Ich kenn da `ne Abkürzung

Nach dem Abarbeiten meines Bucket-List-Points Salar de Uyuni (BOL) im Rahmen meiner dreimonatigen Südamerikareise 2024/25 erreichte ich Argentinien von Bolivien aus über Villazón (BOL) / La Quiaca (ARG).

Wie so häufig sind Grenzübertritte ein wenig nervig und stressig, und auch aufgrund der Hitze war mir gar nicht danach, mich noch weiter im Trubel der Grenzstadt aufzuhalten. Noch ohne Gefühl für die Feinheiten des Landes entschloss ich mich dennoch in einer Kurzschlussreaktion, erst einmal Kilometer zu machen. Nach wenigen Kilometern auf der RN 9 (Ruta Nacional) fiel die Wahl auf den Beginn der RN 40, die ja gewissermaßen Legendenstatus hat (kleiner Spoiler: Legendenstatus heißt nicht, dass diese – ab dem im Folgenden beschriebenen Stück – besonders spannend oder landschaftlich schön sein muss).


So schwenke ich auf den Start dieser sagenumwobenen Ruta Nacional 40 ein, ohne Bargeld und mit halbvollem Tank (jedoch noch einem Ersatzkanister), die zu Beginn tatsächlich noch eine interessante Dirtroad ist. Wenn diese Ruta schon so wichtig ist, wird es an ihr entlang auch schon genügend Infrastruktur geben – so die Annahme …
Der Tag schreitet voran, und in der Ferne, an den ersten Andenausläufern, sehe ich immer wieder dunkle Wolken hängen und Blitze zucken. Solange ich diese neben mir sehe, bin ich ziemlich entspannt, aber immer wieder werden die Karten neu gemischt, und der Straßenverlauf führt mich direkt darauf zu.

Lediglich von ein paar leichten Schauern gestreift lande ich in Paicone, welches auf meiner Papierkarte einen nennenswerten Punkt darstellt. Erste Einkalibrierung zum neu betretenen Land: Ein Punkt dieser Größe auf meiner Karte verspricht keineswegs einen Ort mit nennenswerter Infrastruktur. Vollmundig wird am Ortseingang gelegenen Dorfplatz „Free Wifi“ versprochen.
Weitere Lehrstücke in Landeskunde: Handyempfang ist, bezogen auf die Fläche Argentiniens, absolute Mangelware und, wenn überhaupt, nur in größeren Ortschaften vorhanden. Und das zweite Lehrstück: Es gibt aus diesem Grund tatsächlich öffentliches WiFi in mancher Ortschaft. Ab und an funktioniert das auch. Hier nicht.

Überhaupt fühle ich mich ein wenig wie in einer Geisterstadt. In der Ferne sehe ich auf dem Bolzplatz ein paar Kinder. Bis ich mich genähert habe, sind diese jedoch verschwunden, und auch die restliche Ortschaft sieht eher so aus, als würde im nächsten Augenblick Tumbleweed durch die Gassen wehen und eine Mundharmonika Ennio Morricones Meisterwerk anstimmen. Von einer Tankstelle, Bank oder einem Minimarkt ist nicht einmal ansatzweise etwas zu sehen, geschweige denn von Bewohnern.
Ich schlage mein Zelt in der Nähe des Bolzplatzes auf, und in Ermangelung eines Restaurants wird die den halben Tag vorgespannte Triebfeder eines labenden Restaurantbesuches am Abend wirkungslos ins Nichts entspannt, und der Juwel-34-Benzinkocher (aka Barthelbombe) wird gezündet.


Just in diesem Augenblick fährt eine Familie am Nachbarhaus vor, und ich nutze die Gunst der Stunde mit Kommunikationsversuchen. Leider sind nach einem Monat Südamerika – allein durch das bloße Installieren und Abonnieren von Sprachlern-Apps ein halbes Jahr im Voraus – meine Sprachkenntnisse eher auf dem Niveau eines Kegelvereins auf Malle („Dos cerveza, por favor! Mille grazie!“). Ich kann jedoch entnehmen, dass mein Begehr nach Brennstoff für mein Benzinpferd sowie Bargeld in diesem Dunstkreis eher weniger Befriedigung finden wird.


Immerhin wird mir das Passwort des privaten WiFis ausgegeben, jedoch ist das Internet gerade nicht verfügbar. Die Familie zieht, ohne die sehr betagte Oma, die – wie auch ich – in dem verlassenen Örtchen zurückbleibt, weiter. Wahrscheinlich an einen geheimen, bunten Nachbarort mit Leben, Trubel, Bank und Tankstelle.


Ich lege mich zeitig zu Bett und sehe am Himmel die dunklen Wolken und zuckenden Blitze bedrohlich näher ziehen. Bald schon prasselt der Regen, und gleich in einer solchen Intensität, dass in einer intrinsischen Schleife permanente Abfragen nach Stellplatzwahl, morgendlicher Weiterfahrt und vor allem trockener Nacht ablaufen.

Gegen zehn Uhr am Abend nagelt ein alter Diesel neben meinem Zelt, und ich höre nur ein „¿Todo bien?“, was ich bejahe. Man will ja niemandem zur Last fallen, und so ein bisschen Regen wird doch einen großen Abenteurer von Welt nicht zur Aufgabe zwingen? Im Verlauf der aufgrund des sintflutartigen Regens schlaflosen Nacht stelle ich mir jedoch immer häufiger die Frage, ob die Nachfrage, ob alles gut sei, bloß Nettigkeit oder gar echte Besorgnis war. Langsam beschleicht mich der Gedanke, dass es vielleicht doch kein in diesen Breitengraden vollkommen durchschnittlicher Regenschauer war.


Pünktlich zum Morgengrauen, wenn es sich eh nicht mehr so recht lohnt zu schlafen, findet der Regen ein Ende. Zu meinem Glück sind die Wassermassen an meinem Zelt vorbeigeflossen. Der Baum, unter dem mein Zelt stand und der durchaus auch als Blitzableiter – oder eher Blitzfänger – hätte fungieren können, konnte zwar einiges an Regenlast abnehmen, dafür hatten auch die gefiederten Bewohner des Baumes bei dem Mistwetter nicht wirklich Lust, für die Notdurft das schützende Blätterdach zu verlassen, und haben mir Dutzende Geschenke hinterlassen. Die Kameraden sollten ihren Smutje verklagen, oder das Gesundheitsamt sollte zumindest mal die Küche untersuchen. Nicht normal, was da in einer Nacht zusammenkommt.

Nach einem hochkonzentrierten Kaffee zur Kompensation der relativ schlaflosen Nacht will ich es meinen gefiederten Nachbarn gleichtun und suche das nahe Flussufer auf. Spätestens jetzt wird mir bewusst, dass da etwas auf mich zukommt: Das Bächlein vom gestrigen Abend würde in einer mittelgroßen deutschen Stadt direkt eine Petition zur Einrichtung einer stehenden Welle auslösen.


Ich packe meine Sachen und leere den Rest meines Reservekanisters in den Tank, womit mir zumindest wieder ein paar weitere rettende Kilometer zur Verfügung stehen. Wann und wo ich jedoch wieder Sprit bekommen kann, ist mehr als fraglich. Ein wenig unruhig, aber doch guter Dinge, setze ich die Fahrt auf der RN 40 fort.
Schon aus der Ortschaft heraus hat die Stimmung ein Loch: Der Untergrund der Dirtroad ist zwar so gut verdichtet, dass er fest bleibt, die obere Schicht jedoch ist ein feiner, schleimiger Matsch – mit dem Grip einer nassen Seife auf Badezimmerfliesen. Ich verfluche ein ums andere Mal die Adipositas meines treuen Kameraden und meines Hausstandes und eiere Meter um Meter nach vorne. Zwischenzeitlich ändert sich auch mal die Konsistenz, und im Nu höre ich fiese Schleifgeräusche und muss deutlich mehr Gas geben: Der Schlamm hat die Räder so zugesetzt, dass das Vorderrad im Kotflügel ausgebremst wird.

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Abermals blicke ich auf die Karte und überlege, was clever sein könnte, und sehe dort eine (vermeintlich nennenswerte) Ortschaft, die deutlich näher zu sein scheint als die nächste auf der RN 40. Leider ist auf der Gesamtkarte von Argentinien im Maßstab 1:2.000.000 keine direkte Verbindung dorthin zu sehen. Das Navi findet jedoch eine solche, die auch noch den offiziellen Namen RP 7, Ruta Provincial, hat.
Dazu muss ich jedoch umkehren und Paicone abermals queren. Abermaliger Reset, Neustart am Ausgangspunkt – Stunden später.

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Ich verlasse den Ort in die andere Richtung und stehe auch dort, am Ortsausgang, bald vor einem schwer zu ignorierenden Problem: Das ehemalige Bächlein neben meinem Nachtlager ist einer von vielen Nebenarmen des Río Grande de San Juan, der bis zum gestrigen Tag wohl maximal bis zum Felgenhorn im Wasser hätte gequert werden müssen, heute jedoch eine ganz andere Nummer ist.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als mir den ersten der Arme vorzunehmen und mit einem Stock stochernd einen Weg zu finden. Das Dumme ist: Ich finde nichts, was einem mitteleuropäischen, vollversicherten Bausparer mit festem Arbeitsvertrag ein wohliges Gefühl bereiten würde. Es ist noch keine zehn Uhr am Morgen, die obere Körperhälfte ist schon komplett nassgeschwitzt, die untere voller sedimenthaltiger Dreckbrühe.


Hinter mir am Ufer vernehme ich das kehlige Knattern eines Potenz vortäuschenden Chinakrachers. Ich gehe zurück zum Ufer und werde offensichtlich vom Dorfpolizisten mit seinem Moped empfangen. Mit Händen und Füßen macht er mir klar, dass er den Fluss kennt und mir den Weg zeigt. Er geleitet mich, nun wirklich im wahrsten Sinne des Wortes, off-road am Flussufer entlang. Er mit knapp 120 kg Chinakracher, ich inklusive Gepäck wohl irgendwo zwischen 250 und 300 kg.


Schließlich hält er an und entledigt sich seiner Schuhe und der Pistole, welche nun für die nächste Viertelstunde allein irgendwo im Gras liegt. Gestikulierend versucht er mir zu zeigen, wo welcher der knapp sechs Arme zu kreuzen ist, und mir rutscht beim Anblick der Wassermassen das Herz in die Hose. Da ist sie wieder, diese Gratwanderung vergangener Reisen, wenn Einheimische vielleicht nicht wirklich einschätzen und projizieren können, was mit so einem beladenen Brocken im Vergleich zu einem kleinen
Moped oder gar einem 4x4 realistisch ist – und was nicht.

 

Schon vorher habe ich mich dazu entschieden, dass es keine Option ist, in Paicone auszuharren. Zu unsicher sieht mir der Himmel aus, und zu trostlos ist es dort. Also bleibt ohnehin nur, dem eifrigen Gendarmen zu vertrauen. Vorteil zudem: Sollte ich dort „Yellow Submarine“ spielen und nicht wieder auftauchen, kann er die Meldung gleich selbst schreiben, und sie muss nicht Tage später mühsam rekonstruiert werden, wenn auf dem Weg zum Meer irgendwo im Treibholz ein vollgerödeltes Moped mit deutschem Kennzeichen gefunden wird. Kann es eine bessere Option im Moment geben?
Samuel – so heißt der Polizist im Übrigen – knattert also barfuß und geschickt durch den ersten Arm, ohne dass sein Vorderrad überraschend verschwindet, und ist alsbald am anderen Ufer wieder oben. Noch einmal kurz die Schweißflecken unter den Achseln neu benässt und ohne große Probleme hinterher. Easy.

So geht es zickzack über Inselchen und durch die verschiedenen Arme. Meine Nebennieren sind kurz davor, in den Streik zu treten, da sie mit der Adrenalinproduktion nicht mehr hinterherkommen. An einem der letzten Flussarme passiert es fast: Das Vorderrad rutscht weg, schlagartig bin ich in einer tieferen Rinne, und das Flusswasser läuft über meinem Zylinder zusammen. Glücklich ist der technisch Unbeleckte. Dicht über der Zylinderebene liegt der Ansaugschnorchel, und ich sehe mich schon Fischchen durch den Kerzenschacht herauspulen oder gar ein krummes Pleuel in der Dorfschmiede ausbauen.
Ich schaffe es dennoch technisch unbeschadet an das andere Ufer und habe gefühlt schon ein Tagewerk hinter mir. Jetzt eine trockene Unterkunft und ein Bett … Immerhin scheint eine nennenswerte Ortschaft nun weitaus näher als bei der ersten Variante, und – wenn man das noch so nennen kann – frohen Mutes mache ich mich auf den weiteren Weg. Schlimmer kann es ja jetzt eigentlich nicht mehr werden.

Tatsächlich reißen die Wolken auf, die Sonne scheint, gemütlich cruisend können die Klamotten ein wenig trocknen – und ich auch. Eine große Last fällt ab, ich reite mit Einhörnern um die Wette durch Zuckerwattewolken. Bis die Straße hinab in einen Canyon führt.
In diesem Canyon sollte sich eigentlich die weiterführende Gravelroad befinden. Das mag bis gestern noch gestimmt haben. Dumm nur, dass der Canyon gestern an seine Ursprünge erinnert wurde und einmal feucht durchgewischt hat. Es ist auch nicht einmal so, dass ich mich schleichend in das Unglück gestürzt habe: Nein, schon um vom „normalen“ Straßenverlauf in den Canyon einzufahren, muss ich mehr oder minder auf gut Glück den Dicken und mich steil in den entstandenen Fluss „versenken“, weil die Schotterrampe weggespült ist.

Dieses Mal bin ich nun allein, aber ich will jetzt schon einfach nur zurück in die Zivilisation. Das Vorderrad steht in einer tiefen Kuhle im Fluss, der Arsch am Hang oben, ich irgendwie dazwischen. Es ist klar, dass das wieder viel körperliche Arbeit wird und auch Urlaubsanträge der Kupplung geflissentlich abgelehnt werden müssen.

 

Endlich ist der Eimer wieder in der Waagerechten. In theoretisch bester Ausgangslage komme ich jedoch keine zwei Meter, bis die Reise aufgrund des losen Schotters am Hinterrad nur nach unten statt nach vorne geht. Wie schön war doch die Zeit, als man einfach mit den Füßen auf den Boden stampfen, die Arme verschränken und alles laut zusammenheulen konnte. Einmal kurz Tränendrüse, hochroter Kopf, und kurz darauf Muttis Taschentuch im Gesicht – alles wieder in Ordnung.

Tendenziell ein geniales Konzept in einem Augenblick wie diesem, jedoch eher in der Kategorie „utopisch“ anzusiedeln. Also das Ganze noch einmal von vorne: teilweise Gepäck abrödeln, auf die Seite legen, Kies und Schotter von Hand wegräumen, aufrichten, ein paar Meter fahren und auf vermeintlich sicherem Terrain abstellen, Gepäck aufrödeln, weiterfahren.
Am Ende des Tages habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich dieses Prozedere hinter mich gebracht habe. Besonders fies ist der Augenblick, wenn nichts mehr vorwärtsgeht und man seinen übergewichtigen Kumpel ablegen MUSS, weil er zu tief eingegraben ist, um den Seitenständer zu nutzen. Was unten liegt, muss leider auch aufgehoben werden. Wenigstens kann man beim gezielten Ablegen noch die Seite wählen und so verhindern, dass man den Ansaugschnorchel im „Río Nuevo“ flutet.

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Der Canyon lernt eine Menge hässlicher deutscher Wörter von mir und wiederholt sie auch brav und fehlerfrei mehrfach, nachdem ich sie ihm vorgesagt habe. Die Motivation wird dennoch stetig hoch gehalten, da mir zwar nicht klar ist, wie stabil das Wetter bleibt, jedoch schon, dass ich dort ganz bestimmt nicht übernachten werde.
Irgendwann ist jedoch tatsächlich auch der Canyon zu Ende, und plötzlich erscheint mir eine aufgeweichte Dirtroad wieder so angenehm, wie barfuß über eine sanfte Blumenwiese zu schweben. Fast schon gleichgültig registriere ich, dass die Straße über die Hälfte abgerutscht ist und ich zwar bequem mit meinem Einspurfahrzeug über den Rest fahren kann, aber bestimmt nicht bei dem anderen Rest viele Meter weiter unten landen möchte.
Entspannung macht sich breit, positive Stimmung und die bescheidene Hoffnung auf ein baldiges Ende der Tortur. Bilder von einer schmuddeligen, durchgelegenen Matratze eines klappernden Bettgestells mit einer warmen Dose Quilmes in der Hand, die ich den Spinnen und Bettwanzen meines Tagtraumes zuproste, machen sich breit.
Leider werde ich alsbald wieder aus meiner süßen Tagtraumwelt gerissen, als vom seitlichen Hang herab mehrere frische, tiefe Gräben mit sehr weichen Ufern die Straße kreuzen. Etwas zu positiv – weil einfach faul – gestimmt, versuche ich, diese direkt zu queren, und wühle mich natürlich ein.
Das, was ich vorher hätte machen sollen, muss ich nun nachholen: die Gräben auffüllen und vor allem befestigen, mit Steinen und Material aus der Gegend. Zusätzlicher Schwierigkeitsgrad: Im Gegensatz zur vorausschauenden Variante muss nun noch der dicke Berliner Bayer aus seiner misslichen Lage befreit werden, was abermals Abrödeln bedeutet.

 

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Erstmals ertappe ich mich ernsthaft bei dem Gedanken, nun wirklich auf der Straße mein Zelt aufzubauen und nach einer erholsamen Nacht morgen frisch gestärkt den Rest in Angriff zu nehmen. Einzig das „frisch gestärkt“ könnte ein Thema werden, gehen doch meine Lebensmittelvorräte und auch der Kraftstoff zu Neige. Und seien wir ehrlich: Warum soll man sich zwei Tage mit so einer Schinderei versauen, wenn einer doch (hoffentlich) ausreicht?
Schon spät am Nachmittag erreiche ich ein Dorf – oder besser: eine Ansammlung von Häusern im Nichts. Ich halte an, falle schier vom Motorrad und bleibe einfach auf der Straße liegen. Das Erwachsenenäquivalent von mit den Füßen auf den Boden stampfen.


Es kommt zwar keine Mutti mit Taschentuch, aber ein neben mir an seiner Hausmauer werkelnder Bewohner mit einer Cola und einem Apfel. Gegenüber dieser Ortschaft Casa Colorada wirkte Paicone noch wie eine pulsierende Großstadt. Ich versuche, meinem edlen Colaspender noch weitere Informationen abzuringen, und bin am Ende positiv gestimmt: Der nächstgrößere Ort kann nicht mehr so weit sein. Bettwanze und warmes Bier – ich komme!
Ich kann dem Gespräch noch entnehmen, dass das Unwetter das Dorf wohl ziemlich erwischt hat und die restlichen Bewohner es am heutigen Morgen verlassen haben. Baumaterial besorgen, Fußpflegetermin, Saunagang – warum auch immer. Soll mir gleich sein.

 

Ordentlich durch zuckrige Brause und Apfel geboostert und mit dem Wissen, dass es nun wirklich nicht mehr so weit sein kann, starte ich frohen Mutes durch, um wenige Meter hinter dem Dorf zu wissen, wo denn mindestens ein weiterer Bewohner abgeblieben ist: Eine Schottermoräne hat die Straße unter sich begraben, und nur mit einer Schaufel bewaffnet versucht er sein Bestes, um die Straße in irgendeiner Weise wieder befahrbar zu machen.
Aufgrund des schrägen Winkels der Moräne und des losen Untergrunds nehme ich zum ungezählten Mal an diesem Tag die Koffer und die Packrolle ab und wühle mich mit stinkender Kupplung auf der schiefen, rutschigen Ebene über die Gesteinsmassen auf die andere Seite. Der Wasseranteil der Cola ist derweil schon wieder aus meinem Körper ausdiffundiert.

In der Annahme, dass das zwar nun echt unnötig war, es aber jetzt endlich problemlos weitergeht, wiederholt sich die Situation noch genau drei weitere Male mit unterschiedlichen Dorfbewohnern. Mittlerweile habe ich aufgegeben, Jacke und Helm aufzusetzen, da es sich nicht mehr lohnt und mein Körper dringend Kühlung benötigt.
So kommt es, dass mir nach weiteren wenigen Kilometern ein Minibus begegnet, der eigentlich Casa Colorada anfahren sollte. Ich kann ihm jedoch vermitteln, dass er lieber hier, wo noch etwas Platz ist, wenden soll und man besser einen kurzen 4x4 schicken möge. Als Dank bekomme ich noch ein paar Flaschen Wasser, die beim Trinken wahrscheinlich direkt als Dampfwolke aus meinem Kopf schießen.

 

Das positivste aller Signale jedoch: Wenn mir an dieser Stelle ein alter Sprinter entgegenkommt, dann kann das warme Quilmes wirklich nicht mehr weit sein! Ich setze meinen Helm wieder auf, richte meine Sachen und prügele die immer noch arg in Mitleidenschaft gezogene Strecke nur so lang – noch mit Sicherheitsreserven, aber doch zügig.
Endlich erreiche ich Rinconada, doch auch hier habe ich mich von Größe und Infrastruktur täuschen lassen: Die Tankstelle ist verlassen, weder ein Minimarkt noch ein Hostal vorhanden.
Für diese Enttäuschung habe ich sechs Stunden für die 50 Kilometer benötigt. Sicher, besser als alles bisher Dagewesene, aber zu diesem Zeitpunkt hat sich mein Fiebertraum schon zu sehr manifestiert: Abra Pampa – ein vielfach größerer Fleck auf der Karte – und das Navi spuckt einige Einträge zu Unterkünften, Minimärkten oder gar Hotels aus.

Ich schwinge mich in den Sattel, kalkuliere Reichweite und Verbrauch noch einmal und merke, dass es echt knapp werden kann. Glücklicherweise gleicht die Straße nach Abra Pampa im Verlauf einer Autobahn: weite Bögen, wenig Abbiegungen. Lange Welle rein und gleiten. Der Untergrund ist feinste Piste mit ein paar Waschbretteinlagen – ein Genuss nach der Tortur des Tages.
Die Kilometerangabe nach Abra Pampa schmilzt dahin, und irgendwann verdränge ich den spritsparenden Schwaben in meinem Kopf und lasse dort Gaston Rahier einziehen. In eine Staubwolke gehüllt tanze ich über die Waschbrettpiste mit 140 km/h an einem Bus vorbei und hoffe heimlich, dass einer der Insassen meinen Husarenritt filmt und er in den argentinischen Abendnachrichten viral geht – wohlwissend, dass ich unter normalen Umständen bei der Fahrweise schon die Unterhose hätte wechseln müssen.
Ich erreiche Abra Pampa und finde im zweiten Anlauf ein Hotel mit Platz für mich und mein Motorrad. Das Bett und das Zimmer sind soweit sauber, und das Bier sogar gekühlt … Das Zischen beim Öffnen der ersten Dose Bier geht im Rauschen des einsetzenden
Wolkenbruchs unter.

Dass das Geld abheben sowie auch Kartenzahlung nicht unbedingt einfach sind, der Hotelbesitzer dahingehend jedoch flexibel ist, was die Währung angeht, werde ich erst am nächsten Tag erfahren …



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