Ein unbekanntes Eck Europas - Rumänienreise | von Michael Hoyer

Ein unbekanntes Eck Europas - Rumänienreise | von Michael Hoyer

Rumänien! Kopfschütteln war noch so ziemlich die netteste Antwort, als ich im Bekanntenkreis meine Reisepläne offenbarte. Was willst du denn dort? Da kommst du sicher ohne Motorrad zurück. Und, und, und noch mehr Vorurteile. Alle diese mahnenden Hinweise hatte ich auf meinen Reisen nach Polen, Bulgarien, Montenegro und Albanien auch schon gehört. Dabei bieten diese Länder wunderbare Strecken, herrliche Ausblicke, beeindruckende, wilde Landschaften, freundliche Menschen und jede Menge kulturelle Highlights. Und das gilt ganz besonders für Rumänien.

Geografisch liegt Rumänien gar nicht so weit weg vom Zentrum Europas. Von Süddeutschland aus sind es ca. 1500 Kilometer bis Timioara im Westen des Landes. Das ist kürzer als bis nach Madrid, wenn man über Land fährt. Doch unsere Gedanken führen selten in Richtung Osten, von unseren Wegen ganz zu schweigen. Rumänien! Was kommt einem in den Sinn, wenn man an dieses Land am schwarzen Meer denkt? Zunächst vermutlich recht wenig, dann die Vampirlegende Graf Dracula und danach dominieren eher negative Assoziationen: Angefangen bei bettelnden Frauen in langen Gewändern bis hin zu Banden, die westliche PKW gleich im Dutzend verschieben. Wer ein bisschen tiefer im Gedächtnis gräbt, kommt vielleicht noch auf Ion Tiriac, den Ex-Manager von Tennisspieler Boris Becker und Peter Maffay, den deutsch-rumänischen Sänger.

Auf ins Abenteuer:

Grundsätzlich gilt: Rumänien ist im Sommer heiß, im Winter kalt. Besonders im Süden und Osten des Landes kann man mit trockenen und heißen Sommern und im ganzen Land außer an der Küstenregion mit ausgeprägt kalten Wintern rechnen. Für eine Motorradreise sind die Monate Mai bis September optimal, wobei auf hohen Pässen außerhalb des Hochsommers Schnee nicht auszuschließen ist. Flexibel und wetterfest sollte man dennoch gerade in der Gebirgsregion der Karpaten sein. Und so mache ich mich Anfang Juni auf den Weg nach Rumänien, das wohl zu den ärmsten EU-Ländern mit knapp 20 Millionen Einwohnen zählt. Meine Reisebegleiterin ist eine nagelneue BMW GS850 aus dem Hause Touratech, veredelt mit zahlreichen, sehr nützlichen Offroad-Features. Über die sehr komfortable Touratech-Sitzbank bin ich besonders bei der Anreise sehr dankbar. Die Kilometer aus dem Schwarzwald bis in das Land von Graf Dracula und vielen Braunbären, zieht sich. Vorbei an den Metropolen wie Wien und Budapest stelle ich den Motor am ersten Anreisetag in einer kleinen Ortschaft unweit der ungarischen Hauptstadt ab, um gleich am nächsten Tag den Endspurt bis Timisoara anzutreten. Nach diesen endlosen Autobahnkilometern bin ich froh, die rumänische Autobahn zu verlassen. Übrigens – es ist völlig normal, dass man als Mopedfahrer in Österreich und Ungarn eine Autobahn-Nutzungsgebühr zu bezahlen hat. So ist angenehm auffallend, dass Motorradfahrer in Rumänien eine solche Nutzungsgebühr nicht zu bezahlen haben.

Nur ein paar Meter von der Autobahn entfernt, nimmt mich das rumänische Leben gleich in Empfang. Auf einer holperigen Landstraße fahre ich in Richtung Resita (das alte Reschitz) und bin fasziniert. Nach nur eineinhalb Tagen Fahrt mit dem Motorrad befinde ich mich in einer anderen Welt. Ja, die Häuser sehen ärmlich aus. Aber auch sehr gepflegt. Das bäuerliche Leben auf dem Land ist mitunter sehr kärglich. Ich komme durch bunte Dörfer wie aus dem letzten Jahrhundert mit Fachwerk- und Backsteinbauten, durch die eine unbefestigte Straße mitten hindurchführt. Am Rand stehen Pferdefuhrwerke statt Traktoren, Fahrräder dienen als Fortbewegungsmittel. Kinder und junge Hunde laufen neben dem Motorrad her und winken fröhlich, auf den Dorfplätzen sitzen die Alten, schwätzen und schauen ein wenig verwundert hinterher. Nicht selten grast eine einsame Kuh im Grün neben der Dorfstraße. Hinter den kleinen Ortschaften folgen blühende Wiesen und fruchtbares Ackerland im stetigen Wechsel. Auf den Feldern arbeiten die Bauern mit Sense und Spitzhacken. Vereinzelt sieht man Pferdekutschen. Was für ein Gegensatz zu unserem hochtechnisierten Leben in Deutschland. Und nun bin ich den Karpaten – diesem sagenumwobenen Gebirge in Rumänien angekommen. Am Wegesrand kurz vor der Ortschaft Valiug sehe ich ein einfaches Hotel/Pension mit dem Namen „Gasthof Tirol“. Ich will meinen Augen nicht trauen, aber
meine Ohren bestätigen meinen Eindruck: Eine ältere Frau spricht mich an, ob ich ein Quartier für die Nacht suche – und sie spricht mich auf Deutsch an. Ja, in Siebenbürgen oder Transsylvanien sprechen nicht wenige Rumänen Deutsch. Hier in Siebenbürgen halten sie die alten Traditionen der Sachsen hoch und sprechen auch vielfach Deutsch. Siebenbürgen? Sachsen? Da war doch was? Richtig: Siebenbürgen ist der deutsche Name für Transsilvanien, allerdings ist die Herkunft des deutschen Namens nicht endgültig geklärt. Vermutlich geht der Name auf sieben von deutschen Einwanderern gegründete Städte zurück. Aber die Sieben Stühle als Verwaltungsgebiete mit eigener Gerichtsbarkeit im umkämpften Grenzgebiet nach Osten könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Auf jeden Fall geht alles auf die Anwerbung deutscher Siedler im 12. und 13. Jahrhundert zurück, mit denen die damaligen Fürsten ihre Regionen gegen den Einfall der Tataren und Türken sichern wollten. Allerdings kamen die Siedler nicht aus dem heutigen Sachsen, sondern eher aus dem Mittelrhein- und Moselgebiet, Flandern und der Wallonie. Da der lateinische Stereotyp jener Zeit für Menschen aus Westeuropa Saxones war, wurden daraus schnell die Sachsen. Das ist der Grund, weshalb viele Straßenschilder und Inschriften neben den rumänischen auch deutsche Namen führen. Ich mache also in Rumänien, in „Tirol“ Station und verbringe dort meine erste Nacht bei Freunden. Schnell haben die Wirtsleute verstanden, dass ich das erste Mal in Rumänien reise, und erklären mir ihr Land. Von den Landschaften bin ich bereits begeistert – von den leckeren Speisen, die sie mir am Abend auftischen bin ich überwältigt. Die traditionelle rumänische Küche ist bäuerlich, fleischlastig und deftig. In diesem Land wird hart gearbeitet, entsprechend üppig fallen die Mahlzeiten aus. Eine große Rolle spielen hausgemachte Spezialitäten wie Würste, Schinken und Speckschwarten, aber auch sauer eingelegtes Gemüse oder saure Suppen, Ciorba genannt. Sarmale sind Krautwickel aus sauer eingelegten Weißkohlblättern mit einer Schweinehack-Reis-Füllung. Knoblauch ist ebenfalls in fast jedem rumänischen Gericht enthalten, ansonsten gibts die rumänische Knoblauchsoße Mujdei. Häufige Beilage ist der Maisbrei Mamaliga oder Mamaliguta, der zu vielen Mahlzeiten als Beilage serviert und sowohl süß wie herzhaft verwendet wird.

Am nächsten Tag starte ich früh meine erste Offroad-Tour. Es geht zunächst auf kleinsten Sträßchen in Richtung Baila Herculane. Im Vorfeld meiner Reiseplanungen hatte ich vielfach gehört, dass die Straßenqualität in Rumänien sehr schlecht und nicht selten sogar gefährlich ist. Okay, die Straßen sind teilweise wirklich bemerkenswert mies, aber ich suche mir ja auch bei uns immer wieder Wege abseits glatt asphaltierter Pfade - und die sind dort garantiert um einiges leichter zu finden. Irgendwo habe ich bezüglich Rumänien den Begriff „asphaltierte Offroad-Strecken“ gelesen - ich übernehme ihn einfach in mein Repertoire, viel treffender kann man es ohnehin nicht umschreiben.

Angekommen in Baile Herculane (Herkulesbad) befinde ich mich im ältesten Kurort Europas, der bereits 140 Jahre vor Christus von den Römern gegründet wurde. Die Blütezeit erreichte dieses Nobelbad in der Zeit des österreich-ungarischen Kaiserreichs, wo Könige verweilten und wo man Rheumaleiden mit der Heilkraft des warmen Salzes und Schwefelquellen lindern konnte.

Obwohl dieser Kurort einen sehr alten und teilweise morbiden Charme versprüht, zieht es mich weiter tief in das Cerne-Tal und den Nationalpark Domogled hinein. Bereits am ersten Tag erkenne ich, was viele Offroad-Reisende vor mir in den Karpaten erfahren haben: Da es hier häufig und sehr ergiebig regnet, der Boden recht lehmhaltig ist, verwandeln sich die Trails und Wege in wahre Schlamm-Abenteuer. Die GS850 meistert diese Herausforderungen gut – positiv überrascht bin ich über die Pneus. Der Karoo-Street ist ja eher für Asphalt konzipiert – im Gelände macht dieser Reifen aber ebenso eine wirklich gute Figur.

Pasul Vulcan und die Transalpina

Die Sonne lachte schon frühmorgens ins Fenster und die gute Laune steigt abermals – warten doch heute gleich zwei Höhepunkte der Reise auf mich. Im wahrsten Sinne des Wortes: Der Pasul Vulcan mit einer feinen und sehr anstrengenden Offroad-Passage - die legendäre Transalpina. Das gute Wetter beim Frühstück in der Ortschaft Vulcan war schnell verflogen. Die Wetterkapriolen in den Karpaten sind schon sehr beeindruckend. In großer Schnelligkeit wechseln hier die Wetterbedingungen. Bei der Anfahrt auf den Pasus Vulcan erreichen mich große Nebelfelder mit einer Sicht von teilweise nur wenigen Metern. Auf dem Gipfel angekommen erkenne ich in den all den Nebelschwaden verschiedene Denkmäler, die an vergangene Kriege und Heldentaten erinnern. Das nächste Highlight des Tages ist die Transalpina. Mit bis zu 2.145 Metern über dem Meeresspiegel ist sie die höchstgelegene Straße Rumäniens. Bis vor 20 Jahren noch ein Geheimtipp für Schotteristen, wurde 2009 damit begonnen, sie auszubauen und zu asphaltieren. Dennoch ist diese insgesamt 150 (!) Kilometer lange Gebirgsstraße, die einst von den Römern erbaut wurde, um die Südkarpaten zu überqueren, ein imponierendes Fahrerlebnis, sowohl was die Landschaft mit ihren Schluchten, Wäldern und Felswänden, als auch was die Streckenführung betrifft. Mittlerweile eben größtenteils schon auf (in diesen Breiten unüblich) perfektem Asphalt, weshalb sie auch für reine Straßenmaschinen gut fahrbar ist, wenngleich prinzipiell für Rumänien eine Reiseenduro sicher die bessere Wahl darstellt. Meiner Meinung nach muss die Transalpina keinerlei Vergleiche mit etwa einer Großglockner Hochalpenstraße scheuen – wobei der Vergleich hinkt: Die Straße über die Karpaten hatten ich an diesem Tag praktisch für mich allein, in den Alpen ein Ding der Unmöglichkeit!

Transfăgărășan

Da wir gerade bei fahrerischen Highlights sind. Davon gibt es in Rumänien wirklich jede Menge. On- und Offroad. Die Transfăgărășan-Höhenstraße ist sicher für jeden Rumänien-Reisenden ein absolutes Muss. In den einschlägigen Foren steht überall, dass diese alpine Höhenstraße erst Anfang Juli öffnet – und dann aber auch schon Ende September wieder geschlossen wird. Grund sind viele Lawinenabgänge im Winter, die diese Straße nur in den Sommermonaten passierbar macht. Als echter Glücksritter versuche ich Anfang Juni natürlich trotzdem mein Glück. Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, irgendwo eine Stelle zu finden, um Transfăgărășan trotzdem unter die Stollen zu nehmen.

Bereits auf der Anfahrt zu dieser Höhenstraße stehen überall Verkehrsschilder, dass der Transfăgărășan gesperrt ist – und tatsächlich endet meine Tour auch auf halbem Weg an einer nicht passierbaren Schranke. Die Straße verbindet eigentlich das Argeș-Tal in der Großen Walachei mit dem Olt-Tal in Siebenbürgen, wobei sie das Făgăraș-Gebirge – eine Gebirgsgruppe in den Transsilvanischen Alpen – überquert. Schade – wirklich sehr schade, dass es hier kein kleines Schlupfloch für einen Enduristen gibt. Einigermaßen frustriert trete ich die Rückfahrt an und pfeife bei flotter Fahrt um die vielen Serpentinen herum. Ich bin ziemlich alleine auf diesen Streckenabschnitten, da sich die anderen Motorrad- und Autofahrer wohl alle an die Warnhinweise gehalten habe, dass die Passstraße gesperrt ist. Plötzlich möchte ich meinen Augen nicht trauen. Am Straßenrand steht ein Braunbär. Ein ausgewachsener, knapp 1,50 Meter großer Braunbär in freier Wildbahn. Ich bin so erstaunt, dass ich das Tier im Vorbeifahren fasziniert anschaue. Nach der nächsten Kurve wende ich und fahre zurück. Der Bär steht noch immer an derselben Stelle. Als er bemerkt, dass ich zurückkomme, zieht er sich in den unmittelbar an die Straße grenzenden Wald zurück. Da ich bei solchen interessanten Streckenabschnitten stets eine Action-Cam am Motorrad habe, sehe ich mir am Abend diese Szene immer und immer wieder auf dem Video an und bin fasziniert, dass ich an diesem Tag
einen Braunbären live und echt habe sehen und erleben können. Der nächste Tag sollte allerdings noch besser werden. Ich bin wieder früh unterwegs und immer noch in der Nähe der Transfăgărășan-Hochstraße. Wieder fahre ich um eine Kurve und da möchte ich nun wirklich fast vom Glauben abfallen. Da liegt ein erwachsener Braunbär auf einer kleinen gemauerten Straßenbegrenzung und lässt sich die Morgensonne auf den Pelz scheinen. Er bemerkt mich und schaut mir direkt in die Augen. Und das auf eine Distanz von knapp 50 Metern. Der Bär sieht friedlich aus – und ich komme ja auch mit friedlichen Absichten. Ich halte an und fotografiere den Bären mit laufendem Motor. Ich weiß nicht, wie schnell so ein Bär ist – aber ich denke, gegen die knapp 100PS meines Motorrads sollte ich schneller weg sein, als dass er mich angreifen kann. Aber dieses Thema ist für den Bären völlig obsolet. Er denkt gar nicht daran, sein Sonnenplätzchen zu verlassen. So kann ich ihn mit klopfendem Herzen fotografieren und fahre langsam an ihm vorbei. Wow – was für ein beeindruckendes Gefühl, Meister Petz so nahe gekommen zu sein.

Weiter geht die Fahrt über Campulung sowie die wunderschöne, kurvenreiche Panoramastrecke auf der Bundesstraße 73 über Fundata durch die Dâmbovita-Schlucht bis Bran (ein Muss für jeden Motorradreisenden in Rumänien). Diese Strecke sorgte für Endorphine im Überfluss und die Biker-Laune war bestens. Neben den immer wiederkehrenden Schlaglöchern bieten Motorradfahrten durch das Land des Draculas noch andere Regelmäßigkeiten: Egal, wie klein und teilweise heruntergekommen die Dörfer auch sein mögen, die Kirchen wirken immer schmuck und gepflegt – ob vollständig aus Holz gebaut, oder mit ihren silbernen Dächern, die kilometerweit in der Sonne glänzen – dazu begegnet man immer wieder winkenden Menschen, die einem hinterherschauen und freundlich lächeln. In Bran angekommen steht eines der wohl wichtigsten touristischen Highlights Rumäniens auf dem Plan: Das Schloss des Grafen Dracula. Die Törzburg ist ein nettes, verwinkeltes Schlösschen, in dem man einiges über die Geschichte der rumänischen Herrscher erfährt bzw. Ausstellungsstücke aus dem Fundus des Hauses Habsburg, wie unter anderem die Krone, besichtigen kann – von Vlad III. Dracula, dessen Herrschaftsgebiet ja in der Walachei und nicht in Siebenbürgen gelegen war, ist freilich wenig zu sehen. Angeblich verbrachte er dort nur eine einzige Nacht in Gefangenschaft – was die findigen Geschäftemacher nicht davon abhält, in unzähligen Ständen ihre Souvenirs an den Touristen zu bringen.

Am gestrigen Tag hatte ich ein bisschen Pech... Ich bin gestürzt. Aber nicht beim Mopedfahren - das habe ich im Griff (bis jetzt zumindest). Ich bin im Schloss Bran die Außentreppe heruntergefallen... Sehr blöd. Die Rippen tun weh - und beide Handgelenke sind lädiert. So bleibe ich einen Tag in Bran um ausgiebig in VOLTAREN zu baden und Ibuprofen zu schlotzen... Grrrrrrrrrrrrrrrrrrr... Treppe runterfallen - Gesicht voraus - ist echt blöd... Das hört erst auf, wenn man unten angekommen ist.
Ziemlich lädiert – und mit schmerzenden Handgelenken und Rippen geht es dann von Bran weiter bis zum rumänischen Wintersportort Sinaia und einem Abstecher zum Schloss Peles, das zwischen 1873 und 1883 für König Carol I. von Rumänien gebaut und vom Wiener Architekten Carl Wilhelm Christian Ritter von Doderer geplant worden war. Dieses Schloss ist der meistfotografierte Ort in Rumänien und man erkennt schnell, dass die Bauherren architektonische Meisterarbeiten an diesem Schloss vollbrachten.

Auf in die Metropole

Nach all diesen Schlössern und fantastischen Landschaften dürstet es mich ein bisschen nach Ruhe für meine Verletzungen, die ich mir auf der Treppe zugezogen habe und gleichzeitig nach pulsierendem Leben. Ich fahre weiter nach Bukarest. Die Hauptstadt Rumäniens ist die größte Stadt des Landes und das industrielle und kommerzielle Zentrum des Balkanstaates. Mit ihren rund 2 Millionen Einwohnern ist Bukarest die sechstgrößte Stadt in der Europäischen Union. Bukarest ist eine pulsierende Stadt, in der viel Armut aber auch der massive Wille für Veränderung und Modernisierung zu spüren ist. Berühmt für seine beeindruckende Größe ist der Parlamentspalast. Eines der interessantesten Gebäude, das man unbedingt besuchen sollte, wenn man in Bukarest ankommen ist. Dieses grandiose Bauwerk zeichnet sich durch ein besonderes architektonisches Gemisch, das den Brâncoveanu-Stil und die Einflüsse des Renaissance-, germanischen und Barock-Stils zusammenbringt. Es ist bekannt auch als Haus des Volkes. Das Gebäude beeindruckt durch die Opulenz der über 5000 Zimmer. Von dem Massivholzmöbel und skulptierten Türen zu Marmorsäulen, von Kristallkronleuchter, Seidenvorhängen zu riesigen Teppichen, stellt diese Touristenattraktion ein Universum des Luxus und der Extravaganz dar. Der Parlamentspalast ist eine monströse Metapher für maßlose Tyrannei des damaligen Staatspräsidenten Ceausescus, der 1989 hingerichtet wurde. Die Old-Town ist das komplette Gegenteil dieses präsidentalen Gigantismus. Die Altstadt zeichnet sich durch viele gemütliche Cafes und Wirtschaften, alten Häusern, die teilweise dem geregelten Verfall unterliegen bis hin zu schmucken Einkaufspassagen aus. Hier pulsiert das Leben. Nicht umsonst zeichnet sich Bukarest als eine der europäischen Party-Städte aus. Nicht wenige – und vor allem junge Menschen aus ganz Europa verbringen die Wochenenden in Bukarest um in den angesagten Clubs zu feiern. Apropos feiern – es gibt in Bukarest auch einen Triumphbogen.

Der Arcul de Triumf ist ein sehr sehenswertes Bauwerk in einem der Außenbezirke der Hauptstadt. Das Bauwerk wurde zu Ehren des Triumphes im Ersten Weltkrieg errichtet. Ein erster Vorläufer wurde 1878, nach Erlangung der Selbständigkeit des Landes, provisorisch aus Holz errichtet. Dieses Bauwerk wurde 1922 durch ein größeres, immer noch provisorisches aus Holz und Stuck ersetzt – woraufhin der berühmte rumänische Musiker und Komponist George Enescu einen spöttischen Brief an den Bürgermeister mit der Frage schrieb, wann denn die Hauptstadt einmal einen echten Triumphbogen erhalten werde. Der jetzige Triumphbogen wurde 1935 bis 1936 von Petre Antonescu nach dem Vorbild des Arc de Triomphe de l’Étoile
in Paris zu einem riesigen Bauwerk nach klassisch-römischer Art vollendet und zum Nationalfeiertag am 1. Dezember 1936 eingeweiht.

Das Schwarze Meer

Warum heißt eigentlich das Schwarze Meer so? Nun diese Frage stellt sich wohl jeder, der an dieses Meer reist. Die Antwort findet man in der türkischen Sprache. Im Türkischen übersetzte man das Schwarze Meer als "Kara Deniz". Doch "kara" konnte damals nicht nur "groß" bedeuten, sondern auch "finster, trüb". Im Laufe der Zeit veränderte "kara" seine Bedeutung und bedeutete nur noch "finster", sodass die Bulgaren, Ukrainer, Rumänien und Russen diesen Namen später als "Schwarzes Meer" übernahmen. Bereits auf meiner letztjährigen Reise durch Bulgarien hat mich die Küste des Schwarzen Meeres magisch angezogen. Und so reise ich von Bukarest über Constanta in den Badeort Mamaia am Schwarzen Meer. Es tut gut, das Motorrad abzustellen und stundenlang am Strand von Mamaia in Richtung Constanta am tosenden Meer entlangzulaufen. Der Strand an dieser Stelle ist über 20 Kilometer lang und durchschnittlich über 100 Meter breit. Das sind Dimensionen, die sehr bemerkenswert sind. Als passionierter Skifahrer kenne ich natürlich viele Seilbahnen in den Alpen. Eine Seilbahn direkt am Strand ist dann doch etwas Besonderes. In einer Höhe von 50 Metern kann man das Panorama des Schwarzen Meers bewundern und sich in der Gondel eine Auszeit von dem lebhaften Partystrand nehmen und knapp 2 Kilometer in Richtung Constanta schweben.

Durchs Delta mit Bike & Boot

Ich bin im Schwarzwald geboren und in Furtwangen aufgewachsen. An der Martinskapelle entspringt die Donau, die mit einer mittleren Wasserführung von rund 6855 m³/s und einer Gesamtlänge von 2857 Kilometern nach der Wolga der zweitgrößte und zweitlängste Fluss in Europa ist. Der Strom entwässert weite Teile Mittel- und Südosteuropas. Es ist mehr als klar, dass ich das Donaudelta bei Tulcea aufsuche. Das Donaudelta befindet sich im Südosten Rumäniens und grenzt im Südwesten ans Dobrudscha-Hochland, im Norden an der Ukraine und im Osten ans Schwarze Meer. Zusammen mit dem Razim-Sinoie-Lagunenkomplex umfasst das Donaudelta eine Fläche von rund 5000 km². Es ist ein Traum mit dem Motorrad durch dieses Delta zu reisen. Überall stößt man auf kleine, verästelte Lagunen und Nebenflüsse der Donau. In Tulcea angekommen, miete ich mich auf einem Speedboot ein und der Kapitän erklärt mir in gutem Englisch, dass wir in knapp 4 Stunden Fahrzeit viele typische Tiere und Landschaften des Donau-Deltas erreichen können. Ich bin wieder einmal beeindruckt, mit welcher Power das Boot auf dem Landungssteg ablegt und mit hoher Geschwindigkeit ins Delta einfährt. Wenn man sich hier nicht auskennt, dann ist man ganz schnell verloren. Der Skipper weiß genau, wohin er mich fährt – und bereits nach nur einer halben Stunde Fahrzeit sehe ich an den Ufern eine große Kolonie Kormorane und unzählige Pelikane. Wieder einmal bin ich über die Vielfältigkeit Rumäniens sehr positiv angetan und verspeise ein sehr leckeres Abendessen mit fangfrischem Fisch am Hafen von Tulcea.

Das wilde Land der Karpaten- Bicaz-Schlucht

Nun ist es Zeit, sich wieder vom Donau-Delta und der faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt zu verabschieden. Meine Reise durch Rumänien geht weiter – eng an der Grenze zu Moldawien schlängelt sich eine wunderbare Offroad-Strecke bis Galarti. Wie Perlen an einer Kette reihen sich nun Städte und Ortschaften wie Tecuci. Tisita, Bacau sowie Piatra Neamt in mein Roadbook ein. In der Ortschaft Bicaz
verbringe ich die Nacht, bevor ich am nächsten Tag in die gleichnamige Schlucht fahre. Hinter dem Hügelland steigen die Gipfel der Karpaten an, es wird wieder merklich kühler. Eine schön gewundene Asphaltstraße führt tief eingeschnitten wie ein Canyon durch dunkle Nadelwälder zum idyllisch gelegenen Bergsee Lacul Rosu.

Die Bicaz-Schlucht (Cheile Bicazului) ist eine der spektakulären Karpaten-Querungen. Der kleine Fluss Bicaz hat auf etwa 5 km eine Klamm in den Kalkfelsen gewaschen. Bis zu 300 m ragen die steilen Felswände direkt neben der Fahrbahn nach oben. Die Bicaz-Schlucht führ direkt zum Lacul Rosu – dem Roten See. Der natürliche Dammsee liegt auf einer Höhe von 938 m über dem Meeresspiegel im Nationalpark Bicaz-Hasmaș-Schlucht. Er wurde 1838 infolge des Einsturzes des Abhangs während eines Erdbebens gegründet. Sein Umfang ist 2,8 km lang und die maximale Tiefe beträgt 10,5 m. Der See wird von 4 großen Bächen und 12 anderen temporären Wasserläufen gespeist. Meine Reise geht weiter über die vom Wind gebeutelten Höhenzüge der Karpaten. Auf dem Weg treffe ich nur auf ein paar Schäfer mit ihren Herden und werde von den Hirtenhunden stets ein paar hundert Meter kläffend begleitet. Der Untergrund ist felsig und rau, ausgewaschene Rinnen und dicke Brocken erhöhen den Schwierigkeitsgrad enorm.

UNESCO Weltkulturerbe

Entlang des riesigen Stausees Lacul Izvorul Muntelui geht meine Reise diesmal onroad weiter. Heute steht Weltkulturerbe auf dem Programm. Es ist überraschend, dass auf relativ engem Raum gleich mehrere Baudenkmäler des Weltkulturerbes zu finden sind. Zum einen sind das die Moldauklöster zum anderen sind es die Holzkirchen in der Maramureș.

Die Moldauklöster sind eine Gruppe von rumänisch-orthodoxen Klöstern in der südlichen Bukowina in Rumänien. Ihr Bau wurde im 15. Und 16. Jahrhundert im damaligen Fürstentum Moldau von Stefan dem Großen und seinen Nachfolgern – insbesondere Petru Rareș – rund um den Amtssitz Suceava veranlasst. Überlieferungen zufolge versprach Stefan der Große für jeden Sieg auf dem Schlachtfeld die Errichtung einer Kirche oder eines Klosters. Seine Erfolge über Ungarn, Polen und Türkei führten zur Stiftung von insgesamt über 40 Gotteshäusern und zur größten Ausdehnung des Fürstentums Moldau im heutigen Rumänien, Republik Moldau und der Ukraine. Ein Teil der Klöster zeichnet sich durch detaillierte Wandmalereien auf den Außenmauern aus. Diese sollten dem damals des Schreibens und Lesens unkundigen Volk Szenen und Gleichnisse aus der Bibel vermitteln. Sowohl die Architektur der oftmals von quadratischen Schutzmauern umgebenen Klosterkirchen als auch die Freskenmalereien selber lassen dabei starke byzantinische Einflüsse erkennen. Der Baustil ist zum Teil stark von der Gotik geprägt. Besonders gut erhalten ist das Kloster von Moldovita, das wirklich sehenswert ist. Die zweite Attraktion in dieser Region von Rumänien, welche die UNESCO als herausragende Beispiele einer für Nordrumänien typischen Sakralarchitektur definierte, sind die Holzkirchen in der Region Maramureș. Die Kirchen stammen aus verschiedenen zeitlichen Epochen und weisen dementsprechend unterschiedliche Stilelemente auf. Trotzdem repräsentieren sie zusammen die Tradition des Kirchenbaus in dieser Region. Wegen eines Verbotes, in Siebenbürgen orthodoxe Kirchen aus Stein zu errichten, wurden die archaisch wirkenden Kirchengebäude aus Holz gebaut. Verwendet wurden Buchen-, Eichen-, Tannen- und Ulmenholz. Die charakteristischen, sehr schlanken Glockentürme befinden sich an der Westseite der Gebäude. Alle Kirchen haben mit Schindeln gedeckte Dächer. Im Inneren folgt die Ausstattung der orthodoxen Kirche. Auf Holz gemalte Fresken zeigen Motive des Alten Testaments. Dargestellt ist auch das Leben diverser Heiliger. Als besonders herausragende Kirche dieser Art gilt die Holzkirche von Botiza, die sich sanft an einen Hügel schmiegt. Bei so viel religiösen Highlights macht mich ein weiterer Eintrag in einem Reiseführer sehr neugierig: Der Fröhliche Friedhof in Sâpânta. Die Bewohner dieses Dorfes in der rumänischen Region Maramures sind stolz auf ihre Besonderheit: Den Fröhlichen Friedhof. Seit einigen Jahrzehnten schmücken sie ihre Familiengräber mit geschnitzten Kreuzen, auf denen die Lebensgeschichte der Verstorbenen in bunten Bildern nacherzählt wird – im Guten wie im Bösen. Ein Brauch, der bis heute von dem Schnitzer Dumitru
Pop aufrechterhalten wird. Jedes Kreuz ist ein Kunstwerk und der Friedhof Dank ihm kein Ort der Trauer. Normalerweise besuche ich Friedhöfe nicht. Für mich symbolisieren sie häufig Trauer und das Ende des Lebens. Nicht so dieser Friedhof in Sâpânta. Aufgrund der Tatsache, dass es sich um geschnitzte Kunstwerke handelt, zahlt man einen geringfügigen Eintritt um die knapp 800 holzgeschnitzten Kreuze, die alle in Farbe Indigo-Blau lackiert sind, zu bewundern. Und jedes Kreuz ist tatsächlich ein individuelles Kunstwerk, dass den verstorbenen in Wort und Bild charakterisiert. Dieser Friedhof könnte weltweit als Vorbild für einen veränderten Umgang mit dem Tod, der ja zum Leben dazu gehört, sein.

Ach ja – die Straßenhunde…

Ein gewaltiges Problem hat Rumänien mit den Straßenhunden. Wie in vielen anderen süd- und osteuropäischen Ländern leben auch in Rumänien tausende herrenlose Hunde auf der Straße. Viele von ihnen sind krank und unterernährt. Freilaufende Hunde von Privatpersonen, die nicht kastriert sind, pflanzen sich mit den Straßenhunden unkontrolliert fort. Vor allem in den Karpaten hatte ich wirklich viele Straßenhunde gesehen. Insgesamt habe ich viermal miterlebt, wie ein Hund von einem Auto bzw. LKW angefahren wurde. Alle vier Hunde haben den Unfall überlebt und flüchteten (schwer-)verletzt vom Unfallort. Ob und wie das Leben für solche Tiere dann weitergeht ist mehr als fraglich. Als großer Hundefreund kenne ich die Problematik, solchen Tieren bei uns in Deutschland ein neues zu Hause zu bieten. Der einzig richtige Weg dürfte die Kastration der Hunde sein, damit dieses seit Jahrzehnten bestehende Problem nicht nur in Rumänien, eingedämmt werden kann. Jedes Mal, wenn ich einen der vielen Streuner gesehen habe, ist mir fast das Herz gebrochen. Immer habe ich beim Frühstück in den einzelnen Pensionen oder Hotels Brotreste für meine vierbeinigen Freunde unterwegs eingepackt. Immer haben mich die Hunde mit einem verstehenden Blick freudig begleitet. Und leider habe ich auch sehr viele tote Hundekadaver am Straßenrand gesehen – das sind die Überreste von denen, die es nicht geschafft hatten.

Das Motorrad

Die BMW GS850 ist ein spektakulär unspektakuläres Motorrad. Es macht alles, was eine Enduro machen soll – aber auch nicht viel mehr. Im Gelände ist es zwar sehr berechenbar – aber auch nicht besonders agil. Auf den Straßen ist es gut motorisiert aber auch nicht besonders spritzig. Das Preis-Leistungsverhältnis ist im Vergleich zu Ihrer großen Schwester, der GS 1250 und anderen Enduros eher als teuer einzuschätzen. Sehr froh war ich wieder einmal über die robusten und absolut wasserdichten Alu-Koffer und der bequemen
Sitzbank aus dem Hause Touratech. Sehr sinnvoll sind gerade bei anspruchsvollen Offroad-Tracks der Unterbodenschutz sowie die Sturzbügel aus dem Hause Touratech. Auf all meinen Reisen begleitet mich der Compañero-Motorradanzug. Ich bin so froh, dass dieser Anzug bereits erfunden ist. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn glatt erfinden. Der luftige Sommeranzug sorgt selbst bei hohen Temperaturen für eine sehr gute Durchlüftung. Wenn die Temperaturen sinken – oder der Wettergott die Regenschleusen öffnet, so ist der „Überanzug“ der perfekte Schutz.

Was bleibt…

Meine Reise durch Rumänien endet hier in Sâpânta. Ich habe eine fantastische Zeit in diesem Balkan-Staat verbracht und bin mit vielen neuen Eindrücken gefüllt. Die Landschaft, die Menschen, die Baudenkmäler, das Meer, die Seen und die Schluchten hinterlassen nur ein Resultat: Ich muss im nächsten Jahr wieder kommen. Es gibt noch so viel in diesem Land zu erleben und zu bestaunen, so dass ich bereits heute die Tage zählen werde, bis es wieder „Buna Romania“ – zu Deutsch „Hallo Rumänien“ heißt. Auch wenn das Land in manchen Dingen sehr komische und seltsame Vorgaben, Gesetze und Regeln hat, so ist es doch liebenswert. Und wenn man sich nun fragt, was das für kuriose Bestimmungen sind, dann fällt mir gleich einmal die Geschichte mit dem Feuerlöscher ein. In Rumänien hat vor Kurzem ein Motorradfahrer einen Strafzettel bekommen, weil er keinen Feuerlöscher dabei hatte. Was ist passiert? Das rumänische Verkehrsrecht macht bei der Mitführpflicht in Kraftfahrzeugen keinen Unterschied zwischen Autos und Motorrädern. Entsprechend ist es theoretisch verpflichtend auf rumänischen Straßen einen Feuerlöscher am Motorrad zu haben. Und eigentlich auch zwei Warndreiecke und einen kompletten Erste-Hilfe-Kasten. Praktisch wurde diese Regel an Motorräder nicht angewendet - bis jetzt… Eine andere überraschende Situation für mich war, dass man bei einem beschrankten Bahnübergang beim Warten bis der Zug passiert ist, unbedingt den Warnblinker einschalten muss. Ich war nicht wenig überrascht, als ein freundlicher Polizist an einem Bahnübergang in sehr gutem Englisch auf diese Regelmissachtung hinwies und meinte, dass dies ein Strafgeld von ca. 15€ mit sich führen würde. Kassiert hat der freundliche Polizist dieses Strafgeld allerdings nicht – er beließ es bei der Aufklärung. Also – was bleibt? Rumänien ist wild und lieblich zugleich und ist sicher nicht nur eine Reise wert.



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