Naher Osten


Nur ein paar Fahrstunden jenseits der ostdeutschen Grenze beginnen für die meisten von uns unbekannte Regionen. Wer die zahlreichen Nebenstrecken nutzt, findet im tschechischen Riesengebirge und der slowakischen Hohen Tatra Reiseabenteuer jenseits des Massentourismus.

Von Ostdeutschland bis in die hohe Tatra

Text und Fotos: Jo Deleker

Die 12er Generalkarte in meinem Tankrucksack ist noch nie benutzt worden, also nagelneu. Fast jedenfalls. Trotzdem kennt sie sich nicht aus, die real existierenden Straßen in Sachsen passen einfach nicht zum Kartenbild. Ob es am Erscheinungsdatum liegt? 1997 steht auf der Karte. Terra incognita, schon jetzt, bevor ich die Grenze nach Tschechien überquert habe. Wenigstens habe ich für die neuen Ziele vorgesorgt, wirklich neue Karten eingepackt.
Obwohl, wie ich nach einigen Stunden auf tschechischen Straßen bemerke, es hier auch ein 97er Exemplar getan hätte. Denn im Gegensatz zum komplett erneuerten Straßennetz in der Ex-DDR konnten die östlichen Nachbarn nicht auf die Milliardenschwemme aus dem Westen setzen und mussten ihren Aufbruch in die freie Welt selbst finanzieren und bewerkstelligen. Was erstaunlich gut gelungen ist.
Eine Reise in den nahen Osten Europas bedeutet für viele von uns Neuland. Transafrika? Kennen wir. Die Ruta Cuarenta? Alles abgefahren von Feuerland bis Bolivien. Nordkap? Nicht schon wieder. Die höchsten Pässe der Alpen? Logo, wenn's geht, jedes Jahr aufs Neue. Aber Krkonoše und Tatry? Eben – keine Ahnung. Also nix wie hin.
Gemütlich Motorrad wandernd nähere ich mich auf kleinen Straßen dem Riesengebirge. Der Tscheche fährt eher betulich und defensiv. Nette Mittelgebirgslandschaft, wenig Verkehr, kleine Orte. Der erste Kaffee-Stopp am Marktplatz von Hostinné, das bis 1945 Arnau hieß. Was für ein schöner Ort. Der zentrale quadratische Platz ist gesäumt von zum Teil 500 Jahren alten Bürgerhäusern, oft garniert mit großzügigen schneeweißen Arkaden samt Gewölbedecken. Urgemütlich. Vom Turm des Rathauses blicken zwei finstere steinerne Riesen über den Marktplatz. Sie sehen aus wie Rübezahl.

Reisekarte von Ostdeutschland bis in die Hohe Tatra

Rübezahl? Aber natürlich, war das nicht dieser legendäre Berggeist, der mal als launischer Waldschrat, randalierender Riese oder als Freund der Armen und Entrechteten, also quasi als Robin Hood der Berge, auftauchte? Wie so oft bei Legenden lassen sich auch bei Rübezahl die historischen Spuren schwer verfolgen. Klar ist nur, dass er 1553 erstmals schriftlich erwähnt wurde. Die Menschen hier lieben ihren Geist mehr denn je, sind doch Rübezahl­figuren, -kostüme und sonstige Devotionalien die absoluten Bestseller der zahlreichen Andenkenläden.
Jenseits von Trutnov schwinge ich die Ténéré nordwärts in die Berge. Die hohen kahlen Kuppen um die Schneekoppe verstecken sich in dunklen Wolken. Mit 1602 Metern ist die Schneekoppe seit 20 Jahren der höchste Berg Tschechiens. Bis 1993, als sich die Tschechoslowakei in zwei souveräne Staaten aufteilte, fiel diese Ehre der 1000 Meter höheren Gerlachspitze in der Hohen Tatra zu. Die aber liegt nun in der Slowakei.
Die gute Straße legt sich mit den Bergen an, kurvt immer höher durch den finsteren Fichtenwald. Es wird kälter und feuchter, je näher ich der polnischen Grenze komme. Einzelne rustikale Holzhäuser, traditionell in rot oder schwarz mit senkrechten weißen Streifen, ducken sich auf den Bergwiesen unter den drohenden Wolken. Jenseits der 1000-Meter-Marke wechsle ich hinüber nach Polen und wedle talwärts nach Karpacz. Die Tankstelle am Ortseingang kommt wie gerufen, nach 630 Kilometern geht dem XT-Tank so langsam der Saft aus.

Elbe oberhalb von Spindlermühle
Elbe oberhalb von Spindlermühle
Marktplatz von Hostinné
Marktplatz von Hostinné
Immer diese Entscheidungen: Piste bei Myklov
Immer diese Entscheidungen: Piste bei Myklov
Typisches altes Holzhaus in Vrchlabi (CZ)
Typisches altes Holzhaus in Vrchlabi (CZ)

Und ich bin nun gewappnet für die vielen kleinen Straßen hinter Jelenia Góra. Der Ort selber ist ein gutes Beispiel für den Strukturwandel. Die Außenbezirke werden dominiert von Lidl, Obi, Penny und westlichen Autohäusern, danach eine Zone sozialistischer Baukunst, Plattenbauten in allen Zuständen von kunterbunt renoviert bis erschreckend abgewrackt, die abgelöst wird von alten Stadthäusern, die zumeist dringend auf frische Farbe warten, und schließlich das historische Zentrum, uralte Bürgerhäuser, malerische Gassen, barocke Gewölbegänge – lebendig und überraschend schön.
Kaum habe ich Jelenia Góra das Rücklicht gezeigt, tauche ich in die polnische Provinz ein. Kleine Dörfer mit stilvollen Holzhäusern, rumpelige, fast verkehrsfreie Alleen, kreisende Störche, es riecht nach Kohlefeuer und frischem Heu. Mohnblumen und blühender Raps, blauer Himmel und dunkle Wolken überm Riesengebirge. Perfekte Bedingungen, um einfach nur spazieren zu fahren. Ich ignoriere die Karte im Tankrucksack, lasse mich einfach treiben und auf Wege locken, die noch niemals Asphalt gesehen haben. Verfahren ist kaum möglich, die Berge im Süden sind immer präsent.
Die tschechische Seite der Berge gibt sich zunächst unnahbar. Der Nationalpark Riesengebirge, auf tschechisch Krkonoše, ist Wanderern und Mountainbikern vorbehalten. Die Yamaha muss draußen bleiben. Bis ich in Spindlermühle eine kleine Mautstraße finde, die sich hinauf zur Spindlerbaude hoch in die Berge windet. Der Schrankenwärter verkauft mir ein Ticket und schon bollert die Ténéré entlang der jungen Elbe, die hier noch südwärts fließt und Labe heißt, durch den Fichtenwald bergan. Oben auf 1200 Meter herrschen raue Bedingungen, der kalte und kräftige Wind treibt Wolkenfetzen über die Hochfläche, Bäume wachsen hier schon längst nicht mehr, die meisten hat der saure Regen in den 80er und 90er Jahren erledigt. Auf der benachbarten Schneekoppe liegt die Jahresdurchschnittstemperatur bei 0,2 Grad, das Klima ist subpolar. Fast wie auf den skandinavischen Fjells.

Frühling im Riesengebirge auf ­einer Nebenstraße bei Nowa Kamienica
Frühling im Riesengebirge auf ­einer Nebenstraße bei Nowa Kamienica
Die berühmte Zipser Burg (Spišský Hrad) südöstlich der Hohen Tatra zählt zum UNESCO-Welterbe
Die berühmte Zipser Burg (Spišský Hrad) südöstlich der Hohen Tatra zählt zum UNESCO-Welterbe

Der Wetterbericht verbreitet Optimismus für die nächsten Tage. Das passt gut zu meiner Neugier auf den weiteren Weg nach Osten. Wenn schon Tschechien, warum nicht auch die Slowakei besuchen? Unbekanntes Terrain, lediglich mit dem Namen Hohe Tatra kann ich was anfangen. 500 Kilometer bis dorthin. Ein langer Tag, möglichst auf Nebenstraßen, um dem nervigen Lkw-Fernverkehr aus dem Weg zu gehen. Aber höchst spannend, denn jeder Meter ist Neuland. Und dann pellt sich plötzlich die Silhouette der Hohen ­Tatra überraschend groß und mächtig aus dem Nachmittagsdunst. Die Hohe Tatra ist das kleinste Hochgebirge der Welt, kaum 30 Kilometer lang, aber 20 Berge gipfeln höher als 2500 Meter. Besonders aus der Ferne wirkt die Phalanx dieser Berge gewaltig. Am Fuß der schroffen Lomnitzspitze finde ich einen riesigen Campingplatz aus sozialistischen Zeiten, dem eine Sanierung sicher nicht schaden würde. Aber die Aussicht ist klasse, also Zelt aufbauen.
Anderntags erkunde ich die Hohe Tatra, so weit es mit dem Motorrad möglich ist. Nicht ein einziger Pass überquert das steile und schroffe Gebirge. In die engen und wilden Täler, wo noch Luchse und etwa 50 Bären leben, geht es allenfalls per pedes. Gut so. Das touristische Herz der Tatra schlägt in Tatranska Lomnica, das geprägt ist von einer eigenartigen architektonischen Mixtur unterschiedlicher Epochen: Vom altehrwürdigen Grandhotel Praha, erbaut vor 115 Jahren im Art-Nouveau-Stil der Belle Epoque, über ruinöse Bauten der kommunistischen Ära bis hin zu protzigen Villen, rustikalen Blockhäusern und hässlichen Betonhotels der Neuzeit. Trotzdem ist Lomnica jenseits des winterlichen Skizirkus ganz nett geblieben mit ruhigen Cafés und kleinen Läden, die im Sommer vor allem Outdoor-Ausrüstung anbieten.
Nur die Berge wirken von hier nicht wirklich groß, ich bin zu nah dran. Der richtige Abstand aber verändert bekanntlich die Sichtweise, von den kleinen kurvigen Straßen weiter im Osten sieht die Bergwelt viel mächtiger aus. Vorbei an der riesigen Zipser Burg und über eine staubige Piste entlang des Grenzflusses Poprad geht's über die grüne Grenze nach Polen. Schöne alte und gepflegte Holzhäuser in gemütlichen Dörfern, hohe Wiesen wiegen sich im warmen Wind, mächtige Gewittertürme ziehen in beruhigendem Abstand vorbei und auf den Nebenstraßen nach Zakopane ist kaum Verkehr. Im Süden wächst die Hohe Tatra in den blauen Himmel, sieht von hier viel unspektakulärer aus als von der anderen Seite, weil die Berge sanft gerundet statt steil zerklüftet sind. Aber jeglicher Weg, der weiter in die Bergwelt vordringt, ist gesperrt. Nationalpark. Also mache ich bald wieder rüber.

Camping

Der Grenzposten bei Chochołów ist verlassen. Und nun kommt so richtig Fahrspaß auf. Vor den Stollenreifen rollt sich die Landstraße nach Liptovský Mikuláš aus. Zwei Tausend-Meter-Pässe, bester Teer, flüssige Kurven, kaum Verkehr. So muss das sein. Am Horizont die sanften Berge der Niederen Tatra, deren höchster, der ˇDumbier, immerhin 2045 Meter misst. Eine ruhige Landschaft, der jedes Spektakel abgeht. Am großen Stausee von Liptovský, dem Liptauer Meer, finde ich den netten Campingplatz Mara mit bester Aussicht in die Tatra. Es gibt leckere Pizza und kühles Staropramen-Bier für kaum zehn Euro. Ein entspannter letzter Abend in der Slowakei, morgen geht es zurück. Wird Zeit, dass ich meine alte 12er Generalkarte wieder aus dem Koffer suche. Bevor sie zu Hause entsorgt wird. Endgültig.

Kategorie: Adventure | Travel