Westalpen – Quick and Dirty


Erneut war Prof. Michael Hoyer in seiner Lieblingsregion, den Westalpen, unterwegs. Doch zwei Dinge waren diesmal anders: Zum ersten Mal fuhr er die Honda Africa Twin mit Doppelkupplungsgetriebe. Und dann nahm die Tour auch noch ganz unerwartet ein jähes Ende...

Wieder einmal sollten es die Westalpen sein – und wieder einmal die hohen Berge um Bardonecchia. Schnell sind die knapp 600 Kilometer vom Schwarzwald ins Piemont gefahren – meine Reisebegleiterin ist die Africa Twin von Honda mit DCT-Doppelkupplungsgetriebe, also dem Automatikgetriebe für eine Enduro, die für das Gelände gemacht ist.

Als ich davon erfuhr, dass diese Maschine ein Automatikgetriebe hat, dachte ich spontan:“Fahre mit deiner GS 1200 – da weißt Du, was Du hast“. Als mir allerdings die freundlichen Mitarbeiter von Touratech erklärten, dass diese Getriebe wirklich klasse sei, dachte ich mir: „Lass‘ dich auf dieses Experiment ein – du hast schließlich die ganze Anfahrt, um dich mit der Technik vertraut zu machen. Und es ist wirklich beeindruckend, wie schnell man sich an die Automatik gewöhnt. Zuverlässig schaltet das Getriebe die Gänge durch, und wenn der Zeitpunkt für einen Schaltvorgang zu spät oder zu früh kommt, kann man immer über eine Schaltwippe manuell eingreifen.

Angekommen in Bardonecchia geht die erste Fahrt gleich auf einen Alpenklassiker mit Weitblick-Garantie. Eines der beliebtesten Ziele für Endurofahrer ist der Monte Jafferau mit seinem Gipfelfort. Ob es nun daran liegt, dass der Monte Jafferau der erste wirklich hohe Berg war, den ich vor vielen Jahren in meiner Offroad-Karriere befahren habe, oder ob es schlicht die wunderschöne Anfahrt auf diesen knapp 3000 Meter hohen Berg ist, kann ich nicht sagen. Aber alleine der Name „Jafferau“ lässt automatisch einen zufriedenen Gesichtsausdruck bei mir entstehen.

Es existieren mehrere Anfahrtmöglichkeiten, u.a. von Salbertrand und Savoulx aus. An der Strecke liegt das Fort Pramand unterhalb des gleichnamigen Gipfels. Seit 2007 ist die Strecke ab dem Abzweig von der Piste zum Fort Foens unterhalb des Vin Vert (Bivio del Vin Vert) offiziell gesperrt; gleiches gilt für die Strecke zwischen Bardonecchia und dem Fort (Westan- bzw. -abfahrt über die Skipiste). Das alte Militärsträßchen ist nicht leicht zu befahren. Grober, zum Teil sehr lockerer Schotter machen die Fahrt immer wieder spannend. Belohnt wird man jedoch nach jeder Kurve bzw. Wegbiegung mit grandiosen Weit- und Ausblicken.

Die zum Teil sehr schwierigen Passagen im oberen Teil und das langsame Jonglieren über die dicken Steine des Monte Jafferau bewältigt die Africa Twin mit einer Bodenfreiheit von 250 mm sehr ordentlich. Schalten ist hier nicht nötig, der erste Gang bleibt drin. Nun müsste eigentlich viel und fein koordiniert mit Kupplung und Gas gearbeitet werden. Nicht so beim DCT, da geht alles allein über den Gasgriff, der die elektrohydraulische Kupplung und damit den Leistungseinsatz wunderbar einfach und ganz exakt steuert. Abwürgen ist mit der neuen Honda Africa Twin kein Thema, weil schlicht unmöglich. Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Getriebekupplung im Gelände nicht vermissen würde. Oben auf dem Gipfel angekommen möchte man dann fast die Zeit anhalten. Weite und Stille sind hier die prägenden Eindrücke.

Als nächstes steht der Colle Sommeiller auf dem Plan. Er ist zurzeit der höchste, legal mit Kfz anfahrbare Punkt in den Alpen. Bekannt wurde er vor allem durch das jährlich am zweiten Juli-Wochenende stattfindende Motorradtreffen »Stella Alpina«. Die Befahrung ist wegen des am Westhang nur langsam abtauenden Schnees oft nur im Spätsommer oder Frühherbst möglich.

Die Anfahrt beginnt in Bardonecchia und führt – zunächst noch asphaltiert – zu dem kleinen Ort Rochemolles. Kurz danach beginnt der unbefestigte Teil der Strecke, der aber hier noch gut fahrbar ist. Es geht weiter, vorbei am Stausee Lago di Rochmolles und hinein in das Hochtal bis zum Rifugio Scarfiotti am Talschluss. Danach wird die Strecke sowohl gröber als auch schmaler und auch deutlich schwieriger zu befahren. Über 16 Kehren wird die Stufe zur sehr kargen Pian dei Morti überwunden.
Hat man die steinige Hochebene passiert, folgt noch einmal ein Anstieg über mehrere Kehren hinauf bis zu einer als Wanderparkplatz hergerichteten Fläche. Eine Abfahrt nach Frankreich ist nicht möglich, auch die eigentliche Scheitelhöhe des Passes selbst kann nicht angefahren werden. Sie liegt nordöstlich eines kleinen Sees und ist – wie dieser auch – nur zu Fuß erreichbar. Auch hier möchte man die Zeit am liebsten still stehen lassen bzw. einfach vergessen.

Gegen Mittag, auf der Fahrt hinunter zum Rifugio Scarfiotti, zeigt sich, dass es goldrichtig war, bereits früh morgens zum Sommeiller aufzubrechen. Eine einzige Blechkarawane hat sich den Weg von Bardonecchia hier hinauf gebahnt. Bestimmt knapp 100 Autos haben den unteren, relativ leicht zu befahrenen Teil des Alpenklassikers unter die Räder und die staubige Piste in Beschlag genommen.

Zurück in Bardonecchia ist es Zeit für eine Portion Spaghetti aglio, olio e peperoncino. Gestärkt geht es dann weiter zum zweiten Highlight des heutigen Tages: Die aussichtsreiche Assietta-Kammstraße zählt zu den beliebtesten Höhenstraßen der Westalpen. Sie zieht sich am Kamm zwischen Valle Susa und Valle del Chisone entlang und bewegt sich in Höhenlagen zwischen 2000 und 2500 m. Der höchste Punkt liegt mit 2550 m unterhalb des Gipfels der Testa dell'Assietta (2567 m).

Die Tour beginnt am oberen Ende der Südrampe des Colle delle Finestre. Nach dem Colle dell'Assietta endet die wunderbare Strecke dann an der Scheitelhöhe des Colle di Sestriere. Die Strecke ist bis auf ein kurzes Stück am Anfang komplett geschottert und in der Regel problemlos zu befahren. So auch heute. Voller Glück, müde und zufrieden fahre ich die letzten Meter der Assietta in Richtung Sauze d’Oulx.

In einer Haarnadelkurve passiert dann das, wovor ich mich schon immer ein bisschen gefürchtet habe. Ein Crossfahrer kommt mir mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit genau in der Kurve entgegen. Ausweichen können wir beide nicht. Um einen Frontalzusammenprall zu vermeiden greife ich beherzt in die Bremse. Das Vorderrad-ABS der Honda greift zwar wunderbar – leider verzieht es das Vorderrad dennoch auf den groben Schotter und ich stürze unsanft über den Lenker hinweg auf den harten Boden. Das Motorrad liegt halb auf mir – und mein erster Gedanke ist, dass ich mein Bein gebrochen habe.

Nur schwer kann ich mich unter der Maschine befreien und was ich sehe, kann ich kaum glauben – der Crossfahrer kam QUICK AND DIRTY um die Ecke und ist einfach weitergefahren… Unglaublich! Nicht nur, dass er der Unfallverursacher war – er hat auch noch das Weite gesucht! Meine Wut kennt eigentlich kaum Grenzen, wird aber immer mehr von den Schmerzen überlagert. Es ist nicht der Fuß, der schmerzt – das war wohl nur ein Druckschmerz - es sind die Rippen, die mich sehr kurzatmig machen und höllisch schmerzen. Zum Glück habe ich in den vergangenen Jahren verschiedene Offroad-Trainings in Hechlingen absolviert, um zu wissen, wie man ein liegendes Motorrad wieder aufrichtet.

Eigentlich wären nach der Assietta noch weitere Alpen-Highlights wie beispielsweise der Col du Parpaillon mit seinem legendären Scheiteltunnel, die Ligurische Kammstraße sowie die Maira-Stura auf dem Programm gestanden. Mit zwei gebrochenen Rippen war ich jedoch sehr froh,als ich endlich wieder wieder in heimischen Gefilden eintraf.

Vier Wochen nach der Begegnung mit dem Crossfahrer an der Assietta lassen die Schmerzen langsam etwas nach – dafür kommt die Wut wieder. Die Wut auf diesen rücksichtlosen Fahrer, der einfach eine Kurve viel zu schnell nimmt und sich dann verantwortungslos aus dem Staub macht. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn … Zwei Rippen wachsen wieder zusammen. Und im Oktober werde ich ins Piemont zurückkehren und weitere Offroad-Strecken unter die Räder nehmen.

Text und Fotos: Prof. Michael Hoyer

Kategorie: Adventure | Travel