Auf Abwegen


Einsame Palmenstrände, feuerspeiende Vulkane, geheimnisvolle Pyramiden und die weglose ­Mosquito Coast – auf ihrer abenteuerlichen Motorradreise von Panama nach Guatemala haben Joe und Renate Pichler die gesamte Vielfalt Mittelamerikas erlebt.

Joe Pichler ist Motorradreisender aus Leidenschaft sowie professioneller Vortragender und Autor. Seine Frau Renate fährt auf dem Sozius mit, schießt alle Fahraufnahmen und ist für die Videos zuständig.

Die Vortragstournee  Ab Herbst 2017 tourt Joe Pichler mit seiner neuen Live-Reportage »Zentralamerika – Kuba« durch die Lande. Einen Film über die komplette Zentralamerikareise gibt es auf DVD, die ab Oktober bestellt werden kann. DVD-Bestellung und Vortragstermine unter www.josef-pichler.at


Text: Joe Pichler   Fotos: Joe und Renate Pichler

Die Skyline von Panama City ist durchaus beeindruckend. Nachdem wir aber bereits den dritten Tag in Folge ausgiebig Gelegenheit hatten, die Hochhäuser zu betrachten, wird unser Wunsch, endlich die Panamericana in Richtung Norden unter die Räder zu nehmen, immer dringlicher. Doch durch den Streik der furchtbar unterbezahlten Lufthansa-Piloten ist meine KTM 1090 R in Frankfurt liegen geblieben.

Mit drei Tagen Verspätung kommt die Maschine dann endlich nach Panama. Unserem Start ins Abenteuer Zentralamerika steht nichts mehr im Wege. Erstes Ziel ist der weltberühmte Panamakanal. Erst im Juni 2016 wurde die neue breitere Agua-Clara-Schleuse an der Karibikseite eröffnet. Jetzt können Supertanker und Containerschiffe mit einer Breite bis zu 49 Metern und einer Länge bis zu 366 Metern die Wasserstraße passieren. Normalerweise gehören wir mit der 125 PS starken KTM zu den schnellsten auf Zentralamerikas Straßen. Aber hier in Panama tauchen immer wieder laut hupende »Diabolos Rojos«, rote Teufel, im Rückspiegel auf. Mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit saust dann ein bunt bemalter, klappriger Bus an uns vorbei. Alte US-merikanische Schulbusse werden hier im Nahverkehr eingesetzt und Diabolo Rojo genannt. Für die fahrenden Kunstwerke gelten offensichtlich keine Verkehrsregeln.

Auf der perfekt ausgebauten Panamericana erreichen wir Costa Rica, wo auf der Halbinsel Osa die asphaltierten Straßen enden und der Spaß beginnt. Extreme Regenfälle haben die Lehmpisten aufgeweicht und die Flüsse steigen lassen. Jede Flussdurchfahrt wird zur echten Her­ausforderung. Ab Dos Brazos geht es dann nur mehr zu Fuß weiter. Nach fünf Stunden anstrengendem Marsch auf rutschigen Urwaldpfaden erreichen wir Piedras Blancas, eine Goldgräbersiedlung mitten im Regenwald. In mühsamer Handarbeit wird hier nach Gold geschürft. ­Tonio ist bereits seit fünf Monaten hier und hat gerade einmal sechs Gramm des Edelmetalls gefunden. In Dos Brazos bekommt er rund 200 Euro dafür. Reich werden hier nur die wenigsten. Umso mehr freut er sich über die mitgebrachte Flasche Rum, die sofort geleert wird.

Wir verlassen das tropisch schwüle Osa und gelangen über eine kurvige Bergstraße auf den Cerro de la Muerte in der Cordillera de Talamanca. Hier erreicht die Panamericana  mit 3335 Metern ihren höchsten Punkt in Mittelamerika. Die Temperatur sinkt auf frostige fünf Grad Celsius, und es gibt hier sogar ein Dorf mit dem Namen »Siberia«. Unsere kleine Blockhütte ist nicht beheizt, zum ersten Mal freuen wir uns über unsere wohlig warmen Schlafsäcke, die wir bislang umsonst mitgeschleppt hatten.
 
Mit Monteverde erreichen wir eine der Hauptattraktionen am sogenannten Gringo Trail in Costa Rica. Backpacker aus aller Welt drücken sich hier die Türklinken der unzähligen Hos­tels in die Hand. Auf den gepflegten Wanderwegen laufen lautstark schnatternde Besuchergruppen herum. Tiere sind weniger zu sehen, die meisten haben sich tiefer in den Wald zurückgezogen.

Investoren aus den USA haben die Pazifikküste Costa Ricas schon ziemlich verbaut. Aber auf der Halbinsel Nicoya finden wir noch naturbelassene Strände, an denen nicht Hotelburgen sondern Palmen in den Himmel ragen. Wir schwimmen im glasklaren Wasser und genießen köstliches, frisch gegrilltes Meeresgetier. Als dann die Sonne kitschig und romantisch wie ein leuchtend roter Ball im Pazifik versinkt und ein kühler Mojito serviert wird, beschließen Renate und ich spontan: Hier bleiben wir noch ein paar Tage.

Gegrillte Langusten sind eine Luxusmahlzeit in Costa Rica. Gallo Pinto, Reis mit Bohnen, hingegen ist das Nationalgericht, sogar zum Frühstück wird es serviert. Im kleinen Städtchen Liberia gibt es dann eine köstliche Alternative – »Los Pancitos de Don Christian«. Ein Salzburger baut gerade eine Bäckerei auf und bringt österreichische Backkunst nach Zen­tralamerika. Mit Genuss beiße ich in das knusprige Kaisersemmerl, probiere auch die Topfengulatsche und das Schusterlaibchen. Ich bin begeistert. Bäckermeister Franz ist noch nicht ganz zufrieden, es gibt kein Roggenmehl in Costa Rica. Aber er ist gerade dabei, Mehl aus Österreich zu importieren. Und dann soll alles noch besser schmecken.

Solange können wir aber nicht warten, unsere Reise geht weiter nach Nicaragua. Was haben wir im Vorfeld für Horrorstories über die Grenze in Peñas Blancas zwischen Costa Rica und Nicaragua gehört. Korrupte Zöllner, aufwendige Bürokratie und stundenlanges Warten seien hier an der Tagesordnung. Nun gut, Lkw-Fahrer möchte ich hier keiner sein. Die stehen wirklich stundenlang im Stau. Aber wir brauchen nur eine gute Stunde, um alle Formalitäten samt dem Abschluss einer Haftpflichtversicherung zu erledigen. Bereits am Nachmittag genießen wir in San Jorge ein kühles Cerveza Imperial, Blick auf die Isla de Ometepe im Nicaraguasee inklusive.

In Granada angekommen, müssen wir uns entscheiden: Fahren wir entlang der Panamericana weiter nach Honduras oder wagen wir die Route entlang der Moskitoküste? Ich hatte vor der Abreise E-Mail-Kontakt mit einem Mr. Junior aus Puerto Lempira. Und der ist der Meinung, die Strecke sollte machbar sein. Also auf an die Moskitoküste!

Es sind zwei heftige Fahrtage von Matagalpa bis nach Puerto Cabezas. Zuerst werden wir mit gutem Asphalt verwöhnt, aber bereits nach wenigen Kilometern beginnt eine steinige Piste bis nach Siuna. Hinter Sinua verbessert sich zwar der Straßenzustand, dafür schüttet es den ganzen Tag. Dazu kommt bei Kakyolo eine Militärkontrolle, die 90 Minuten dauert. Mühsam müssen unsere gesamten Daten samt Fahrgestellnummer des Bikes per Funk nach Puerto Cabezas durchgegeben werden. In der Hafenstadt angekommen, müssen wir uns den Ausreisestempel holen. An der 150 Kilometer entfernten Grenze gibt es nur mehr einen kleinen Militärposten. In Leimus endet die Piste, über den Grenzfluss gibt es keine Brücke. Der Rio Coco kann nur mit dem Boot überquert werden. Das sind die Momente, in denen ich mir eine etwas leichtere Adventure wünsche. Aber mit genügend Helfern wird die 1090 R in das Boot verladen. Auf honduranischer Seite folgen wir einer Piste bis nach Puerto Lempira, wo alle Wege enden. Erst 200 Kilometer weiter im Westen soll es wieder eine Piste geben.

Mein erster Weg führt mich zu Junior, meinen Internetbekannten. Als dieser meine vollbepackte Adventure sieht und dann noch erfährt, dass Renate auf dem Sozius mitfahren soll, ist er sich nicht mehr so sicher, dass unser Trip entlang der Moskitoküste zu schaffen ist.
Zuerst gilt es, die Lagune von Lempira mit einem Boot zu überqueren. Bei starkem Seegang beginnt die rasante Fahrt. Ein Sprung über eine Welle hat fatale Folgen: Ein Brett bricht unter der KTM, der Bremsflüssigkeitsbehälter wird zerstört. Wir müssen umkehren und den kaputten Behälter in Puerto Lempira reparieren. Am nächsten Morgen wagen wir einen neuen Versuch. Dieses Mal gelingt die Überfahrt nach Yahurabila­. Wir warten auf die Ebbe und starten in die 75 Kilometer lange Strand­etappe nach Barra Patuca.

Der Bootsbesitzer warnt uns noch eindringlich davor, ja keine am Strand angeschwemmten Pakete mitzunehmen. Das könnte Kokain sein! Die Moskitoküste ist einer der wichtigsten Transportkorridore für das kolumbianische Kokain. Wenn die Narcos, wie die Schmuggler genannt werden, in ihren Booten vor der Küste von der U.S. Coast Guard entdeckt werden, werfen sie das Koks einfach wasserdicht abgepackt ins Meer. Die Miskitos erfahren über Funk davon und machen sich auf die Suche nach dem wertvollen Treibgut. Und denen sollte man nicht in die Quere kommen, denn ein Paket wird in den USA für rund 50.000 Dollar gehandelt.

Vorbei an gestrandeten, verrosteten Schmugglerbooten kämpfen wir uns den Strand entlang. Das Wetter wird wieder schlechter, und der Wind peitscht die Wellen gegen unser Motorrad. Nur jetzt nicht steckenbleiben! Die nächste Flut kommt wie das Amen im Gebet, und die KTM würde für immer im Karibischen Meer verschwinden. Ziemlich erschöpft erreichen wir unser Tagesziel, den Rio Patuca, der wieder mit dem Boot überquert wird. Aber das ist nun schon Routine für uns.
Starke Regenfälle und das aufgepeitschte Meer machen eine Fahrt am Strand nach Kuri unmöglich.  

Das erste Teilstück muss die KTM in ein Boot verladen werden. Den Rest der Strecke bis nach Raista können wir wieder am Strand zurücklegen. Der letzte Tag an der Moskitoküste ist eine Abwechslung aus Bootstransport, schlammigen Pisten und Sandpassagen. Am späten Nachmittag erreichen wir Sambo Creek und sind stolz, das Abenteuer Moskitoküste geschafft zu haben.
In Rio Dulce in Guatemala hat uns der Massen-Rucksacktourismus wieder. In einer Minute treffen wir mehr Touristen als in den letzten 14 Tagen.

Guatemalas alte Hauptstadt Antigua ist mit Sicherheit die beste Adresse, um die Semana Santa, die Osterwoche, in Zentralamerika zu verbringen. Man sollte sich aber unbedingt bereits im Vorfeld ein Zimmer reservieren. Die kleine Stadt ist in dieser Zeit völlig ausgebucht, und die Zimmerpreise steigen in astronomische Höhen. 700.000 Besucher zwängen sich durch die engen Gassen. Platzangst oder eine Weihrauchallergie sollte man nicht haben. Bis zu zwei Tonnen schwere Holzplattformen werden im Takt der begleitenden Musikkapelle von den in violette Kutten gekleideten Pilgern durch die Gassen getragen. Dazu werden unaufhörlich Weihrauchgefäße geschwenkt, deren Qualm die Straße in einen dichten Nebel hüllt. Es herrscht eine mystische Stimmung, die auch uns gefangen nimmt.

Am 3976 Meter hohen Acatenago sind wir nun weit weg vom hektischen Treiben Antiguas. In rund 3600 Metern Höhe stellen wir unser Zelt auf und genießen den grandiosen Ausblick auf den aktiven Volcán de Fuego, den Feuervulkan. Und der Fuego macht seinem Namen alle Ehre. Immer wieder schleudert er glühende Lava in den schwarzen Nachthimmel.

Es ist nur eine Tagesetappe bis zum Lago de Atitlán, dem schönsten See Zentralamerikas. Wir schlagen am Ufer des von Vulkankegeln umgebenen Sees unser Zelt auf, erholen uns von den Strapazen der Bergtour und planen die nächste Etappe unserer Reise.

Die kurvige Bergstraße nach Chichicastenango wäre eine tolle Motorradstrecke, müsste man sie nicht mit völlig durchgeknallten Busfahrern teilen. Hier gilt das Recht des Stärkeren, und da hat man als Biker naturgemäß schlechte Karten.

In Chichicastenango findet jeden Sonntag einer der größten Märkte Guatemalas statt. Das wissen aber nicht nur die einheimischen Händler und die Bewohner der umliegenden Dörfer, das weiß auch jeder Tourist, der gerade in Guatema la ist. Vom Selfie-Wahn geplagte asiatische Pauschaltouristen, Traveller in Expeditionsbekleidung und Backpacker in zerrissenen Jeans zwängen sich durch enge Marktgassen. Nicht ganz das, was wir von einem ursprünglichen Markt erwarten.
Über eine kurvige Bergstraße erreichen wir die abgelegene Ixil-Region im Herzen Guatemalas. In dieser Gegend ist Tourismus noch ein Fremdwort. Landwirtschaft und Weben sind die Haupteinnahmequellen. Fremden gegenüber sind die Ixil extrem distanziert, und das hat einen guten Grund. In den 1980er Jahren war das Gebiet der Ixil ein wichtiger Schauplatz des guatemaltekischen Bürgerkriegs. Es kam zu schweren Massakern, bei denen ein Sechstel der Bevölkerung ums Leben kam. In Chajul scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Über 100 Jahre alte Häuser und steile Straßen prägen das Landschaftsbild.

Die Ixil-Frauen in ihren farbenfrohen Trachten mit den roten Röcken wären ein perfektes Fotomotiv. Doch sobald wir die Kamera in die Hand nehmen, drehen sie sich sofort um. Renate überredet aber ein paar Mädchen dazu, ein Handy-Foto von uns zu machen. Im Gegenzug darf ich sie fotografieren.

Unser nächstes Ziel ist Tikal, eine der bedeutendsten Stätten der klassischen Maya-Periode. Ein letztes Mal schlagen wir in Guatemala unser Zelt auf. Wir campen direkt neben dem Eingang zur Ausgrabungsstätte. Wir wollen die ersten sein, die am Morgen die Anlage besuchen. Fasziniert stehen wir auf dem Platz vor dem 45 Meter hohen Tempel des Großen Jaguars. Es ist gespenstisch ruhig, nur das Röhren der Brüllaffen durchdringt die Stille. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Vom Tempel Nummer IV haben wir einen fantastischen Ausblick über den umliegenden Regenwald. Wie Inseln aus dem Meer ragen die Spitzen der Steinpyramiden durch das Blätterdach. Unser Blick wandert Richtung Osten. Irgendwo dort muss Belize liegen – unser nächstes Reiseziel.

REISEINFO:

An- und Einreise 
Der Motorradtransport von Europa nach Zentralamerika erfolgt am besten per Luftfracht. Wer von Panama weiter nach Kolumbien will oder von Kolumbien kommt, hat auch die Möglichkeit mit der Stahlratte überzusetzten (www.stahlratte.de).
Reisepass, nationale Zulassung und nationaler Führerschein sind obligatorisch. Es müssen keine Visa im Vorfeld beantragt werden. Ein Carnet des Passages braucht man nicht, an den jeweiligen Grenzen müssen jedoch temporäre Zollpapiere ausgefüllt werden.

Klima und Reisezeit 
Von Mitte November bis April herrscht theoretisch Trockenzeit in Zentralamerika. Nichtsdestotrotz hat es auf unserer Reise bis Ende Dezember immer wieder stark geregnet.

Motorrad und Verkehr 
Von Autobahn bis Schlammpiste ist je nach Routenwahl jede Straßenkategorie vorhanden. Tankstellen gibt es ausreichend. Lkw und Busse haben zum Teil einen radikalen Fahrstil. Ansonsten herrscht in ländlichen Regionen wenig Verkehr. Für Nicaragua, Costa Rica und Panama ist eine Kfz-Haftpflichtversicherung vorgeschrieben, die direkt an der Grenze abgeschlossen werden kann.
Die Route entlang der Moskitoküste ist nicht mit den restlichen Pisten in Zentral­amerika vergleichbar. Man ist hier weit weg von den ausgetretenen Pfaden. Improvisationstalent und Spanischkenntnisse sind wichtig. Das Fahren im Sand sollte man Beherrschen. Entlang der Küste verläuft auch die Hauptdrogenroute nach Nordamerika, weshalb es wichtig ist, sich bei den Einheimischen über die aktuelle Sicherheitslage zu informieren. Immer wieder müssen Boote organisiert werden.




Kategorie: Adventure | Travel