IDBDR (Idaho Backcountry Discovery Route) - Von Jon Beck


"Klick" Das war alles, was ich hörte, gefolgt von einer Stimme. "Hab ich dich erwischt!" Keine allzu ungewöhnlichen Worte, möchte man meinen. Wenn man sie allerdings vernimmt, während man gerade an einem frischen Morgen in Tonopah, Nevada, aus seinem Hotelzimmer tritt

(Von Jon Beck)

"Klick"

Das war alles, was ich hörte, gefolgt von einer Stimme.

"Hab ich dich erwischt!"

Keine allzu ungewöhnlichen Worte, möchte man meinen. Wenn man sie allerdings vernimmt, während man gerade an einem frischen Morgen in Tonopah, Nevada, aus seinem Hotelzimmer tritt, beide Hände voll mit einem Wirrwarr von Ausrüstungsgegenständen für eine Abenteuerreise mit dem Motorrad, und dabei dann eine junge Frau bemerkt, die mit ihrer Kamera vor deiner Tür auf dem Boden liegt, dann erhält dieser Satz schon eine etwas eigentümliche Bedeutung.

"Du wirst wahrscheinlich den Film einige Stufen pushen müssen - ist ziemlich dunkel hier." Wie du mir, so ich dir! Bizarre Begrüßungen werden entsprechend erwidert. Wobei meine Antwort vermutlich recht hilfreich war für dieses wie auch immer geartete voyeuristische Projekt, das dort am Entstehen war. Ich hatte ohnehin anderes im Kopf. Ich schleppte nämlich ebenfalls Kameras mit mir herum, und die musste ich bis zum Abend desselben Tages bis an die Südgrenze Idahos schaffen.

Meiner ziemlich attraktiven knipswütigen Stalkerin einen kurzen, aber hilfreichen Tipp zum Fotografieren zu geben, war zugegebenermaßen ein willkommener Aufschub der bevorstehenden Tortur, meine Ausrüstung über den Balkon und anschließend durch ein äußerst fragwürdiges Treppenhaus zu zerren. Dieser Hotelaufenthalt führte mir mal wieder vor Augen, warum ich mich so aufs Campen freute. Statt Kofferschleppen und Treppensteigen würde ich nur einen Kofferdeckel öffnen müssen, um mich dann direkt neben meinem Bike schlafen zu legen. Mit Idaho im Blick befestigte ich nun alles auf der BMW und fuhr mit röhrendem Motor hinaus in die große Leere Nord-Nevadas.

Ein Motorradabenteuer, das mit einer offensichtlich spontanen Paparazzi-Attacke beginnt, hat schon irgendwas von "Flucht". Dem Medienwahn, sei es Social Media oder was auch immer, zu entfliehen; alles, was unser modernes Leben durchdringt, für eine Weile auszublenden, wenn man es denn möchte ... Norden. Es klingt kalt, abgelegen, wild und schroff. In Wirklichkeit könnte dies auch einfach eine Beschreibung der Wegstrecke durch die Vororte sein, wenn man dem Stadtzentrum entflieht. Im Falle von Touratech's Idaho Backcountry Discovery Route bedeutete diese Reise nördlich von Los Angeles, so weit wie nur irgend möglich auf Christopher McCandless’ Spuren zu wandeln, wenn auch ohne giftige Kartoffeln.

Elko, Nevada war der Punkt, an dem ich die Zivilisation verließ. Nachdem ich meine BMW noch mal aufgetankt hatte, fand ich mich auf Pisten wieder, die mich zum Ausgangspunkt der Rallye in Jarbidge, Nevada, führen sollten. Diese Stadt, die kaum als solche wahrnehmbar ist, ist auf weiten Strecken besser zum Laufen als zum Fahren geeignet und hält eine Fülle an kulturellen Kuriositäten bereit. Der 1910 erbaute Gemeindesaal mit dem noch funktionstüchtigen Projektor aus der Stummfilmzeit schlägt Americana-Enthusiasten mit Geschichten über geborgene Schätze in ihren Bann und ist das unverwüstliche Herzstück des Ortes, dem dadurch auch in Zeiten schwindender Einwohnerzahlen ein Platz auf der Landkarte sicher ist.

Einst eine Stadt mit rund 3000 Einwohnern, ist Jarbidge inzwischen zu einer Gemeinde verkümmert, in der während der Wintermonate nur noch um die 20 Menschen zurückbleiben. Für Motorradreisende bedeutet die Abgeschiedenheit Segen und Fluch zugleich. Zwar ist die Distanz zum städtischen Getümmel durchaus erstrebenswert, aber wenn einem der Fahrer ein Unglück widerfährt und er medizinische Hilfe für seine gebrochenen Knochen benötigt, dann ist "mehr Abgeschiedenheit" gleichbedeutend mit "mehr Schwierigkeiten". Unser Freund John machte diese Erfahrung, als er und seine 1190 KTM bei voller Geschwindigkeit in verschiedene Richtungen flogen, und zwar auf einer dieser abgelegenen Strecken. Als der Rettungshubschrauber neben der kurvigen Schotterpiste landete und seine beschädigte Fuhre auflud, wurde uns der glückliche Umstand, dass sich unsere Gruppe in der Nähe einer relativ großen Straße befand, schlagartig bewusst.

Der erste Eindruck von Idaho war, dass dieses Land in den Zeiten verloren gegangen war. Die Zeitzone, die an der Wand des Outdoor Inn-Restaurants angezeigt wurde, stimmte nicht mit der auf meinem Handy überein - zumindest ausgehend vom letzten Mal, als es Empfang hatte, was - das versteht sich von selbst - nicht hier war. Auch als wir weniger entlegene Orte erreichten, schien es keine Zeit mehr zu geben. Um 6 Uhr morgens ist es nahe Boise stockdunkel, und das im August. Erfreulicherweise herrschte beim Morgenspaziergang rund um den Trinity Lake eine so extreme Stille, dass sie sogar einen buddhistischen Mönch beeindruckt hätte. Sobald sich die gesamte Gruppe aus ihren Zelten geschält hatte, fuhren wir auf den Trinity bis zum dortigen Aussichtspunkt. Wenn man auf dem Gipfel eines 3000ers steht und den 360°-Blick auf die umliegenden Berge genießt, erwartet man fast, dass aus den Gesteinen irgendein verhutzelter Weiser erscheint und einem den Sinn des Lebens erklärt. Der Volontär in kurzen Sporthosen, der uns mit seinem Quad begleitete, verfügte immerhin über eine Menge an Wissen über die Region.

Das Bemerkenswerteste, das wir herausfanden, war vielleicht die Tatsache, dass unser BDR-Team die allererste Gruppe überhaupt war, die diesen Ort auf großen Dual Sport-Motorrädern erreicht hatte. Durchweg Felsen, extreme Belastung sowie enge Serpentinen, die steil anstiegen, erwarteten die geübten oder auch tollkühnen Fahrer, die den Versuch wagten, den Berg zu erklimmen. Einige aus unserer Gruppe entschieden sich dafür, ihre Motorräder am Fuß des Berges zurückzulassen, während andere hinauffuhren. Weise Entscheidungen wurden getroffen - es empfiehlt sich jedenfalls, sein eigenes Komfortbedürfnis zu kennen. Wandern, um einen Ausblick zu genießen, ist besser, als den Ausblick ganz zu verpassen. Bedenkt, dass man nur den Himmel sieht, wenn man auf einer Trage festgeschnallt ist.

Am folgenden Tag ins Deadwood Reservat zu fahren war womöglich der beste Weg aufzuzeigen, worum es bei Abenteuerreisen durch Idaho überhaupt geht. Nichts ist übermäßig technisiert, die Landschaft ist bezaubernd, aber man muss wirklich lange fahren! Straßen und Kurven, es geht einfach immer weiter. Meilen werden zu Stunden, und Stunden verwandeln sich in die Hoffnung, einen Platz zum Campen zu finden, der immer nur ein paar Kurven weiter zu sein scheint. Das Gelände ist episch, episch in seiner Ausdehnung. Was die Entdecker Lewis und Clark in diesem Land zuwege brachten, ohne befestigte Straßen, übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen.

Für einige Tage schloss sich der Lokalhistoriker Earl Bower unserer Gruppe an, um Fragen zu den frühen Entdeckern der Region zu beantworten. Earl gewährte uns Einblicke in die Welt der Ureinwohner und darüber, wie sie auf solch anspruchsvollem Terrain zurechtkamen. Obgleich ich mir nicht anmaßen möchte, die Herausforderungen, vor denen die Menschen längst vergangener Zeiten standen, mit denen zu vergleichen, denen wir auf unserer "Freizeittour" ausgesetzt waren, so standen wir dennoch einigen dieser Hindernisse  gegenüber. Das eklatanteste Beispiel war, was mich betrifft, ein umgestürzter Baum.

Die BMW R1200GS Adventure ist eine sehr fähige Maschine. Selbst in der Grundausstattung ist es für sie kein Problem, über einen Baum zu fahren, der den Weg versperrt. In diesem Fall jedoch war die Situation durch die Tatsache, dass mein Motorrad keine Motorschutzplatte hatte, um einiges heikler. Die Maschine mit Hilfe meiner Reisegefährten über das Hindernis zu schieben, barg das Risiko, den freiliegenden Krümmer einzudrücken, oder - was noch viel schlimmer wäre - den Motor zu beschädigen. Zum Glück hatte der Motor mehr als genug Pfiff, um gefahrlos über das Hindernis, das den Weg blockierte, hinübergewuchtet zu werden. "Pling!" Der Gashebel gewinnt erheblich an Bedeutung, wenn er mit dem 1200er Boxermotor der BMW verbunden ist. Am Ende wurden Fahrer und Maschine einfach über das baumartige Hindernis geworfen und landeten abrupt, aber unversehrt, auf der anderen Seite.

Manchmal ist es ein Segen, wenn man aufgehalten wird. Am Morgen des "Baumsprungtages" fand ein für 7 Uhr geplantes Frühstück nicht statt. Um sich die Zeit zu vertreiben, beschlossen einige aus der Gruppe, sich in den heißen Quellen von Burgdorf einzuweichen, bis das Frühstück fertig war. Gegen halb zehn öffneten sich die Türen des Speisesaals und wir erhoben uns widerwillig aus den warmen Pools der Glückseligkeit, um ein schnelles Frühstück einzunehmen, bevor wir uns wieder auf die Bikes schwangen - eine weitere Form der Glückseligkeit, ohne Zweifel. Der lange Reisetag endete an einer Stelle, die in den Reiseführern als "perfekter" Campingplatz bezeichnet wird, was durchaus vertretbar ist - wenn man mal von den Grizzlybären absieht, die es in der Gegend gibt.

Erwarte das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor. Als während der Nacht der Regen gegen meine Zeltplane trommelte, klangen mir diese Worte noch nicht allzu laut in den Ohren, wohl aber am nächsten Tag, als die einzige Straße, die durch den Canyon führte, gesperrt war: eine Schlammlawine. Nun standen wir vor der Wahl, entweder viele Stunden bis zur nächsten Abzweigung zurückzufahren, oder aber zu warten, bis die Planierer ihre Arbeit beendet hatten und uns durchfahren ließen. Wir entschieden uns für letzteres. Mit dem Auspacken der Kaffeekocher verbesserte sich unsere Anpassungsfähigkeit an die Situation zusehends; Kameras wurden eingeschaltet, und die Verzögerung wurde zu einer willkommenen Pause. Der angrenzende, schlammige Fluss hatte nahezu die gleiche Farbe wie unser Kaffee und erinnerte uns daran, dass diese Hügel durchaus auseinanderbrechen können, sollte ein Sturm sie entsprechend dazu ermutigen. In weniger als zwei Stunden hatten die Planierer uns einen Weg freigeschaufelt, und weiter ging's Richtung Norden.

Der Lolo Parkway erinnerte mich daran, warum ich mit den Abenteuerreisen angefangen habe. Eine Entdeckungsfahrt in ihrer einfachsten und reinsten Form. Wunderbar abgelegen, vernünftigerweise nicht technisiert und zweifelsohne malerisch, gibt es auf diesem Abschnitt der Idaho Backcountry Discovery Route zahllose historische Kleinode, so dass Earl regelmäßig anhielt, um sie uns zu zeigen. Die "Blue Cabin" war zwar nicht unbedingt historisch, jedoch ohne Zweifel ein solches Kleinod. Nach so vielen Tagen unterwegs war die heiße Dusche, die wir uns dank des mit Holzfeuer betriebenen Wärmeaustauschers gönnen konnten, einfach göttlich. Trotzdem entschied ich mich dafür, weiterhin draußen in meinem Nemo-Zelt zu schlafen. Die Explosion, die mich gegen Viertel vor Fünf am Morgen aus dem Schlaf riss, stellte sich zwar lediglich als Donner heraus. Der Wolkenbruch jedoch, der kurz danach einsetzte, inspirierte durchaus zum Bau einer Arche. Mein Zelt, das einst leuchtend grün war, war vollständig mit Matsch bespritzt und sah nun wie eine kleine Lehmhütte aus.

Als wir Bonners Ferry verließen und uns auf den Weg zur kanadischen Grenze machten, wo die Backcountry Discovery Route (BDR) endete, wurden wir uns der Großartigkeit dieser Reise bewusst. Was die Entfernungen betraf, so war dies die längste BDR, die unser Team bisher absolviert hatte. Was jedoch am meisten hervorstach, war die Vielfältigkeit der Menschen, denen wir unterwegs begegnet waren.

Während Staaten wie Utah oder Colorado über eine schwindelerregende Vielfalt an Landschaften verfügen, so begegnete uns in Idaho eine kulturelle Vielfalt, wie wir es bisher auf noch keiner BDR erlebt hatten.

Bei Burgdorf Hot Springs erzählte uns anderer Reisender bei einer Flasche "Freiland-Wein" von seinen letzten 17 Jahren unterwegs. In Secesh Stage Stop erklärte uns ein Einheimischer, dass die Stadt nach den Sezessionisten benannt wurde, die während des Bürgerkrieges nach Norden kamen und diesen Ort gründeten. Kurt Forget aus Idaho, der unserer Gruppe angehörte, ist der Inhaber von Black Dog Cycle Works mit Niederlassungen in Sand Point, Idaho und in einer obskuren mexikanischen Stadt namens Mulege. Beinahe in jedem Ort, in dem wir hielten, schienen interessante und freundliche Menschen nur darauf zu warten, uns Geschichten zu erzählen.

Allerdings, nicht ein einziges Mal während dieses Trips lag jemand draußen vor meinem Zelt, um mich dabei zu fotografieren, wie ich morgens aufstand. Tja, ich schätze, ein Staat kann nun mal nicht alles haben.

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Mehr Informationen über die Backcountry-Routen: www.backcountrydiscoveryroutes.com

IDBDR Randnotiz

Zwar steht Idaho flächenmäßig an 14. Stelle der US-Staaten, rutscht jedoch auf den 35. Platz ab, wenn es um die Anzahl der befestigten Straßen geht. Zudem steht der Staat an siebtletzter Stelle, was die Bevölkerungsdichte betrifft, was bedeutet, dass nur sehr wenige Leute auf diesen Straßen unterwegs sind. An der engsten Stelle ist der Staat nur 45 Meilen breit sowie 310 Meilen an der weitesten Stelle. Unser BDR-Team nahm die Nord-Süd-Route, die an der Westseite des Staates entlang führte. Unterwegs begegneten wir etlichen freundlichen Einheimischen, und das trotz der Tatsache, dass es hier durchschnittlich nur 19 Einwohner pro Quadratmeile gibt (in einigen Regionen sogar weniger als einen Einwohner pro Quadratmeile). All diese Zahlen zusammen machen Idaho zu einem idealen Reiseziel für jeden, der im abgelegenen Hinterland auf Abenteuerfahrt gehen möchte.

  • Einwohner: 1,6 Millionen
  • Fläche: 83.642 Quadratmeilen / 216.632 Quadratkilometer
  • Durchschnittliche Einwohnerzahl pro Quadratmeile: 19
    (geringste Einwohnerzahl pro Quadratmeile: 6)
  • Befestigte Straßen in Meilen: 98.649 (rangiert unter den US-Staaten mit der größten Anzahl an asphaltierten Straßen auf Platz 35)
  • West-Ost-Entfernung: 45 Meilen an der engsten Stelle, 310 Meilen an der breitesten Stelle
  • Nord-Süd-Entfernung: 479 Meilen

Das Video dazu gibt's im Touratech-Webshop.

Kategorie: Adventure | Travel