Reisegeschichte | Vom Schwarzwald bis nach Sardinien
Bei Touratech arbeiten viele Menschen, für die Motorräder nicht an der Bürotür oder Werkbank aufhören. Sie fahren selbst, sind auf Reisen unterwegs, testen ihre Ausrüstung im eigenen Urlaub und erleben dabei Geschichten, die mit dem Arbeitsalltag erst einmal wenig zu tun haben – und trotzdem ziemlich viel mit Touratech. Genau diese Geschichten möchten wir erzählen. Nicht als geplante Touratech-Reise, sondern abseits der Arbeitswelt, aus der Sicht der Menschen, die hier arbeiten. Wo sie mit ihren Motorrädern unterwegs sind, was sie dabei erleben und manchmal auch, was ganz anders läuft als geplant.
Wenn Nadine nicht gerade Content für Touratech produziert oder neue Flyer gestaltet, sitzt sie ziemlich häufig selbst auf dem Motorrad. Diesen Sommer ging es gemeinsam mit ihrem Mann und Freunden von unserem Standort im Schwarzwald über die Westalpen nach Sardinien.
Mit dabei: zwei Yamaha Ténéré 700, eine KTM 890 Adventure R, Kameraausrüstung und ziemlich viel Vorfreude auf Schotter, TET und zwei Wochen Italien. Doch die Reise wäre nur halb so merkwürdig geblieben, wenn nicht ein Brand, eine unfreiwillige Rückkehr nach Sardinien und ein zerlegtes Radlager, das sich auf der italienischen Autobahn endgültig verabschiedete, dazu gehörten. Aber von vorne.

VOM SCHWARZWALD ÜBER DEN GOTTHARD
Im Süden Deutschlands war es angenehm: Die Sonne lächelte verlegen durch die Wolken, während wir den letzten Schliff an unserem Gepäck machten: Die Rackpacks wurden festgezurrt, das Navi gecheckt und ein letztes Mal die drei überlebenswichtigsten Sachen gecheckt: Geldbeutel, Handy, Motorradschlüssel. Als wir uns auf den Weg gen Süden machten, war uns schon klar: In der Schweiz sollte uns Unwetter und Regen erwarten.
Also hatten wir uns schon bald dazu entschieden, unsere Regenlayer des DUSTRIDERS über die Protektorenkleidung zu ziehen. Die monotone Autobahnfahrt wurde schon bald spannender: Der Gotthardpass bot eine einladende Abwechslung trotz des Regens. Und auch, wenn die Sicht sich auf ein bares Minimum beschränkte, da der Nebel immer weiter zuzog, folgte auf die Kurven, die sich um den Berg wanden, eine schöne Aussicht: Wir wurden belohnt mit dem Blick in die italienische Schweiz, grünen Wiesen, schneebedeckten Berggipfeln und Sonnenstrahlen auf der anderen Seite des Passes. Der Regenanzug hatte sich bewährt und konnte schon bald abgelegt werden, denn nun machten sich Temperaturen um die 30 Grad breit.
Die Motorräder, zwei YAMAHA Ténéré 700 und eine KTM 890 Adventure R freuten sich über die Pause in Italien und die Möglichkeit, bei den Temperaturen etwas abzukühlen. Auch wir belohnten uns mit einem Eis und kalten Getränken und begrüßten das sommerliche Wetter und die Aussicht auf zwei Wochen strahlende Sonne in Italien. Angekommen in Bardonecchia hatten wir schon volle Vorfreude auf die anstehenden Offroadpässe der Westalpen: Offen war Anfang Juni längst nicht alles, der Sommelier zum Beispiel wurde erst noch von Schnee bedeckt, aber dennoch tummelten sich viele Motorradfahrer in der Gegend bei Susa.
Wir schlugen unser Zelt auf und genossen bei einem Bier und einer leckeren Pizza die unkomplizierte Anreise. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass uns noch Brände und Getriebeschäden bevorstehen würden.
DREI TAGE WESTALPEN
Die kommenden drei Tage in den Westalpen vergingen schnell: Der Colle del Colombardo bot einen tollen Einstieg zum Offroadfahren und belohnte uns mit einer grandiosen Aussicht am Gipfel, wo die eindrucksvolle Wallfahrtskirche Madonna degli Angeli liegt. Eine beinahe einmalige Chance bot sich uns, denn der Ranger, welcher sich um diese Kirche kümmerte, war zu diesem Zeitpunkt vor Ort.
So konnten wir das historische Gebäude von innen betrachten, die Gemälde und Kunstwerke an den Wänden bestaunen und ein Stück ihrer Atmosphäre aufnehmen. Auch die einstigen Schlafsäle in dem Gebäude wurden uns gezeigt.
Das Licht flackerte, als wir die kalte, steinige Treppe nach oben gingen und ließ mir ein wenig das Blut in den Adern gefrieren: Düstere Zimmer mit veralteten Betten und Matratzen, welche dennoch zum Schlafen einluden und Wanderer sowie Motorradfahrer von weither beherbergten. Inzwischen sei diese Kirche nur noch etwa zweimal im Jahr geöffnet, erklärte uns der Ranger. Dies sei zu besonderen Anlässen der Fall. Und der schwache, zitternde Strom, welcher die Lichter flackern ließ, rührte daher, dass der Strom durch ein Wasserrad erzeugt werde, sagte er uns dann. Auch das Äußere des Gebäudes lud zum Verweilen ein: Nichts außer Wiesen, voll mit schönen Blumen, zierte die einsame Kirche auf dem Kamm des Colombardo.
Eine kleine Tür führte zu einem langen Flur. Am anderen Ende des Raumes befand sich ein Tisch mit drei Stühlen. Wie gemacht für uns, also holten wir unser Vesper raus und aßen genüsslich die Salami, den Käse und das frische Brot. Gestärkt und mit einigen Bildern, in denen der Nebel das Gebäude umhüllte, machten wir uns auf den Weg zur Abfahrt. Die steilen Schotterpisten führten uns immer tiefer ins Tal und verliefen sich schlussendlich in dem kleinen, beschaulichen Ort Villa. Von dort aus nahmen wir den Straßenpass zurück Richtung Bardonecchia, wo wir den Abend auf unserem liebgewonnenen Campingplatz ausklingen ließen.
AB NACH SARDINIEN
Schon am Freitag ging es Richtung Sardinien. Nach der 14-stündigen Fährüberfahrt, in deren Nacht wir auf dem Boden des Schiffes schliefen, da eine Kabine teuer war und die Schlafsäcke eh dabei waren, machten wir uns auf den Weg in das Landesinnere. Sardinien war so vielfältig wie ein wildgewachsener Blumenstrauß: vom himmelblauen, klaren Wasser des Meeres über die Berge hinweg bis in die trockenen Täler, welche jederzeit zu brennen drohten.
Die beliebte Straße SS125 hatte viele Motorradfahrer angelockt und lud mit ihren vielen Kurven und den spektakulären Aussichten zu einer zügigen Runde ein. Die Jungs waren teilweise deutlich schneller als ich unterwegs, die Kurven eng und uneinsichtig. Dennoch machten wir uns gemeinsam an dem bekannten Aussichtspunkt Bar Silana breit: eine kalte Cola und für die anderen etwas zum Essen. Unsere Gespräche waren vielfältig und die neuen Bekanntschaften interessant. Wir sollten nun eine Woche auf dieser Insel bleiben und es uns in dem kleinen Dorf Villanova Tulo mit gerade 1000 Einwohnern später gemütlich machen.
Dass wir bald schon gezwungenermaßen erneut nach Sardinien zurückkehren würden, wussten wir hier noch nicht.
EIN DORF, DAS UNS IM KOPF GEBLIEBEN IST
Die Insel, die Motorradfahrer anzog, wie ein Rind die Fliegen, war vielfältig und traditionsreich. Als wir am Abend in dem Dorf ankamen, wurden wir herzlich von der Familie unserer Gastgeber begrüßt. Es gab traditionelles Essen und gegrilltes, frisches Schaf. Zimperlich sollte man auf Sardinien nicht sein, wenn man die Kultur kennenlernen möchte: Das Essen war anders, als man es bei uns kannte und auch die Art der Zubereitung nicht gerade gewöhnlich. Während wir unseren Standard hier in Deutschland gewohnt sind, hatte dort beinahe jeder Einwohner eine Sommerküche im großen Stil: Pizzaofen, Feuerstelle und Grill, liebevoll eingerichtet und mit vielen Details.
Sogar das Bräunlinger Kellerbier entdeckten wir an der Wand und fühlten uns gleich ein wenig heimischer. Den kommenden Tag nutzten wir, um ein wenig Pause zu machen und die Insel kennenzulernen. Was für ein Glück also, dass gerade zum Zeitpunkt unseres Urlaubes ein Fest in dem sonst so beschaulichen Örtchen stattfand: Festa di San Giuliano. Das Dorf war bereits feierlich geschmückt, die Leute tummelten sich umher und am Abend wurde bei einer Liveband getanzt und gefeiert. Die rot-weißen Dekorationen an den Wänden der Häuser und die Girlanden in der Straße brachten ein Gefühl mit sich: Gemeinschaft, die über Bekanntschaften hinausging. Ein familiärer Flair lag in der Luft und die Einwohner waren offen, selbst, wenn die meisten von ihnen kein Englisch verstanden. Mit Deutsch kam man hier teilweise sogar weiter, da viele einmal dort gelebt hatten, aber wieder zurückgekommen waren. Denn die Verbundenheit der Leute zu diesem Ort und den Menschen war nicht zu übersehen.
Es war ein anderes Gefühl, als in deutschen Städten oder Dörfern. Wenn Du über den Dorfplatz schlenderst oder dir eine kalte Cola holst, sind alle aufgeschlossen und freundlich: Die älteren Herren sitzen gemeinschaftlich in der Dorfbar, die Damen verbringen ihre Zeit zusammen unter den großen, schattenspendenden Bäumen gegenüber und auch, wenn Du mit dem Motorrad ein Dorf querst, freuen sich alle, dich zu sehen und grüßen dich. Das Festa di San Guiliano ging drei Tage lang: Der Sonntag war geprägt von Marktständen der verschiedensten Arten: selbstgemachte Deko oder Magnete (von denen wir natürlich drei kauften), Kleidung, Getränke und lokale, klassische Gerichte und Feinkost. Madenkäse, der nicht aufgrund der Sonne so aussah, sondern humorvoll als die „sardische Nutella“ angepriesen wurde, waren natürlich auch dabei.

MIT DER TÉNÉRÉ AUF DEN TET
Die nächsten Tage verbrachten wir großteils ganztags auf dem Motorrad: Am Morgen zwängten wir uns, mit dünner Funktionswäsche ausgestattet, in die bereits warmen Klamotten, denn es hatte schon nach dem Frühstück 25 Grad. Der Trinkrucksack mit Frischwasser hielt manchmal nicht länger als einen kleinen Abschnitt, doch trotz der schweißtreibenden Temperaturen starteten wir die Motoren der Bikes auf ein Neues. Die Koffer blieben an diesem Tag am Quartier, mit dem Discovery und dem Nötigsten ging es auf Tour. Im Gepäck hatten wir lediglich etwas Proviant und eine Kamera, sowie Badebekleidung.
Der TET Sardinien führte mit der 15. Sektion genau durch unser Dorf. Er bot einen guten, unkomplizierten Einstieg, ohne lange suchen zu müssen. Das Gelände ging jedoch direkt von Null auf Vollgas: steile schottrig-rutschige Auffahrten und ebenso grob fahrlässige Abfahrten mit krassem Geröll. Allerdings hatten die anstrengendsten Pisten auch ihre schönen Seiten: Belohnt wurden wir nach einem Abschnitt eigentlich immer. Auf der Kuppel der Auffahrt galoppierten Wildpferde mit einem Fohlen an uns vorbei und davon. Auf dem anderen Gipfel schmückte eine Ziegenfamilie die sonst so trockene Gegend.

Die Landschaft faszinierte uns so sehr, und auch, wenn die Wege in die ungebändigte Natur mit dem ein oder anderen Umfaller meinerseits, und dicken fetten Schrammen im Sturzbügel mopedseitig verbunden waren, erzählen ebendiese nun die Geschichten eines unvergesslichen Urlaubes – und von zu kurzen Beinen im Gelände. Die harten Passagen (und den Uber-Service meines Mannes) hatte man schnell verdrängt, wenn man sich inmitten der rauen Natur, zwischen diversen Rindern und Pferden, neben frei laufenden Schweinen oder am Meer wiederfand. Selbst in den hintersten Winkeln der Insel, mit wenig Gepäck und mangelndem Flüssigkeitsnachschub, fanden wir jedes Mal einen Ort, welcher zum Verweilen einlud oder eine willkommene Abkühlung durch ein kaltes Getränk bot.
WARUM UNS SARDINIEN SO SCHWER LOSLIESS
Wir erlebten den gesamten Urlaub auf Sardinien als eine pure, naturnahe und ehrliche Zeit. Die Herzlichkeit der Einwohner, die raue Natur und die vielfältige Tierwelt, welche wir inmitten der Berge und des Nichts antrafen, machten teilweise sprachlos. Sardinien ist eine Insel der Kurven, rauer Natur, klaffender Klippen und blauem Wasser.
Eine Insel, die Motorradfahrer aufgrund ihrer kurvenreichen und griffigen Straßen dorthin zieht und mit unterschiedlichsten Panoramen über Berge, Täler und das Meer belohnt. Als Motorradfahrer fühlt man sich hier wohl, und als naturverbundene Menschen machte es uns den Abschied nur schwerer. Die Menschen, die wir in dieser Woche kennenlernten, die Dorfbewohner, die uns über unsere Reise und den Grund des Besuches ausfragten, die Feste und die damit einhergehende Verbundenheit der Menschen sowie die Landschaft und ihre vielfältigen Bewohner hielten uns gedanklich noch lange fest. Auf dem Rückweg zum Hafen war uns noch nicht klar, dass wir schneller nach Sardinien zurückkehren würden, als uns lieb war.

DIE PIZZA SOLLTE BALD GERÄUCHERTER SEIN ALS GEDACHT
Wer in Italien reist, sollte nicht unterschätzen, was hier auf den Tisch gebracht wird. Schon unsere Gastgeber versorgten uns ausreichend gut und im Übermaß mit Essen. Sie ließen keine Möglichkeit offen, sich über irgendetwas zu beschweren: Das Essen wurde jeden Tag frisch zubereitet, kulinarische Feinkost wurde serviert und die Liebe zur eigenen Heimat schmeckte man im Essen definitiv. Am Hafen angekommen, füllten wir uns noch den Magen: Das Essen der Fähre war durchschnittlich und für den aufgerufenen Preis mit Sicherheit keine Option, die man sich offenhielt, wenn man andere Möglichkeiten hatte. Nur gut, dass unsere Vorspeise, welche mein Mann und ich bestellten, locker auch für alle fünf am Tisch gereicht hätte.
Demnach ließen wir unsere Pinza einpacken und verstauten diese in dem Teil des Gepäcks, welchen wir mit auf das Deck der Fähre nahmen. Die Pizza sollte aber schon bald geräucherter sein, als gedacht. Frisch geduscht und mit einem geschmacklosen Cocktail standen wir auf dem Deck, unsere Motorräder wissentlich sicher verzurrt, und genossen den Fahrtwind beim Ablegen der blau-weißen Fähre. Unsere Gespräche waren angeregt, die Stimmung gut und die Gedanken schwelgten in Erinnerung. Plötzlich wurde Lukas‘ Stimme nervös, der Blick richtete sich nicht mehr auf mich, der Fokuspunkt war nun weit über meinem Kopf. „Das Schiff brennt!“, sprang mir der Satz entgegen.
Schlagartig drehte ich mich auf meinem ungemütlichen Stuhl um, den Blick zielgerichtet Richtung Kamin am Bug des Schiffes. Und tatsächlich war es nicht mehr so, wie es noch vor drei Minuten aussah: Aus dem Kamin des Schiffes stiegen schwarze, riesige Rauchschwaden auf. Der hohe Schornstein hustete aus jedem Loch, die weiße Farbe wurde von dichtem Rauch umhüllt und hinter dem Schiff bildete sich eine grauenvoll riesige Fahne aus stinkenden Partikeln. Wie die Hühner auf der Stange sprangen wir auf, sahen alle gebannt Richtung Kamin und noch einmal bestätigte Lukas: „Das Schiff brennt!“.
Schlagartig ertönte der Lautsprecher und die Stimme aus der Schiffsbrücke ertönte über das Deck: „Mister RED, bitte in den Maschinenraum". Die laute, dröhnende Stimme wiederholte ihren Ausruf ohne Zögern erneut. Mister RED war kein Kollege der Besatzung, so viel war uns klar. Eher war es der gefürchtete Mitfahrer, den niemals ein Captain auf seinem Schiff wollte, welcher aber immer in den Tiefen des Schiffes schlummerte und nicht geweckt werden sollte.
RETTUNGSWESTEN AN
Uns war sofort klar: Wir verlassen das schwarze Deck und begeben uns nach unten. Ich rief unserem Kollegen zu: „Lauf runter und hol deine Frau aus dem Zimmer." Wir nahmen zwei Stufen gleichzeitig, standen nun auf Deck 7 und sahen gebannt nach oben: Der Rauch verdichtete sich immer mehr und erst jetzt merkte ich, dass sich die Fähre beinahe nicht mehr bewegte. Der Motor war nicht mehr zu hören und die Weiterfahrt war unterbrochen: Wir trieben. Von da an ging alles rasend schnell: Die Reisenden, die sich gerade noch in den Zimmern, der Bar oder dem Restaurant tummelten, kamen wie die Bienen nach draußen geschwärmt. Kinder und Babys waren aufgeregt, weinten und verstanden nicht, was los war. Die Lautsprecherdurchsagen wurden immer lauter und nervöser, die Besatzung wirbelte durch die Gänge und versuchte, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Spätestens, als die deutlich undeutliche Durchsage „Zieht die Rettungswesten aus den Schränken an“ ertönte, wurde mir mulmig und mein Magen überlegte, was jetzt die nächst schlüssige Reaktion auf den Stress war.

Unsere Blicke wechselten zwischen Himmel, Besatzung und den anderen Menschen. Grundsätzlich war die Stimmung angespannt, aber noch auszuhalten: Wir zogen unsere Westen an, machten noch dumme Witze, um die Nervosität zu unterdrücken und stellten fest, dass vermutlich jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Gruppenfoto wäre, nachdem wir es eine Woche lang nicht geschafft hatten. Die immer panischer werdenden Ausrufe durch die Außenanlage machten uns zunehmend nervöser.
Würden wir das Schiff verlassen können?
Schaffen wir es bis nach Korsika und kann man in dem Wasser schwimmen?
Was ist mit unseren Motorrädern, die auf der Seite des Brandes stehen und wie kommen wir hier am besten und schnellsten weg, wenn es sich immer weiter zuspitzt?
In diesem Moment machte es einen Knall und alle Blicke richteten sich auf die vordere Seite des Schiffes. „Wir werden nun die Rettungsboote ablassen. Bitte ziehen Sie sich eine Schwimmweste an und betreten Sie die Rettungsboote." Die roten Boote bahnten sich an der kalten Metallwand des Schiffes ihren Weg nach unten, hielten auf der Höhe unseres Decks an. Jeder Reisende starrte gebannt auf die Rettungsboote und richtete sich zu ihnen, in der Annahme, dort gleich hineinsteigen zu müssen. Vermutlich war es eine überschaubare Dauer von Minuten bis zu diesem Zeitpunkt, welche sich aber anfühlte, wie eine Ewigkeit.
EINE NACHT AUF DECK
Die Durchsagen waren undeutlich, die Besatzung beängstigend unruhig und die Anweisungen unklar. Doch eins war sicher: Wir würden dieses Schiff nicht ohne einander verlassen. Die nächsten Stunden wurden zunehmend zäher. Nachdem von der Crew keine weitere Anweisung zum Betreten der Boote kam und auch sonst keine große oder gar eindeutige Kommunikation stattfand, wurde Entwarnung gegeben: Drei Stunden passierte nichts, dann beschwichtigte die Besatzung die Reisenden: „Es besteht kein Grund zur Unruhe, der Brand ist unter Kontrolle." Die gleiche Durchsage erfolgte in unverständlichem Englisch und wir waren froh, dass unsere Kollegen Italienisch sprachen, um uns zu updaten. Und trotz der erstaunlich ruhigen Stimmung aller Reisenden, welche ohne Panikausbruch und Wut die letzten Stunden auf Deck verbrachten, war dennoch nicht an Frieden zu denken. Es war inzwischen dunkel, die Hitze aber nicht vollends verschwunden und erst jetzt bekamen wir Wasser.
Die Nacht verbrachten wir auf dem Deck, denn abgesehen davon, dass der Innenraum gesperrt und unzugänglich war, wollten wir in dieser furchtbar riechenden Tropfsteinhöhle namens Schiff auch keine Sekunde zu viel verbringen. Kohlrabenschwarze Besatzungsmitglieder aus dem Maschinenraum bestätigten diese Entscheidung. An Schlaf war kaum zu denken: Auch, wenn über die Außensprecher verkündet wurde, es sei alles im Griff, machte das Funkgerät des nebenstehenden Besatzungsmitglieds eine andere Annahme: „Motor zwei steht immer noch in Flammen“, ertönte es um zwei Uhr nachts.
Meine Augen waren müde, meine Beine auch, aber die Schwimmweste war alles andere als bequem: Schlafen war keine Option, dösen kaum möglich und in die öffentlichen Räume, welche inzwischen in Begleitung freigegeben wurden, wollten wir auf gar keinen Fall. Also blieb nichts anderes übrig, als auf dem feuchten Boden des Decks zu sitzen. Nachdem wir über zwölf Stunden ohne Essen auf Deck verbracht haben, ging es nun wieder Richtung Sardinien. Und uns war klar: Diese Reise wird noch deutlich länger gehen, als ursprünglich geplant. Was wir bis dato noch nicht wussten: Das Abenteuer endete nicht auf dieser Fähre.
SECHS KNOTEN ZURÜCK NACH SARDINIEN
Mit einem Schlepper, welcher in der Nacht von Sardinien zu uns kam, bewegten wir uns nun endlich wieder vom Fleck. Der Ingenieur, welcher mit dem Helikopter mitten in der Nacht eingeflogen kam und auch die Besatzung selbst bekamen das Schiff in der Nacht nicht mehr zum Laufen, was mit diversen Blackouts einherging. Doch jetzt hatten wir wieder ein Ziel, welchem wir mit sechs Knoten näherkamen. Nachdem die Umplanung auf die neue Fähre am Abend des Samstags auch nicht sonderlich problem- und konfliktfrei verlief und das Schiff ganze drei Stunden später als geplant ablegte, hatten wir unsere Horrorfahrt endlich hinter uns. Am Sonntag früh kamen wir im Hafen Genuas an und wussten: Das wird eine anstrengende, lange Fahrt bis in den Schwarzwald, aber endlich geht es heim. Unsere Motorräder hatten wir am Abend davor schon durchgecheckt und zum Glück keine Makel feststellen können. Die Flammen und die Hitze hatten unsere Bikes verschont und wir konnten nun mit gepackten Bikes und müden Augen gen Norden starten.

UND DANN DIE TÉNÉRÉ
In einer Kolonne aus vier Motorrädern machten wir uns auf den Weg. Das Ziel: Mailand, denn hier würden uns die Wege von einem Freund trennen, welcher Richtung München fuhr. Die Hitze war auch im Süden Italiens nicht angenehmer als die letzten zwei Wochen auf der Insel und so wollten wir schnell vorankommen. Es war schon Sonntagmittag und morgen stand für uns alle der erste Arbeitstag nach dem Urlaub an. Wir fuhren die A7 Richtung Mailand und kamen endlich voran. Unsere müden Augen und der träge Körper freuten sich auf die Couch im eigenen Zuhause und sehnten sich nach einer guten Matratze für einen erholsamen Schlaf. Den benötigten wir alle dringend. Doch mein Motorrad entschied sich gegen diesen Plan. Mit einem Mal wurde mein Hinterrad wackelig, wie ein Kuhschwanz: Bei 130km/h auf der italienischen Autobahn verabschiedete sich etwas tief in meinem Rad und begann zu eiern.
Auch ich verabschiedete mich schnellstmöglich innerlich von meinem Leben. Noch nie hatte sich ein Bremsweg so lang angefühlt, aus Angst, die Instabilität könne mich zu Boden bringen. Ich hielt am Seitenstreifen der viel befahrenen Straße an. Gott sei Dank fuhr mein Mann hinter mir, da ich ihm bereits zuvor erzählt hatte, dass sich irgendetwas am Moped komisch anfühlte. Er hatte nichts finden können und so zogen wir weiter. Doch das Komische entpuppte sich nun als totales Problem. Eine Weiterfahrt war trotz mehrfacher Versuche nicht mehr möglich, das Rad war lose und die Ursache unbekannt – die Schrauben waren es nicht und alles war ordnungsgemäß befestigt. Wir machten es uns unter einer Autobahnbrücke, etwa zwei Kilometer weiter, gezwungenermaßen bequem. Die anderen waren bereits weitergefahren – eigentlich wollten sie auf uns an der nächsten Raststätte warten, aber dies war nicht mehr möglich. Also warteten wir bei unerträglicher Hitze und mit aufgewärmtem Wasser wohl oder übel auf den ADAC.
POOL WÄRE NETT
Währenddessen machten wir uns schlau, wo wir unsere nächste Nacht verbringen würden – da klar war, dass wir so nicht mehr rechtzeitig heimkommen würden und am Sonntag ohnehin alle Werkstätten zu hatten. Wir schauten uns um, aber letzten Endes war uns alles lieber, als erneut auf einem dreckigen und unbequemen Boden zu schlafen. Und ein Pool wäre natürlich auch nett. Nach einer weiteren Ewigkeit und überstrapazierten Nerven aus den vergangenen 72 Stunden fuhren wir zu zweit auf einem Motorrad von der Werkstatt Richtung Hotel.
Da der ADAC eine großzügige Summe an nächtlichem Budget für zwei Leute bot, hatten wir uns ein wenig Erfrischung natürlich nicht nehmen lassen. Das Hotel selbst war ziemlich speziell – um es vorsichtig auszudrücken. Aber zu unserer Überraschung wartete hinter dem Gebäude tatsächlich ein Außenpool auf uns. Nach den letzten chaotischen Tagen kam diese kleine Auszeit genau zur richtigen Zeit.

Die vollverspiegelten Wände, das Rotlicht und noch weitere Spiegel an der Decke sowie die interessante Ausstattung des Badezimmers ließen uns nur noch schmunzeln. Wir waren in den letzten Tagen zu oft zu viel strapaziert worden, um noch irgendwas komisch zu finden. Also nahmen wir alles mit Humor und wie es kam. Immerhin könnte nicht jeder behaupten, dass er in einem Stundenhotel, aber an der Cala Amore und neben dem Zirkus geschlafen hätte. Mit einer Tiefkühlpizza, die uns die freundliche Bedienung noch servierte, sowie nach etlichen Telefonaten mit dem ADAC fielen wir später todmüde ins Bett und freuten uns, endlich mal wieder in einem, wenn auch etwas dubiosen, Bett zu schlafen.
DIE TÉNÉRÉ BLEIBT NICHT IN ITALIEN
Am nächsten Tag sollte es aber weitergehen. Egal wie, wir würden heute heimfahren und nicht noch eine weitere Nacht in Italien verbringen – schließlich sollten wir beide eigentlich schon wieder arbeiten und nicht im Pool liegen, während unsere Rückfahrt immer noch ungewiss war und die Warteschleifen des Telefons nicht verstummen wollten. Trotz aller Bemühungen der Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung war uns die Aussage zu unklar. Wir wollten das Motorrad auf keinen Fall in Italien lassen und genauso wenig mit dem Sammeltransport in zwei Monaten zurückbekommen – bis dahin wäre die Saison gelaufen und mein Herz vermutlich gebrochen.
Also hatten wir einen anderen Plan. Unsere Familie saß im Auto und machte sich mit einem geliehenen Hänger – von besagtem Kollegen, welcher mit uns auf Sardinien und inzwischen schon wieder heil in Villingen angekommen war, auf den Weg zu uns nach Genua. Am Abend war es eine Erleichterung, als meine Schwiegereltern endlich auf den Hof fuhren und der Hänger hinter ihnen herrollte. Die Tortur hat ein Ende – dachten wir zumindest.

ZU ZWEIT AUF EINER TÉNÉRÉ DURCH DIE NACHT
Dass auf dem Hänger nur ein Motorrad Platz fand, war ja schon zuvor klar. Das hieß, einer von uns beiden müsse auf dem Motorrad allein heimfahren, durch Italien, die Schweiz und ab nach Villingen. Für mich stand allerdings eines fest – wir hatten diese Reise zusammen auf den Bikes angefangen und genau so würden wir sie auch beenden. Also wurde kurzerhand das ganze Gepäck, die Koffer und die Gepäckrolle ins Auto bugsiert und ich machte es mir auf der schmalen Rückbank der Ténéré bequem. Aber wieder einmal sollte es nicht lange gehen, bis uns der Ruf voraus eilte: Kurz vor der Schweizer Grenze begann es mit feinem Niesel, welcher sich schon sehr lange vorher durch glühende Wetterleuchten und drohende Blitze ankündigte. Im Nordosten hingen die Wolken bedrohlich tief, bildeten massive, ungeheure Mauern, die nicht zu durchbrechen schienen. Unsere Regen- und Windlayer hatten wir guten Gewissens ins Auto geschmissen.
Wo genau sie sich dort befanden, wussten wir nicht und ein Anruf war nicht mehr möglich. Also fuhren wir weiter, gaben Gas und wollten einfach nur noch heim. Zu allem Übel empfing uns in der Schweiz der nächste Brecher. Der Gotthardtunnel, den wir sonst so oft mieden, da es unglaublich langweilig war, hindurchzufahren, war gesperrt. Das bedeutete, bei drohendem Unwetter und um zwölf Uhr nachts mussten wir den Gotthardpass hoch kraxseln.
Vorher stellten wir fest, dass in der Schweiz wohl beinahe keine Tankstelle existierte, die um diese Uhrzeit noch geöffnet war. Mit dem letzten Tropfen und einem dürstenden Motor rollten wir auf die einzige geöffnete Tankstelle im Umkreis von 20 Kilometern. Erst dann bahnten wir uns den Weg über die windenden Kurven des Gotthards. Immer weiter nach oben ging es, doch erstaunlicherweise blieb die Temperatur stabil – deutlich wärmer als auf der Hinfahrt.
Bei angenehmen 22 Grad und sternenklarem Himmel fuhren wir über den Gotthard auf der anderen Seite wieder runter. Ich musste aufpassen, dass ich nicht einschlief, da meine Augen inzwischen mehr gesehen hatten, als sie ertragen konnten und ständig zufielen. Spätestens die kurvige Abfahrt ruckelte mich wieder wach und so war ein Großteil der Rückreise geschafft. Ab und zu erlaubten wir uns eine Pause, um zu verschnaufen, uns wach zu springen und den Knien eine Auszeit zu geben – hätte ich gewusst, dass eine Tour als Sozia so auf die Kniegelenke gehen würde, wäre ich dankend ins Auto gesessen und dort mitgefahren. Aber jetzt wollte ich auch nicht mehr auf das Auto warten und so noch mehr Zeit ins Land gehen lassen. Also setzte ich mich wieder aufs Bike, die Beine möglichst wenig angewinkelt, um die Gelenke nicht noch weiter zu belasten, als wären sie von einer 80 Jahre alten Frau.
VIER KUGELN

Nach einigen Tagen, in denen die sogenannte Horrorreise vergangen war und wieder Normalität in den Alltag sowie Ruhe in den Körper gekehrt waren, trafen die Ersatzteile für das Motorrad ein. Bei einem Blick auf das Hinterrad stellte sich heraus, dass das Radlager nicht nur verschlissen, sondern mit vier verbleibenden Kugeln im Lager quasi nicht mehr vorhanden war. Die Kugeln, welche das Rad mal geschmeidig hielten, hatten sich auf Sardinien und Italien spürbar verabschiedet. Bei jedem Ruck, den mein Motorrad gemacht hatte, hatte es eine Kugel durch das Lager geschossen und quasi zu Spänen gemahlen.
Am Ende dieser Reise waren wir froh, heile daheim angekommen zu sein, beide Bikes in der Garage stehen zu haben und vor allem: einen ereignisreichen Urlaub mit Erinnerungen fürs Leben zu haben. Dass wir beide zwar gesund, aber nun am liebsten direkt einen Erholungsurlaub angehängt hätten, war eine andere Geschichte.











