Touratech Crew Stories: Western Alps (incl. 15 min. Video)


Auch wenn einige beliebte Strecken nicht mehr befahren werden dürfen – das Piemont bleibt ein Traumziel für Adventure Biker. Davon konnte sich ein Touratech Team überzeugen, das einige der schönsten Schotter-Klassiker unter die Räder nahm.

Verhalten lassen wir die Adventure Bikes durch die engen Gassen der Altstadt von Oulx rollen. Nicht nur der Ort wirkt zu dieser frühen Stunde noch verschlafen, auch der Nebel hängt noch träge in dicken Bänken über dem Tal.

Doch noch bevor wir den Weiler Fenils erreichen, gewinnt das tiefe Blau des Spätsommerhimmels die Überhand. Zügig schrauben wir uns einige Asphaltserpentinen hinauf, um nach wenigen Kilometern auf Schotter durch lichten Bergwald zu gleiten.

Unser Ziel ist das Gipfelfort auf dem Mont Jafferau. Jahrelang war es nicht über die klassische Route erreichbar, nun ist der legendäre gekrümmte Tunnel endlich wieder offen. Trotz aufwendiger Sanierung, muss man in der stockdunklen Röhre höllisch auf tiefe Wasserlöcher achten.
Als wir die feuchtkalte Dunkelheit nach einigen hundert Metern verlassen, hat sich der Nebel endgültig verzogen. Nach einem serpentinenreichen Anstieg erreichen wir das Plateau unterhalb des Gipfels und sind überwältigt vom Ausblick auf die umliegende Bergwelt.

Ausgerechnet auf dem Gipfelfort hält uns ein technischer Defekt für einige Stunden fest, so dass wir das zweite Tagesziel, die Assietta Kammstraße, erst am frühen Abend erreichen. Während sich der Nebel die Täler zu dieser Tageszeit bereits zurückerobert hat, haben wir ab dem Colle delle Finestre einen fantastischen Fernblick hoch über dem Wolkenmeer.

 

 

Am nächsten Morgen nehmen wir die Varaita-Maira-Kammstraße in Angriff. Wir beginnen die Tour ganz sanft im Hügelland am Rande der Poebene und schrauben uns immer höher den Gebirgszug zwischen den Tälern der Flüsse Varaita un Maira hinauf.

Aus dem gepflegten Schotterweg wird rasch eine mit grobem Geröll bedeckte Hochgebirgspiste. Fast unmerklich ziehen während unserer Fahrt Wolken auf, schließlich setzt ein feiner Nieselregen ein. Kaum haben wir den Colle di Sampeyre passiert, der die Kammstraße fast rechtwinklig kreuzt, wird aus dem Geniesel dichter Regen. Als es dann noch zu donnern beginnt, ist klar, dass aus dem Picknick am Colle della Bicocca, dem Endpunkt der Strecke, nichts wird. Wir machen kehrt und versuchen auf dem asphaltierten Colle di Sampeyre möglichst rasch ins Maira-Tal hinunter zu kommen.

Im Maira-Tal finden wir in einer Bar Zuflucht und stärken uns mit einem Berg Focaccia. Schließlich passiert das, womit wir nicht mehr gerechnet hätten: Der Regen hört auf und der Himmel klart auf. Auf geht’s!

Nur ein kurzes Stück auf regennasser Straße, dann erreichen wir den Weiler Preit. Wir schrauben uns den gleichnamigen Colle hinauf und lassen den Asphalt hinter uns. Vor uns liegt eine der landschaftlich schönsten Schotterstrecken im Piemont, die Maira-Stura-Straße. Tiefhängende Wolken lassen jedoch Zweifel aufkommen, wie es um die Aussicht entlang der auf weit über 2500 Meter hinaufführenden Piste bestellt sein wird. Immerhin scheint es hier nicht geregnet zu haben, der Schotter ist trocken, so dass wir den Adventure Bikes die Sporen geben können.

Mit ausgeglichener Steigung schlängelt sich die Piste entlang der Bergflanken. Erdig, fein geschottert oder große Brocken – der Untergrund hält ein abwechslungsreiches Programm für unsere Reifen parat. Leider wird die Bewölkung nun zusehends dichter, immer öfter finden wir uns von dichten Dunstschwaden umgeben, dichter Nieselregen setzt ein. Kurz nachdem wir eine verfallene Militäranlage, die Caserme della Bandia, passiert haben, beginnt es heftig zu graupeln. Die letzte Hoffnung, den mächtigen Felszacken Rocca la Meja vielleicht doch noch durch ein Wolkenloch zu erblicken, ist damit perdu. Sich noch länger hier oben aufzuhalten, hat keinen Sinn. Zumal das anfänglich nur leise zu vernehmende Grummeln sich binnen einer Viertelstunde zu einem ausgewachsenen Gewitter mit strömendem Regen entwickelt.

Glücklicherweise erreichen wir bald eine asphaltierte Straße, die uns in Serpentinen talwärts führt.
Welchen Luxus eine Dusche, Pizza und Bier darstellen, das weiß der moderne Zivilisationsmensch erst nach solch einem Abenteuer wieder zu schätzen. Wir jedenfalls möchten die gemütliche Gaststube unserer Unterkunft im Stura-Tal an diesem Abend mit keinem Ort der Welt tauschen.
Am nächsten Morgen ist der Himmel wie blank poliert. Im Fahrtwind trocknen die durchnässten Endurohandschuhe rasch. Weit geschwungene Serpentinen führen uns den Col de Larche hinauf. Ein Stückchen unterhalb der Passhöhe verlassen wir die Hauptstrecke. Über das Dörfchen Saint-Ours erreichen wir den Einstieg der Piste zum Col de Mallemort.

Über Almwiesen führt der Weg oberhalb der Siedlung bergan, windet sich durch lichten Lärchenwald. Den Abzweig zum Col könnte man leicht verpassen, wirkt er doch eher wie ein x-beliebiger Waldweg. Gerade einmal breit genug für ein schmales zweispuriges Fahrzeug, zieht sich der Trail einen Bachlauf entlang, kreuzt diesen in einer Furt, um seinen Schwierigkeitsgrad rasch zu steigern. Grobes Geröll, teilweise über mehrere Zehnermeter, enge Serpentinen mit tiefen Auswaschungen und tiefgründiger Schotter prägen fortan seinen Charakter. Schließlich ist ein flacher Karboden erreicht, von dem sich der grob geschotterte Pfad in engen Serpentinen weiter hinauf schraubt. Mit den voll beladenen Adventure Bikes artet diese Passage bereits zu Schwerarbeit aus. Doch es kommt noch dicker. Unmittelbar hinter einem verfallenen Fort endet der zweispurige Fahrweg und geht in einen Singletrack über.

Die ersten Serpentinen lassen sich noch mit Schwung und Gas in einem Anlauf meistern, je weiter hinauf wir gelangen, desto steiler wird das Terrain und enger werden die Radien. Ab hier geht es nur noch mit Zurücksetzen durch die Kehren – was angesichts teils senkrechter Felspartien unterhalb des Pfades gute Nerven erfordert. Dennoch ist bald ein Sattel erreicht, der einen guten Überblick über das Gelände erlaubt. Bis zum Gipfelfort auf der Tête de Viraysse dürften es noch ungefähr dreißig oder mehr dieser Spitzkehren sein – bei zunehmender Steigung. Angesichts dräuender Gewitterwolken fällt schweren Herzens der Entschluss, den finalen Gipfelsturm lieber abzublasen.

Nach einem ebenso mühsamen wie adrenalintreibenden Abstieg erreichen wir wieder das Fort. Gerade noch rechtzeitig, um uns in das letzte noch mit einem intakten Dach versehene Gebäude zu flüchten. Als der Hagelschauer nach gut zwanzig Minuten in Regen übergeht, verlassen wir unseren Unterschlupf und beginnen vorsichtig mit der Abfahrt über glitschige Felsen und tückisches Geröll.
Unten im Tal drehen die Kollegen von der Straßenfraktion bei ruhigem Herbstwetter ihre Genussrunden. Doch das ist kein Grund sich zu ärgern. Denn Wetterstürze gehören ebenso zu einer Enduroausfahrt wie grandiose Ausblicke – wenn man hoch hinaus will.

Kategorie: Adventure | Travel