Pyrenäen ON / OFF


Die Pyrenäen sind eines der letzten Enduroparadiese Europas. Bis heute ist ein weitverzweigtes Netz unasphaltierter Wege legal befahrbar. Von der mediterranen Küste bis hinauf ins Hochgebirge bietet sich ein abwechslungsreiches Landschaftsbild. Dank der Mischung von Offroadstrecken und verkehrsarmen Landstraßen empfiehlt sich die Region auch und besonders für Adventure Biker.

Tag 1 – Kurven, Kultur und Kulinarisches  

Es scheint rund um Mieres gar nicht so einfach zu sein, mehr als hundert Meter geradeaus zu fahren. Kaum aus dem Dorf heraus beginnt das wilde Geschlängel. Mit flottem Tempo treiben wir die vier schweren Adventure Bikes durch die Kurven. Der griffige Asphalt macht es den Metzeler Karoo3, die die Touratech Werkstatt in weiser Voraussicht aufgezogen hat, aber auch leicht. Hohe Aufmerksamkeit erfordern aber nicht nur die engen Radien des Straßenverlaufs. Immer wieder setzt Guide Christoph an Stellen, wo man es nicht erwartet hätte, den Blinker und verschwindet in einem schmalen Weg. Oft asphaltiert, meist jedoch mit loser Oberfläche ziehen sich die einspurigen Fahrwege durch Felder und Waldstücke. Kaum dass man sich versieht, mündet der Pfad wieder in eine Straße. Jetzt nur nicht übermütig werden, und lieber erst mal den Reifen sauber fahren!

Ruck zuck erreichen wir Banyoles. Das Städtchen dürfte Sportbegeisterten ein Begriff sein. Während der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona fanden auf dem See die Ruderwettbewerbe statt. Heute beherbergt die Stadt das spanische Leistungszentrum der Ruderer. Entsprechend viele sportliche Menschen joggen in Trainingskleidung auf den Straßen in Seenähe.

Wir verlassen die Ebene und widmen uns ebenfalls der sportlichen Ertüchtigung. Die fällt allerdings etwas anders aus als geplant. Seit dem frühen Morgen regnet es fast ununterbrochen. Dementsprechend steht die von Christoph gewählte Waldpassage unter Wasser. Glitschige Furten erfordern eine vorsichtige Gashand, und mehr als ein Mal ringt der zähe Schlamm eine der schweren Maschinen zu Boden.

Wir beschließen, das Endurofahren auf die kommenden Tage zu verlegen, und der Witterung entsprechend lieber auf befestigten Wegen unterwegs zu sein. Wir werden uns dem reichen kulturellen Erbe der Region widmen. Erste Station ist Besalú, der Hauptort des Kreises Garrotxa. Das gesamte Stadtzentrum könnte als Kulisse für einen Mittelalterfilm dienen; kein Wunder, dass das herausgeputzte Städtchen unter besonderem Schutz steht. Wahrzeichen von Besalú ist jedoch die mächtige, von zwei Türmen überragte Brücke, die einst den einzigen Zugang zur Stadt bildete.

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Während der Bildungshunger vorerst gestillt ist, beginnen unsere Mägen zu knurren. Das Hostal Beuda kommt uns da sehr gelegen. Nachdem die Bedienung unserer mittlerweile etwas angeschmutzte Kleidung etwas skeptisch gemustert hatte, bekommen wir einen der schön gedeckten Tische. Auch wenn die Karte eine üppige Auswahl an Hauptgerichten aufweist, konzentrieren wir uns auf die Vorspeisen. Damit jeder alles probieren kann, bestellen wir kleine Portionen quer durch die Karte. Escalivada (gegrilltes Gemüse) wird ebenso aufgetragen wie Samfaina (pikant angebratene Zucchini), die typische Esquesada (Kabeljausalat) wie verschieden belegte Brote.

Gut gestärkt aber zugegeben etwas träge steuern wir unser nächstes Ziel an. Und Christoph hat nicht zu viel versprochen: 28 Meter hoch spannt sich die Brücke über den Riu Llierca, ein beeindruckendes Zeugnis mittelalterlicher Baukunst.

Nicht minder spektakulär ist der Anblick von Castellfollit de la Roca. Auf einem senkrecht abfallenden, wie eine Schneide 50 Meter hoch aufragenden Felsrücken thront die befestigte Stadt über dem Flusstal. Bei aller Begeisterung für mittelalterliche Baukunst, richten sich unsere Blicke doch immer öfter gen Himmel. Denn da oben tut sich was. Der Regen hat nachgelassen, die Wolken machen immer öfter dem blauen Himmel Platz.

Wir wagen es, die Regenkleidung abzulegen und folgen Christoph ins Vulkangebiet der Garrotxa. Rauchende Erdspalten sollte hier niemand erwarten, der Vulkanismus in der Region ist bereits vor 11.000 Jahren erloschen. Geblieben sind wunderbar sanfte Hügel, an deren Flanken sich schmale Sträßchen in die Höhe schwingen. An einigen Stellen erinnern noch mächtige Schichten roter Erde an die feurige Vergangenheit der Gegend, ebenso wie die Basaltsteine, die vielerorts als Mauern die Wege säumen.

Wunderbares Abendlicht lässt das frische Grün der Getreidefelder besonders intensiv leuchten, und ganz in der Ferne grüßt der Schneebedeckte Gipfel des Pic du Canigou vom Pyrenäenhauptklamm herüber. Fast so, als ob er Vorfreude auf den kommenden Tag in den Bergen vermitteln möchte.

Tag 2 – Schotter und Schnee  

Wieder sind es nur wenige Kilometer, bis wir mit den Reiseenduros vom Asphalt auf den Schotter wechseln. Die Waldwege folgen mit leichten Steigungen und Gefällen den Flanken der Hügel. Wie gemacht für Adventure Bikes ist der Untergrund griffig und gelegentlich mit kleineren Felsstufen durchsetzt. In Verbindung mit maßvollen Radien ist ein zügiges Vorankommen garantiert.

Doch wir erinnern uns: Gestern hat es den ganzen Tag über geregnet; und das nicht zu knapp. In dem Maße wie der Untergrund sich von steinig in Richtung Waldboden verändert, nimmt der Schlammanteil auf der Strecke zu. Sind es zunächst nur kurze Partien, liegt plötzlich eine lehmige Auffahrt mir rund hundert Metern Länge vor uns. Ob man oben ankommt, darüber entscheidet die am Fuße der unübersichtlichen Steigung gewählte Spur – also pures Glück. Während sich die rechte Spur als harmlos herausstellt, erweist sich die linke als echte Herausforderung. Bereits auf halber Höhe stecken zwei der Adventure Bikes fest. Mit gemeinsamer Anstrengung bekommen wir die Boliden jedoch schnell wieder flott, so dass sie aus eigener Kraft den Rest der Auffahrt hinaufdonnern.

Zunächst bessert sich der Streckenverlauf, und unsere kleine Gruppe nimmt wieder ordentlich Fahrt auf. Vorsicht ist dennoch geboten. Immer wieder unterbrechen Schlammlöcher den griffigen Schottertrail. Als die Africa Twin schließlich mit etwas zu viel Schwung aus einer matschigen Stelle beschleunigt wird, landet sie nach einer 180-Grad-Drehung in der 90-Grad-Schräglage. Zum Glück ist nichts passiert. Rasch steht das Bike wieder auf den langen Beinen, und weiter geht’s durchs kurvige Geläuf.

Auf Dauer ist die flotte Fahrweise auf den engen Wegen durchaus anstrengend. Die folgende Asphaltetappe kommt uns daher ganz gelegen. Raus aus dem Wald bemerken wir, dass wir während der letzten Stunde ordentlich an Höhe gewonnen haben.

Die Obstbäume stehen in voller Blüte, auf den Weiden sprießt das junge Gras. Rinderherden mit ihren Kälbern scheinen den Frühling ebenso zu genießen wie die wild herumspringenden Fohlen.

Ebenso schnell wie wir uns die Straße weiter in die Berge hinaufschrauben, drehen wir die Zeit zurück. Bald ist vom Frühling keine Spur mehr zu sehen, und die Landschaft mutet spätwinterlich an. Gelbe Wiesen, kahle Bäume – und schon bald der erste Schnee.

Wir machen uns einen Spaß daraus, durch die Schneefelder zu pflügen und das braune, in den Fahrrinnen herabschießende Schmelzwasser spritzen zu lassen. Die Gaudi findet aber rasch ihr Ende, als die Schneedecke ab circa 1800 Höhenmetern geschlossen über der gesamtem Pistenbreite liegt. Mit den schweren Maschinen haben wir keine Chance, die Passhöhe mit ihren gut 2200 Metern zu erreichen.

Den Beweis, dass wirklich kein Durchkommen möglich ist, bekommen wir in Form einer Gruppe Sportenduristen geliefert. Voller Elan hatten uns die Einheimischen auf ihren Einzylindern bergauf überholt. Doch schon während wir etwas talabwärts bei der Brotzeit sitzen, kommen auch die Sportler unverrichteter Dinge an uns vorbeigeknattert.

Auch wenn wir die ganz hohen Pässe diesmal nicht erreichen können, der Fahrspaß wird uns nicht ausgehen. Christoph hat sich für den Nachmittag bereits ein kerniges Schotterprogramm unterhalb der Schneegrenze ausgedacht.

Tag 3 – Meer und mehr  

Die verschneiten Pyrenäen sehen wir an unserem dritten Reisetag nur von Ferne. Grob in östlicher Richtung folgen wir schmalen Landstraßen durch die Hügel. Diesiges Licht wirkt wie ein Weichzeichner auf dem Landschaftsbild. Sanfte Kuppen, wogendes junges Getreide und sogar ein paar vereinzelte Zypressen rund um einsame Gehöfte wecken Assoziationen an die Toskana.

Die ruhige Idylle weicht schlagartig, als wir aus dem Hügelland in eine weite Ebene gelangen. War es bislang die Streckenführung, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchte, ist es nun der deutlich dichtere Verkehr. Intensive Landwirtschaft, vor allem Schweinezucht inklusive der typischen Geruchskulisse, prägt das Bild. In Verbindung mit einem erstaunlich hohen Aufkommen an Rennradfahrern ergeben sich abermals Assoziationen an Italien – diesmal jedoch an die Poebene. Rasch ist mit Roses die Küste erreicht. Während sich auf der Hauptstrecke am Meer eine Blechkarawane schwerfällig entlang wälzt, lassen wir die Adventure Bikes schon wieder fliegen. Christoph führt uns eine Schotterpiste den Hang hinauf. Von hier oben gibt es atemberaubende Blicke auf die Bucht von Roses, über der sich die verschneiten Gipfel türmen.

Ein steiles Sträßchen führt uns hinab nach Cadaqués. Das ehemalige Fischerdorf war einst das Domizil des Surrealisten Salvador Dalí, der zahlreiche weitere Künstler inspirierte, sich in und um das Dörfchen anzusiedeln; darunter Gabriel García Márquez, Luis Buñuel, Marcel Duchamp, Paul Éluard, Max Ernst oder Man Ray. Die Zeiten, als die Bohème an der Costa Brava zu Hause war, sind lange vorbei. Geblieben sind das Stadtbild mit den typischen weiß gekalkten Häusern und die wilde Natur in der Umgebung. Und genau die wollen wir auf unserer nächsten Etappe intensiv erkunden.

Ein schmales Sträßchen führt hinaus ans Cap Creus, den östlichsten Punkt der Iberischen Halbinsel. Der über die rund 10 Kilometer ins Meer hinausragende Landzunge hinwegfegende Fallwind Tramuntana gibt der Vegetation auf den schroffen Basalt- und Schieferfelsen kaum eine Chance. Salz und Wind haben das Gestein dort, wo die Pyrenäen im Meer versinken, zu bizarren Formen verwittern lassen.

Mit der Meeresbrise um die Nase genießen wir die Fahrt zurück von der Spitze des Caps in Richtung Berge. Wenige Kilometer landeinwärts legt sich der Wind, und wir lassen uns auf Nebenstraßen und kleinen Pisten durch die Hügel treiben. Die Sonne steht schon tief, lange Staubfahnen wehen hinter den Maschinen, während wir auf kurvenreichen Pfaden durch Pinienwälder zirkeln.

Als wir ein Weingut passieren, können wir links und rechts des Weges auf Schildern die Namen der Rebsorten lesen. Die klangvollen Namen machen Lust auf einen guten Tropfen zum Abendessen; gut dass Christoph unser Kommen in der Casa Mieres bereits telefonisch angemeldet hat. Wir dürfen sicher sein, dass uns seine Köchin Dunia auch heute Abend wieder mit einem mehrgängigen Menü verwöhnen wird.

Zu Gast bei Christoph del Bondio

Ausgangspunkt für die Touratech Testtour 2018 war die Casa Mieres. Seit über 20 Jahren betreibt Enduro-Urgestein Christoph del Bondio das mittlerweile legendäre Haus am Fuße der Pyrenäen.

Rund um einen Innenhof gruppieren sich das Wohnhaus mit Fremdenzimmern, gemütlichem Speiseraum und Büro, eine Halle für Leih- und Kundenmotorräder inklusive gut ausgestatteter Werkstatt sowie ein Gebäude mit Seminarraum.

Die Casa Mieres ist gleichermaßen Motorradfahrerherberge, Basislager für Enduroexkursionen, Trainingscamp und Treffpunkt für die Offroadszene.

Christoph del Bondio zählt zu den Endureisenden der ersten Stunde. Bereits Ende der 1970er Jahre unternahm er abenteuerliche Motorradexkursionen. Heute teilt er sein Wissen mit abenteuerhungrigen Motorradfahrern.

Als ausgewiesener Kenner der Pyrenäen bietet er Trainings und Tagesausflüge auf Schotterpfaden in die nähere Umgebung der Casa Mieres ebenso an wie die rund einwöchige Offroad-Reise Transpyrenäica.

Mehrmals im Jahr führt Christoph seine Kunden im Rahmen der Transpyrenäica vom Mittelmeer bis an den Atlantik durch die Pyrenäen. Mehrere Schwierigkeitsgrade von Sportenduro bis Adventure Bike sind im Angebot. Das Gepäck wird im Begleitfahrzeug transportiert, hochwertige Unterkünfte entlang der Strecke sind vorgebucht.

In den Wintermonaten führt Christoph Reisen zu weiter entfernten Destinationen durch. Schwerpunkte sind Nordafrika und Südamerika, es gibt aber auch Touren auf allen anderen Kontinenten. Auf Anfrage konzipiert Christoph auch individuelle Reisen für Kleinstgruppen.

 

Kontakt

Casa Mieres
Christoph del Bondio
C/ Can Caló 38
E-17830 Mieres (Girona)

+34 972 680 313
www.delbondio.de

 

 

Anreise

Reisezeit

Mieres liegt im spanischen Pyrenäenvorland rund eine Stunde von Girona und zwei Stunden von Barcelona entfernt. Günstige Flüge in diese Städte gibt es von zahlreichen deutschen Flughäfen aus. Mietwagen sind preiswert und einfach zu bekommen. Für die Anreise auf eigener Achse sollten von Deutschland aus ein bis zwei Tage eingeplant werden.

Bis auf die Monate Dezember und Januar können die katalanische Küste sowie die niedrigen Lagen des Pyrenäenvorlandes fast ganzjährig bereist werden. In den Hochlagen weicht der Schnee meist bis Anfang April, kann sich aber auch bis in den Mai halten. Vor Touren ins Hochgebirge sollte also unbedingt die aktuelle Schneelage recherchiert werden.

Motorradfahren

Literatur / Karten / Film

Nicht nur die Pyrenäen selbst, auch das hügelige Vorland ist von einem engen Netz geschotterter Wege aller Schwierigkeitsgrade durchzogen. Ein Großteil davon ist frei befahrbar, Einschränkungen gibt es jedoch in den Naturparks. Die Orientierung fällt selbst mit Detailkarten schwer, weswegen ein ortskundiger Guide zu empfehlen ist. Geführte Ausfahrten mit Mietenduros können von Christoph Del Bondio (siehe Kasten) arrangiert werden.

Michael Schuh: Pyrenäen – Reiseführer für individuelles Entdecken. 8. A. 2015. Reise Know-How Verlag. ISBN 978-3831721740. 23,90 Euro

World Mapping Project: Pyrenäen. Maßstab 1:250.000. Reise Know-How Verlag. ISBN 978-3831772896. 9,95 Euro

Michelin Karte 146: Östliche Pyrenäen. Maßstab 1:150.000. ISBN 978-2067218154. 7,99 Euro

Dirk Schäfer: Abenteuer Pyrenäen. Film auf DVD. Spielzeit 80 min. 20 Euro. Bezug über motorradkarawane-shop.de
Kategorie: Adventure | Travel