Oktober 2024. Ein Tag, der alles veränderte. Diagnose „Anpassungsstörung“ – oder wie die meisten sagen: Burnout. Ein einziger Tag, der mein bisheriges Leben auf den Kopf stellte. Doch es war nicht nur das Ende eines Weges, sondern der Anfang einer zweiten Chance. Die Chance, meinen Weg zurück ins Gleichgewicht neu zu erfahren.
Mein Name ist Franz-Josef, Mitte 40, kleine Familie, Haus, Garten, ein Job, der von außen perfekt schien. Ein Bilderbuchleben, in dem aber die Seele langsam erstickte. Doch ich hatte Glück im Unglück, denn meine größte Leidenschaft hat mir das Leben gerettet und einen neuen Weg gezeigt: das Motorradfahren.
Normalerweise waren meine Motorrad-Abenteuer sorgfältig geplant: eine große ACT-Tour pro Jahr mit meinem besten Freund – eine Woche Herausforderung auf zwei Rädern an den schönsten Orten Europas. Dazu ein paar Wochenendausflüge, um „Kilometer zu fressen und Benzin zu reden“ oder einfach die Seele baumeln zu lassen.
Nach diesen Trips kam ich körperlich erschöpft, aber mental erholt nach Hause. Sie waren mein Reset-Knopf. Aber diese Krise war anders, das habe ich vom ersten Moment gespürt. Sie ließ mich nicht los und war auf alle Lebensbereiche übergriffig. Eines Morgens, als ich in meinem tiefsten Moment war, sagte meine Frau etwas, das alles veränderte: „Setz dich einfach auf dein Bike und fahr los. Finde wieder zu dir selbst.“ Es war Februar.
Motorradsaison? Fehlanzeige! Die Wetterprognosen waren trüb und grau, gefärbt mit Regen, Graupel und Schnee. Auf der einen Seite schreckte mich das ab, doch dieser Gedanke, den meine Frau in meinen Kopf gepflanzt hatte, ließ mich nicht mehr los. Ich brauchte Veränderung, dringend! Früher hätte ich mir diese Gedanken „zerdacht“, jetzt fühlte ich aber, dass ich meinem Herzen folgen musste, und fasste den Entschluss, der Sonne entgegenzufahren. Dick eingepackt fuhr ich los, durch Regen, Wind und andere Unwegsamkeiten, mit dem Ziel, zu mir selbst zurückzufinden.
Allein, ohne großen Plan, auf der Suche nach mir selbst. Dass es Richtung Sonne und Süden gehen sollte, war mir klar. Am Gardasee war es zwar schön, aber auch grau und kalt. Abends in meiner Unterkunft wälzte ich erst Gedanken, dann Karten. Hier fand mein Kopf keine Ruhe, also weiter! Beim Stöbern zog Sardinien meine Aufmerksamkeit magisch an. Vor Jahren war ich mal im Sommerurlaub mit der Familie dort gewesen und hatte mir fest vorgenommen, unbedingt eines Tages mit dem Bike wiederzukommen. Jetzt war der perfekte Moment gekommen! Lazise, Pisa, Livorno. Fähre! Kurz nach dem Boarding gegen 22:30 Uhr bemühte ich im Hafen noch schnell die letzten mobilen Daten und befragte Google, wo „die 10 schönsten Strände Sardiniens“ lagen, steckte ein paar Nadeln in die virtuelle Karte und um 7:00 Uhr morgens rollte ich gut ausgeruht auf diese unglaubliche Insel.

Fünf Fahrtage bei perfekten Bedingungen und fast 1.500 Kilometer später hatte ich meinen mentalen Ballast gegen Inspiration, neue Kraft, innere Ruhe und die unbändige Lust, etwas Neues zu erschaffen, getauscht. Ich hatte sonst überfüllte Städte in einer gespenstischen, fast magischen Leere erlebt, hielt an den schönsten Stränden die Hände und Füße ins Meer und hatte wirklich Zeit und Ruhe, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Während ich die ersten Stunden noch Musik auf dem Headset hatte, tauschte ich die Klänge meiner Lieblingssongs bald gegen den Motorensound und die Ruhe der Natur. Ich konnte all das, was mich die letzten Wochen so intensiv beschäftigt hatte, langsam sortieren und für mich greifbar machen. Mein Motorrad wurde zum Katalysator meiner Seele. Am schönsten Strand, den ich (bisher) je gesehen hatte, machte ich es mir auf meinen Koffern gemütlich, bereitete die wahrscheinlich besten Instant-Nudeln meines Lebens zu und genoss sie.

Weit und breit keine Menschenseele, keine Spuren im Sand. Allein mit meinem Bike, das Knistern vom noch warmen Motor und das Rauschen der Brandung in den Ohren, die wärmende Sonne im Gesicht und eine Brise Meeresluft in der Nase. Mehr braucht man nicht, um zurück zu sich selbst zu finden. Jeder Kilometer, jede Kurve, jede Begegnung in dieser grenzenlosen Schönheit der Natur lud meine Akkus wieder auf. Fahrtwind ist für uns Biker die beste Therapie.

Der Mix aus Kurven, kleinen Ortschaften, Offroadpassagen (Teile vom TET) sowie Land und Leuten verwandelte sich in eine intensive Kurztherapie. Mein bisheriger Anspruch, alles unter Kontrolle zu halten und jeden Tag minutiös vorauszuplanen, legte sich mit jeder Begegnung mit den großartigen Menschen, die ich auf der Reise getroffen hatte. Sei es der Barista beim schnellen Espresso, die freundliche Dame an der Tankstelle oder das Vermieterehepaar, das direkt seine Garage geräumt hatte, als sie sahen, dass ich mit dem Motorrad reiste. Das Leuchten in den Augen und das Lächeln auf dem Gesicht ist immer noch die beste Methode, sich zu verständigen. So lernte ich in kürzester Zeit, loszulassen und zu vertrauen, dass sich ein Weg zeigen würde.
Das Chaos in meinem Kopf verwandelte sich in eine klare Vision. Dieser „Trip to myself“ – so hatte ich die Reise genannt – bewegte meine Seele und ist der Schlüssel für mein neues Leben nach der Krankheit. Heute, nicht ganz ein Jahr nach diesem einschneidenden Erlebnis, schaue ich voller Energie und Kraft nach vorne. Ich habe den Entschluss gefasst, mein bisheriges Leben gegen eines zu tauschen, in dem meine Erfahrungen der letzten Monate und meine Leidenschaft für Motorräder zusammenkommen, um andere auf diese Reise zu sich selbst mitzunehmen. Früher bedeutete „Höher, Schneller, Weiter“ Karriere und Erfolg. Heute haben diese Begriffe eine ganz neue, tiefere Bedeutung für mich bekommen:
- Höher hinaus in die Berge
- Schneller in die Natur, wo das wahre Leben spielt
- Weiter hinaus, um immer näher bei mir selbst zu sein.
Dieser Beitrag wurde von unserem Gewinnspiel-Gewinner Franz-Josef verfasst.
Hinweis:
Mentale Gesundheit wird oft erst dann zum Thema, wenn sie bereits ins Wanken geraten ist. Doch sie ist weit mehr als nur die Abwesenheit von Erschöpfung – sie ist das Fundament für unsere Lebensqualität. Wahre Stärke zeigt sich nicht darin, bis zum Umfallen durchzuhalten, sondern darin, die eigenen Grenzen rechtzeitig zu erkennen und radikal ehrlich zu sich selbst zu sein. Es geht darum, sich bewusst Auszeiten zu nehmen, die keinen produktiven Zweck erfüllen müssen, außer dem einen: uns wieder mit uns selbst zu verbinden. Es ist wichtig zu wissen, dass man auf diesem Weg nicht alleine sein muss. Initiativen wie der Fellows Ride (www.fellowsride.com) zeigen eindrucksvoll, wie groß die Gemeinschaft derer ist, die sich für Depressionshilfe und die mentale Gesundheit von Motorradfahrern einsetzen.











