Polen: Kultur und Kurven


Einmal rund um Polen, immer haarscharf an der Grenze entlang: Nach diesem Plan erlebte Prof. Michael Hoyer Kultur und Kurven unseres östlichen Nachbarlands.

Von Prof. Michael Hoyer (Text und Fotos)

Als ich meinem polnischen Freund Robert erzähle, dass ich mit dem Motorrad auf der Landesgrenze einmal um Polen herumfahren und dabei möglichst immer auf der polnischen Seite bleiben möchte, lacht er mich an und sagt: „Du musst aufpassen – in Polen wird viel gestohlen…“

Es gibt wahrscheinlich kein europäisches Land, das mit so vielen Vorurteilen belegt ist wie unser östlicher Nachbar Polen. Und es wird wahrscheinlich kein Land in Europa geben, das vielfältiger und reicher an Landschaften und Kultur ist. Genau aus diesem Grund habe ich im August für drei Wochen die ZEGA-Koffer gepackt, um Polen on- und offroad Polen zu erkunden.

Es ist gar nicht so einfach, sich in einem Land zurechtzufinden, wenn man von der Sprache kein Wort versteht und im Kopf falsche Vorstellungen herumschwirren. Vom Schwarzwald aus sind es ja nur knappe 800 Kilometer bis an die polnische Grenze. Von hier aus geht es dann bei Zittau gleich ins polnische Riesengebirge. Hier beginnt der Kurvenspaß. Jede Kurve und jede Spitzkehre ist eine Offenbarung.

So habe ich nach gut zwei Stunden Fahrt auf polnischem Boden gleich eins der größten Highlights meiner Reise vor Augen: Die Schneeeeeeeeee-Koppe. Viele kennen kennen diesen sehr eindrucksvollen Berg mit einer Höhe von 1603 Metern sicher noch aus der Fernsehwerbung. Ich denke, dass man hier eigentlich einmal einen mehrwöchigen Wanderurlaub verbringen sollte, erinnere mich aber daran, dass ich ja gekommen bin, um das sechstgrößte europäische Land mit seinen knapp 40 Millionen Einwohnern zu bereisen und kennen zu lernen.

Beschäftigt man sich mit der deutschen Geschichte, dann stellt man ganz schnell fest, dass diese Geschichte in Polen fast allgegenwärtig ist. Vor allem die deutsche Kriegsgeschichte hat in Polen sehr unrühmliche Mahnmale hinterlassen. Eins davon befindet sich in den polnischen Beskiden bei Gluszyca. Bei dem Projekt „Riese“ ließ Hitler durch Gefangene ein riesiges Stollensystem in einen Berg bauen. Es konnte nie ganz geklärt werden, ob es sich hierbei um eine unterirdische Stadt oder um ein großes Waffendepot handeln sollte. Tatsache ist, dass mir hier zum ersten Mal ein eisiger Schauer über den Rücken gefahren ist, wenn man bedenkt, mit welcher Akribie im Dritten Reich das Thema Menschenvernichtung vorangetrieben wurde.

Nach einer wunderbaren Fahrt vorbei an mondänen Kur- und Badeorten und einem kurzen Ausflug in die Tschechei, nähere ich mich dem nächsten Mahnmal – dem Innbegriff des Holocaust. Auf der Landkarte heißt der Ort des Grauens schlicht Oswiecim. Hinter diesen acht Buchstaben steht der deutsche Begriff Auschwitz. Noch nie war es mir in meinem Leben so peinlich, ein Deutscher sein. Bei der Führung durch die beiden Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau habe ich mich aus diesem Grund auch einer englischen Führung angeschlossen.

Beindruckend in Polen ist der Umgang mit Motorradfahrern. Zunächst muss gesagt werden, dass in Polen wirklich nur wenige Motorradfahrer unterwegs sind. Das liegt sicher an der sozialistischen Vergangenheit des Landes. Überall wird man als Biker sehr freundlich empfangen. Bei allen Museen, die ich besucht habe, standen stets eigene Parkplätze für Motorräder sowie freundliche Menschen bereit, die einem weiterhelfen. Klar ist, dass der Pole perfekt Polnisch spricht. Die meisten sprechen auch einigermaßen Englisch – die wenigsten sprechen Deutsch. Ich spreche kein Wort Polnisch. Für mich ist es eine Aneinanderreihung von Zischlauten. Oder von Konsonanten. Im schlimmsten Fall beides. So wie beispielsweise die nächste Stadt, in die es mich treibt: Szczyrk.

Um in diese wunderbare Gegend im Übergang von den Beskiden in die Hohe Tatra zu gelangen, führt der Weg vorbei an Bielsko-Biała, wo man in jedem Fall den superfreundlichen Touratech-Importeur Zbszek Szatan auf einen Kaffee besuchen sollte. Zbszek kennt sein Land ganz genau und fragt mich in bestem Deutsch, ob ich denn schon in der polnischen Wüste war. Ich halte diese Frage zunächst für einen schlechten Scherz – schließlich erwarte ich in Polen keine Wüste. Aber auch hier überrascht mich das vielfältige Land einmal mehr.

In Klucze befindet sich die Błędów-Wüste. Diese Wüste ist das größte Vorkommen von Sand in Mitteleuropa im küstenfernen Binnenland. Sie entstand beim Schmelzen der Gletscher vor Tausenden von Jahren. In den vergangenen Jahren begann die Wüste zu schrumpfen. Während aus den 1950er und 1960er Jahren noch von Fata Morganas, Sandstürmen, Windhosen und Oasen berichtet wird, gibt es heute in der Wüste immer mehr Pflanzen, vor allem kaspische Weiden; reine Sandflächen werden immer seltener.

Polen besticht den Motorradreisenden in jedem Fall mit unterschiedlichsten Highlights. Im Vorfeld habe ich viele Reiseführer studiert, und alle waren sich einig, dass die Großstädte in Polen alle sehenswert sind.

Ich entscheide mich, am nächsten Tag Krakau zu besichtigen. Mit einer Dreiviertelmillion Einwohnern ist sie die zweitgrößte Stadt in Polen und wird auch als heimliche Hauptstadt Polens oder auch als "polnisches Florenz" oder „Paris an der Weichsel“ bezeichnet. Das historisch gut erhaltene Stadtbild von Krakau wird vornehmlich durch Bauwerke und Denkmäler der Barock-, Gotik- und Renaissancezeit sowie späterer Epochen geprägt. Dies verleiht ihr ihr eine unverwechselbare Atmosphäre.

Wer hätte gedacht, dass ich auf meiner Reise in Polen auch ein Stück Route 66 fahren werden? Auf der Reise durch die Hohe Tatra in Richtung Zakopane lege ich einige Kilometer durch die Slowakei zurück und traue meinen Augen kaum: Route 66. Es handelt sich um KEINEN klassischen Biker-Treff, sondern eher um ein Treffen von Anhängern gemütlicher Fahrten und der legendären Route 66. Es geht vor allem um Spaß und eine Fahrt quer durch die Slowakei. Schade, denke ich, das wäre sicher eine coole Tour durch eines der osteuropäischen Länder.

In Zakopane angekommen nimmt einen gleich der touristische Trubel dieses Mega-Wintersportortes gefangen. Berühmt ist diese Stadt vor allem im Winter und steht für Skispringen. Auch ich besuche die Großschanze und denke mir, dass wirklich viel Mut dazu gehört, die knapp 100 Meter Anlauf mit einem 140-Meter-Sprung zu wagen.

Die nächsten Tage stehen auf besondere Art im Zeichen des Unterwegsseins. Ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen, treibt es mich entlang der Karpaten bis hin zur ukrainischen Grenze im Osten des Landes. Hier wird die Gegend dann tatsächlich völlig anders.

Ein bisschen entsteht der Eindruck, dass der europäische Fortschritt hier noch nicht ganz angekommen ist. Die Häuser und auch die Städte wirken einfach und bescheiden, die Landschaft grandios. Auch kulinarisch ist einiges geboten. In einfachen Lodis probiere ich hier zum ersten Mal die leckere Spezialität „Piroggen“ aus Buchweizen.

Zamosc ist mein nächstes Highlight. Nach dem Kurvenrausch in den Karpaten ist diese polnische Stadt, welche nach dem Vorbild oberitalienischer Orte anlegt wurde, ein echtes Kleinod. Bis heute ist dieses Ensemble in seinem Kern erhalten geblieben. Als einzigartiges Beispiel einer Renaissancestadt in Mitteleuropa erhielt Zamość den Status als Weltkulturerbe.

Die Mitte der schachbrettartig angelegten Altstadt nimmt der Rynek Wielki (Großer Marktplatz) ein, einer der schönsten Renaissanceplätze Europas. Das für Polen ungewöhnliche Flair dieses quadratisch angelegten, von zweigeschossigen Arkadenhäusern umstandenen Platzes, trug dazu bei, dass Zamość der Beiname „Padua des Nordens“ verliehen wurde.

Dass meine Tour durch Polen entlang der Landesgrenze in drei Wochen ein sehr ehrgeiziges Projekt werden würde, das ahnte ich bereits bei meiner Anreise. Spätestens jetzt ist mir jedoch klar, dass man in drei Wochen nur einen groben Überblick dieses gigantischen Landes erhalten kann. Vorbei an der lettischen und der russischen Grenze im Nordosten des Landes, nähere ich mich nun den Masuren. Diese wunderbare Seenplatte, die von vielen Wassersportlern gerade im Sommer geschätzt wird, ist ein echter Traum.

Mich zieht es, vorbei an unendlichen Seenlandschaften, in Richtung Rastenburg. Hier möchte mir ein weiteres düsteres Kapitel deutscher Kriegsgeschichte anschauen: Hitlers Hauptquartier – die Wolfsschanze. Diese gesprengten Bunkeranlagen treiben mir erneut eiskalte Schauer der Scham über den Rücken und ich bin froh, dieses Gelände mit den vielen zerstörten Bunkeranlagen wieder verlassen zu können. Vor allem bin ich froh, dass ich 1966 in Westdeutschland geboren wurde und noch nie in meinem Leben Krieg habe erleben müssen.

Die letzten touristischen Highlights stellen die Halbinsel Hel, Danzig und Leba dar. Hier an der Ostsee ist deutlich zu spüren, dass viele Touristen diese Gegend schätzen. In Leba machen auch viele Polen Urlaub in der großen Sandkiste. Der nördlichste Seehafen Polens, der seit Jahrhunderten von der Fischerei geprägt ist, zeichnet sich durch pittoreske Häuser und wunderbare Strände aus.

Ein Blick auf den Kalender zeigt, die Zeit ist viel zu schnell vergangenen. In drei Tagen erwartet mich die Arbeit in meiner Heimat in Villingen-Schwenningen wieder zurück. Die knapp 1500 Kilometer wollen eher nicht in einem Stück zurückgelegt werden, und so entscheide ich mich, auf der Heimfahrt noch die weltgrößte Christusstatue in Świebodzin anzuschauen. Sie wurde im Jahr 2010 fertiggestellt und misst insgesamt 36 Meter. Damit ist sie weltweit die höchste Christusfigur und sogar sechs Meter höher als der Cristo Redentor in Rio de Janeiro.

Zu guter Letzt: Polen ist ein großartiges Reiseland für Motorradfahrer. Das engmaschige Tankstellennetz, die super schönen und kurvenreichen Nebenstrecken sowie die sehenswerten Städte und Landschaften sind wirklich traumhaft. Gastfreundliche Hotels und Pensionen findet man mit Leichtigkeit auch in der Hauptreisezeit im Juli und August.

Die Straßen, vor allem die Nebenstrecken, sind jedoch gewöhnungsbedürftig: Da die Polen als Straßenunterbau Sand verwenden, senkt sich der Fahrbahnbelag mit tiefen Spurrillen. Weiterhin ist nach jedem Regen eine feine Sandschicht auf der Straße, was definitiv konzentriertes Fahren verlangt.

Inspiriert zu dieser Fahrt hat mich das Buch „Auf Tour ... Polen. 30 Traumtouren: Masuren, Bernsteinküste, Riesengebirge und mehr" von Stephan Montenarh. Für den groben Überblick diente die Landkarte Polen 1:75.000 aus dem Reise-Know-How-Verlag. Die Nebenstrecken und vielen Pisten im Osten von Polen kannte entweder mein Navi oder die Einheimischen, die einem prima Tipps bei der Reise vor Ort geben.

Bleibt eines zu sagen – Polen ist ein großartiges Land, das ich in seiner Vielfältigkeit wahrlich unterschätzt habe. Ich hatte reichlich falsche Vorstellungen – und auch mein Freund Robert hat sich getäuscht: In Polen wurde mir gar nichts gestohlen. Und tatsächlich: Im Ranking der sicheren Länder rangiert Polen deutlich vor Italien und Frankreich.

Kategorie: Adventure | Travel