die Sonne hat mir arg zugesetzt. Mit drei Helfern bin ich am nächsten Morgen um sechs in einem dicken Geländewagen zum Ort meiner Niederlage unterwegs, um mein treues Motorrad zu bergen, das ich tags zuvor hatte zurücklassen müssen. 140 km liegen vor uns! Die Iron-Butt-Kollegen sind verblüfft, wie weit ich es geschafft habe. Immerhin müssen wir die letzten drei Kilometer laufen, da selbst der Geländewagen nicht mehr weiterkommt.

Nach einer Stunde stehe ich mit dem “Weißen Elefanten“ wieder auf der Hauptpiste. Wir sind uns alle einig, dass Geschichten wie diese doch das Salz in der Suppe sind und wir alle sicher auch in vielen Jahren gern wieder lachend darauf zurückblicken.

Zurück nach Kalifornien

Am späten Abend dieses Tages erreiche ich das Haus meines Freundes Lyle in Ukiah /  Nordkalifornien. Lyle Tuttle ist eine Legende der modernen Tätowierung in den USA und er hat mich zu seinem 85. Geburtstag eingeladen. Ich gehe ihm ein paar Tage vor seinem Ehrentag zur Hand, um alles für die große Party vorzubereiten. Die Feier ist schön, ich treffe viele alte Bekannte, von denen die meisten demselben Beruf nachgehen wie Lyle und ich.

Nach meinem Aufenthalt in Nordkalifornien bin ich etwa 900 km weiter südlich im selben Bundesstaat mit meinem Kumpel Rob, einem Tätowierer aus San Diego, verabredet. Rob, selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer, möchte ein paar Meilen gemeinsam mit mir fahren und wir wollen den höchsten und tiefsten Punkt Kaliforniens  auf unseren Motorrädern besuchen.

Am verabredeten Treffpunkt an einer Tankstelle in Pearsonville erscheint Rob zu spät. Er hat einen Plattfuß unterwegs, allerdings kein Werkzeug und Flickzeug für eine Reparatur an seiner Triumph Bonneville dabei. Ein Abschleppwagen liefert ihn am Abend samt Motorrad auf dem Parkplatz ab, auf dem ich seit Stunden auf ihn warte. Mit meinem Werkzeug und zufällig passendem Ersatzschlauch hat Rob den Platten schnell behoben, und wir schlagen unsere Zelte mitten in der Nacht in der bizarren Landschaft von „Fossil Falls“, einer weiteren durch vulkanische Aktivität geprägten Gegend im Süden Kaliforniens, auf. Am Morgen sind wir überwältigt von der Kulisse, die uns umgibt. Die Ostflanke der gewaltigen Sierra Nevada ist rosa und orange gefärbt von den ersten Sonnenstrahlen dieses Tages.

Einige Stunden später blicken wir aus über zwei Kilometern Höhe herab in das weite Tal, von wo wir zuvor gestartet waren. Die grandiose Aussicht bis weit ins Death Valley hinein, die wir von unserem Aussichtspunkt auf dem Weg zum Mount Whitney, dem höchsten Berg in den USA außerhalb Alaskas, genießen, macht es uns schwer, wieder aufzubrechen. Gegen Abend dieses Tages, der geprägt war von fantastischen Landschaften, rollen wir immer tiefer in den Death Valley Nationalpark.

Am Abend ist es immer noch heiß. Rob ist unterwegs wie ein echter Junge aus Kalifornien…in Shorts, T-Shirt und Turnschuhen. Immerhin trägt er einen Helm.

Das Farbspiel des Sonnenuntergangs im Death Valley an diesem Abend rundet diesen Tag voller schöner Eindrücke ab. Viele der Nebenstrecken, die im Death Valley normalerweise befahrbar sind, sind während unseres Aufenthalts aufgrund einer Springflut, die vor einigen Wochen durch das Tal des Todes schoss, leider geschlossen. Die Piste durch den Titus Canyon ist geöffnet, wird allerdings nur für Allradfahrzeuge empfohlen. Rob möchte unbedingt einige Schotterpisten mit mir fahren. Dass sein Motorrad und die Bekleidung dafür nicht unbedingt geeignet sind, juckt ihn wenig.

Die Piste durch den Canyon wird richtig anspruchsvoll. Ich reiße mir aus Unachtsamkeit den rechten Seitenkoffer vom Motorrad, als ich einen dicken Felsbrocken mit der Kofferkante treffe. Der Einschlag ist so hart, dass mein Motorrad am Heck den Bodenkontakt verliert und mich das Hinterteil - immer noch in der Luft - überholt. Ich schlage hart auf, und ein weiteres Mal fliegt einiges an Kunststoff durch die Gegend. Die robusten Touratech-Sturzbügel retten meine Reise abermals. Als ich aufstehe und der Staub sich legt, wundere ich mich, warum das Motorrad so flach am Boden liegt. Ein Blick über die Schulter erklärt es schnell. Der rechte Alukoffer und sein Inhalt liegen zwanzig Meter hinter mir, verteilt über die ganze Piste.   

Mit Spanngurten befestige ich alles notdürftig. Die letzten Kilometer durch den Canyon gleichen der Fahrt in einem trockenen Flussbett. Teils einen halben Meter tief ist der lose Schotter, durch den wir unsere schweren Maschinen wuchten. Ein hartes Stück Arbeit. Rob muss mehrmals Kies aus seinen Turnschuhen kippen, er meistert diesen Abschnitt allerdings ohne Klagen wie ein Champion.
Ich glaube, dass dies sicher die erste Triumph Bonneville war, die den Titus Canyon gemeistert hat - sicher auch wegen des furchtlosen Fahrers!

Bevor wir am kommenden Morgen Death Valley verlassen, machen wir noch einen Stopp in Badwater, dem tiefsten Punkt Kaliforniens 85 Meter unter dem Meeresspiegel. Bereits früh am Morgen ist es brüllend heiß, als wir aufbrechen, um die Mojave-Wüste zu durchqueren. Die Landschaft, die wir den ganzen Tag über durchqueren, ist atemberaubend schön und ich bin verblüfft, was es allein in Kalifornien alles zu entdecken gibt. Todmüde und ausgetrocknet teilen wir uns ein Zimmer für die Nacht in 29 Palms, einem kleinen Wüstenort.

Am nächsten Vormittag durchfahren wird die nochmals völlig andere Landschaft des Joshua-Tree-Parks mit ihrer einmaligen Vegetation und bizarren Gesteinsformationen. Unser Weg führt weiter durch die südlichen Ausläufer des zentralen Tals, das durch künstliche Bewässerung wie eine Oase anmutet. Palmenhaine und landwirtschaftlich genutzte Flächen soweit das Auge reicht. Wasser wird durch offene Kanalsysteme hierher geleitet und kaum jemand spricht Englisch in dieser Region der USA. Überwiegend leben hier mexikanische Wanderarbeiter, die sich legal oder auch illegal aufhalten. Ein Großteil des Gemüses und Obst dieses riesigen Landes wird in diesem Tal angebaut und durch Heerscharen von Billiglohnarbeitern geerntet und verpackt.

Entlang des Salzsees „Salton Sea“, der deutlich unter dem Meeresspiegel liegt, führt unser Weg nach San Diego durch Ocotillo Wells. Dieser letzte Wüstenabschnitt ist heiß und knochentrocken. Niederschläge sind hier eine vollkommene Seltenheit, da alles an Feuchtigkeit in den Bergen davor als Regen fällt. Nicht ein Busch oder Strauch, soweit das Auge reicht. Es gibt nur wenige gelbe  Gräser in dieser trockensten Landschaft,  die ich bisher auf dieser Reise zu sehen bekam.
In den Höhenlagen, die folgen, lässt die erbärmliche Hitze endlich nach, und als wir die Pazifik-Seite der Berge erreichen, wird alles üppig grün. Wenig später fahren wir durch frisch duftende Wälder. Die Kontraste der Landschaft Kaliforniens sind abermals beeindruckend.

In San Diego verbringe ich ein paar Tage mit Rob und seiner reizenden Ehefrau Julia, die froh ist, dass ihr Schatz unbeschadet von diesem Abenteuer zurückgekehrt ist. Rob ist ein ausgezeichneter Mechaniker und seine Heimwerkstatt erstklassig sortiert. Ich kann endlich das verschlissene Lenkkopflager meines Motorrads wechseln und einige andere Wartungsarbeiten vornehmen. Die beiden zeigen mir ihre Stadt und ich werde mit feinster mexikanischer Küche verwöhnt.

Das Klima in San Diego ist selbst Ende Oktober noch immer perfekt. Es wird nie zu kalt oder zu warm. Fast das gesamte Jahr über herrschen 25 Grad mit moderaten Niederschlägen. Gut ausgeruht und mit frisch gewartetem Motorrad breche ich Ende Oktober auf in Richtung Osten. Endlich habe ich ein annehmbares Angebot für die letzte Fracht, die mein Motorrad auf dieser Reise um die Welt nehmen wird, bekommen. Wohin die Reise geht, verrate ich im nächsten und letzten Teil meines Berichts.

Kategorie: Adventure | Travel