Nur kurz nach Kathmandu


Peter Schuster braucht zwei Anläufe, bis er mit seinem Motorrad am Fuße des Mount Everest steht. Doch die Fahrt durch die Bergwelt Zentralasiens entschädigt für bürokratische Ärgernisse ebenso wie für körperliche Strapazen.

Text und Fotos: Peter Schuster

Der Karakul im Pamirgebirge – ein eiskalter Traum auf 4020 Metern Höhe (gr. Bild). Ein Kirgise mit typischer Kalpak (r.o.).
Abschied vom Everest: Der Autor mit seiner Africa

Plötzlich taucht das schwarze Loch vor uns auf – es ist der Eingang zum fünf Kilometer langen Anzob-Tunnel. Die Tadschiken nennen ihn nur »Tunnel of Death«, und er gilt tatsächlich als einer der gefährlichsten Tunnel weltweit. Doch davon erfahren wir erst Wochen später auf Wikipedia. Als wir das Tunnelportal passieren, sind wir nur froh, die chaotischen Zustände am 3378 Meter hohen Shariston Pass hinter uns zu haben. Schlamm und Schneematsch hatten unsere Reifen an ihre Grenzen gebracht.

Neuntausend Kilometer durch die teils zermürbend monotonen Ebenen Osteuropas und Russlands haben mein Freund Peppi Adametz und ich bereits zurückgelegt, als wir in Tadschikistan endlich wieder Berge zu Gesicht bekommen. Die Fahrt über die landschaftlich wenig abwechslungsreiche Nordroute, die uns über Österreich, die Slowakei, Ungarn und Rumänien, die Ukraine und Russland nach Zentralasien führte, war notwendig geworden, da uns der Iran kurzfristig die Visa verweigert hatte.

Auf unsere ursprünglich geplante Reiseroute, die Seidenstraße, schwenken wir nach diesem Rückschlag erst in Usbekistan ein. Dennoch werden uns die märchenhaften Städte Chiwa, Buchara, Samarkand und Taschkent unauslöschlich in Erinnerung bleiben.
Doch zum Schwärmen ist keine Zeit. Nur wenige Sekunden nachdem wir in den Anzob-Tunnel eingefahren sind, krache ich ins erste Wasserloch: 25 Zentimeter tief und über 10 Meter lang. Und so geht es weiter.

Der ganze Tunnel steht voller Wasser, nach einem Drittel hört die ohnehin nur spärliche Beleuchtung ganz auf. Doch das Schlimmste ist der chaotische Verkehr – vor allem die Lkw, die den Tunnel mit ihren Abgasen verpesten. Wir merken, dass wir in diesem Gewühl mit unseren schwachen Lichtern keine Chance haben. Etwas sicherer fühlen wir uns, als wir uns hinter einen Pkw hängen. Jetzt erkennen wir frühzeitig, wann das nächste Wasserloch kommt und wo es am tiefsten ist. Als wir mit tränenden Augen schließlich den Tunnelausgang erreichen, mache ich erleichtert drei Kreuzzeichen.

Über die tadschikische Hauptstadt Duschanbe erreichen wir den Pamir Highway, dem wir über 400 Kilometer direkt entlang der afghanischen Grenze folgen. Inzwischen hat sich uns Hermann aus Österreich angeschlossen, der nicht alleine durch die Einsamkeit des Pamir fahren möchte. Der Wettergott stand bisher auf der gesamten Reise auf unserer Seite, doch hier im Pamir verdüstert sich der Himmel immer wieder und es regnet oder schneit bisweilen.

Straßenkontrolle in Usbekistan (l.o.). Einer von elf 5000er Pässen, die wir auf dem ­Xinjang-Tibet-Highway auf dem Weg nach Lhasa überqueren (l.M.). Sonne und Höhe haben tiefe Spuren im Gesicht dieser Tibeterin hinterlassen (l.u.).

Die nächsten Tage bleiben wir meistens über der 3500-Meter-Marke. Schotterabschnitte wechseln sich mit uralten, brüchigen Asphaltpassagen ab. Wir nähern uns dem 4655 Meter hohen Akbaital Pass, dem höchsten Pass des Pamir. Je höher wir hinauf kommen, desto schlechterwird das Wetter. Auf der Passhöhe tobt ein Schneesturm. Wir machen schnell ein paar Bilder, und dann nichts wie hinab. Unser Tagesziel ist der Karakul, ein auf 4000 Metern Höhe gelegener See. Wir geben mächtig Gas, denn wir wollen den See noch bei Tageslicht erreichen.

Plötzlich haben wir das Gefühl, eine imaginäre Wand zu durchbrechen, das schlechte Wetter bleibt von einem Augenblick auf den anderen zurück, und vor uns liegt eine Zauberlandschaft, wie wir sie noch nie gesehen haben: Der türkisblaue See im letzten Sonnenlicht, eingerahmt von schneebedeckten Sechstausendern. Wir verbringen einen unvergesslichen Abend direkt am Seeufer, der aber nach Sonnenuntergang schnell in den warmen Schlafsäcken endet. Ohne Sonne wird es hier oben empfindlich kalt.

Am nächsten Tag überqueren wir die Grenze zu Kirgistan und erreichen bereits am Nachmittag Osch, die zweitgrößte Stadt des Landes. Im Hotel wartet eine böse Überraschung auf uns: Wir kommen nicht mehr weiter. Unser chinesisches Reisebüro, über das wir den unbedingt erforderlichen Guide gebucht haben, teilt uns mit, dass Tibet ab sofort für Individualreisende geschlossen ist.

Wir sitzen fest. Ein Visum haben wir lediglich noch für China, in das wir nicht einreisen dürfen. Und sämtliche Visa für die Rückreise auf dem Landweg zu beschaffen, dafür würde die verbleibende Zeit niemals ausreichen.

Wir beschließen, die Motorräder bei den Schweizern von MuzToo, die hier geführte Motorradtouren veranstalten, unterzustellen und die Reise im nächsten Jahr fortzusetzen. Aus einem Jahr sind fast eineinhalb geworden, und Peppi muss aus gesundheitlichen Gründen leider passen. Für ihn ist Josef Meyer, ein alter Judokumpel von früher, eingesprungen, der Peppis GS übernimmt. Um den Preis für den Guide in China und Tibet möglichst gering zu halten, haben wir uns einer anderen Reisegruppe angeschlossen.

Auf dem Weg zur chinesischen Grenze am Torugart Pass geraten wir unter Zeitdruck. Der Schalter am Seitenständer der GS ist defekt und lässt den Motor immer wieder während der Fahrt absterben. Obwohl wir zu spät an die Grenze kommen, hat der Guide Gott sei Dank auf uns gewartet. Es beginnt bereits dunkel zu werden, und wir beeilen uns, um noch vor 17 Uhr die 70 Kilometer entfernte Immigrationsstation zu erreichen. 250.000 Motorradkilometer habe ich ohne Plattfuß absolviert, und ausgerechnet jetzt erwischt es mich. Die Honda schlingert, der Hinterreifen ist platt. »Wir müssen sofort weiter, keine Zeit zum Flicken«, mahnt der Guide. Wir verladen die Twin in den kleinen Bus, mit dem er gekommen ist: Rückwärts bis zu den Sturzbügeln, denn vorwärts ist sie für die schmale Türe zu dick.

Der Pamir Highway verläuft über 400 Kilometer unmittelbar entlang der afghanischen Grenze (l.). Pilgerin mit Gebetsmühle in Lhasa (links). Auf dem Weg zur chinesischen Grenze lässt der defekte Seitenständerschalter den Motor immer wieder ausgehen (o.).

In Kashgar lernen wir unsere Reisegruppe kennen, und bekommen die erforderlichen Papiere. Endlich, nach drei langen Tagen warten, sitzen wir wieder im Sattel. Am Rande der riesigen Taklamakan-Wüste geht es bis Kargilik. Dort beginnt die G219, der Xinjiang-Tibet-Highway, dem wir bis nach Lhatse folgen wollen. Dort treffen wir auf den Friendship Highway, der die Verbindung zwischen Lhasa und Kathmandu in Nepal bildet. Vor uns liegt eine 3500 Kilometer lange Achterbahnfahrt, die uns über die höchsten Pässe der Erde führen wird: 20 Pässe sind über 4000 Meter und 11 Pässe über 5000 Meter hoch.

Eine letzte Übernachtung im warmen Hotel, und schon befinden wir uns im Aufstieg. Die Strecke führt uns in den Karakorum, das zweithöchsten Gebirge der Erde. Doch schon der zweite Tag in den Bergen wird zur Tortur. Wir schaffen, obwohl die G219 inzwischen durchgehend bestens asphaltiert ist, nur 200 Kilometer. Stundenlang stehen wir an militärischen Absperrungen, und kilometerlange Militärkonvois rollen an uns vorbei. Um diesen zu entgehen, brechen wir am nächsten Morgen bereits um sechs Uhr morgens auf. Sofort geht es bergauf und schon im Morgengrauen erreichen wir den 5190 Meter hohen Kitai-Pass, die Grenze zu Aksai Chin. Das Bordthermometer zeigt minus 18 Grad.

Aksai Chin ist eine Hochlandregion am Westrand von Tibet unter chinesischer Kontrolle, die aber auch von Indien beansprucht wird. Mehr als 150 Kilometer bleiben wir auf einer Höhe von über 5000 Metern, wo es trotz der immer höher steigenden Sonne nur unwesentlich wärmer wird. Als es endlich wieder bergab geht, erreichen wir Tibet.

Die nächsten Tage führen uns durch die tibetische Hochebene, in der die Farbe ocker dominiert. Ständig sehen wir den Himalaya-Hauptkamm mit seinen mächtigen Bergriesen in weiter Ferne im Süden. Fast wird die Fahrt in der tibetischen Hochebene ein wenig eintönig. Abwechslung gibt es erst am Mount Kailash, dem heiligen Berg der Buddhisten und Hindus, der schon kilometerweit vorher in unser Blickfeld gerät.

Kurz darauf trauen wir unseren Augen nicht: Yaks weiden vor riesigen Sanddünen, dahinter der schneeweiße Himalaya-Hauptkamm unter tiefblauem Himmel. Übertroffen wird dieses Bild nur noch durch die felsige Traumlandschaft, in die wir nach dem Abbiegen von der G219 in den Zanda Earth Forest National Geopark gelangen.

Mit Lhasa haben wir das letzte wichtige Zwischenziel erreicht. Das Ende unserer Reise rückt unaufhaltsam näher, und wir verlassen die tibetische Hauptstadt in Richtung Kath­mandu und Mount Everest. Noch tags zuvor hatte sich der höchste Berg der Erde in Nebel gehüllt. Doch wieder steht uns das Wetterglück zur Seite. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, als der Everest plötzlich in mehr als 100 Kilometern Entfernung am Horizont auftaucht und uns ­sofort in seinen Bann zieht.

Der Zauber von 1001 Nacht am Registanplatz in Samarkand (Usbekistan) (o.). Pamir Highway in Tadschikistan (r.).

Als wir am Fuß des Berges im Kloster Rongbuk stehen, raubt uns sein majestätischer ­Anblick fast den Atem. Obwohl es nur noch ein Katzensprung bis zur nepalesischen Grenze ist, müssen wir auf unserer Fahrt über den verschneiten Himalaya-Hauptkamm mit dem 5153 Meter hohen Tong La Pass noch ein mächtiges Hindernis überwinden. Die Strecke, die zwei Tage zuvor noch wegen starken Schneefalls gesperrt war, scheint geradewegs in den Himmel zu führen. Auf der Passhöhe herrscht klirrende Kälte, so dass wir nur schnell ein paar Fotos von dem zu Greifen nah wirkenden 8027 Meter hohen Shisha Pangma machen und dann schleunigst mit der Talfahrt beginnen.

Bald erreichen wir die Schneegrenze, mit jedem Kilometer wird es nun grüner und wärmer.
Bei den schier endlosen Prozeduren des Grenzübertritts lassen die Chinesen noch einmal ihre Autorität spüren. Doch wir lassen uns die Stimmung nicht vermiesen. Auf den letzten 200 Kilometern durch die subtropische Bergwelt des südlichen Himalaya versuchen wir noch einmal, unsere Reise so intensiv wie möglich zu erleben. Denn von Kathmandu aus werden wir die Motorräder per Flugzeug zurückschicken und ihnen schon zwei Tage später folgen.

Kategorie: Adventure | Travel